„Die letzte Äbtissin: Ihr bewegtes Leben in Säckingen“

von Sandhya Hasswani

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 01. September 2022
Verlag: Friedrich-Reinhardt Verlag
Ausgaben: Taschenbuch & eBook
ISBN:  978-3724525745
Seitenanzahl: 544 Seiten
Preise: 19,80€ (Taschenbuch), 18,99€ (eBook)

Homepage:
https://sandhy-schreibt.de

Klappentext:
„1751: Die junge Mari-Anna erlebt, wie ihr Lebensmittelpunkt – das Stiftsmünster von Säckingen – in nur einer Nacht niederbrennt, zudem fällt dem jungen liberalen Kaiser Joseph ein, sämtliche Klöster in Süddeutschland aufzulösen. Das Frauenstift ist in seiner Existenz bedroht. Wird es Mari-Anna gelingen bei all den gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen ihren Weg zu beschreiten? Welt, Geist, Leben im 18. Jahrhundert am Hochrhein: Der spannende historische Roman erscheint anlässlich des 300. Geburtstags der Säckinger Fürstäbtissin Mari-Anna F. von Hornstein-Göffingen (1723-1809), Stifterin des Fridolinschreins. Eine starke Frau, die uns heute in einer ähnlich unruhigen Welt durch ihren Mut inspiriert.“

*Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise von der Autorin auf der Buchmesse in Hinterzarten als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank dafür.
– Ich habe von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistungen erhalten, die Rezension spiegelt meinen persönlichen Lese-Eindruck wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars kennzeichne ich diese Rezension als Werbung.

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Das Buch „Die letzte Äbtissin: Ihr bewegtes Leben in Säckingen“ von Sandhya Hasswani ist ein historischer Roman der im 18. Jahrhundert vorwiegend im Süden Deutschlands angesiedelt ist und das Leben der Säckinger Fürstäbtissin Mari-Anna F. von Hornstein-Göffingen (1723-1809) zeigt.

„Auf ein Zeichen des Bischofs schritt sie vor ihm die Stufen hinunter. Sie konnte noch immer kaum fassen, dass sie Fürstäbtissin von Säckingen war, und doch war es wahr. So wahr wie der Beifall ihrer Brüder und Schwestern in den ersten Reihen und die Tränen der glücklichen Stiftsdamen auf der anderen Seite und das zufriedene Lächeln ihrer Mutter und all der anderen, deren Gratulationen sie gleich entgegen nehmen würde.“

[Seite 138, Kapitel 09]

Säckingen 1751: Fassungslos muss die junge Mari-Anna dabei zu sehen, wie das Stiftsmünster von Bad Säckingen durch eine Unachtsamkeit niederbrennt und damit auch ihr Lebensmittelpunkt verloren ist.
Kurz darauf wird Mari-Anna zur Fürstäbtissin von Säckingen ernannt – und sie steht vor gewaltigen Problemen: Kaiser Joseph II. will sämtliche Klöster in Süddeutschland auflösen. Ein Plan, der auch das Frauenstift in Säckingen bedroht.
Außerdem ist die Gesellschaft im Wandel und Mari-Anna muss an vielen Fronten kämpfen – für ihre Mitschwestern, für ihr Stift, für das Münster – aber auch für sich selbst.

Dieses Buch erregte auf der Buchmesse ‚Blätterrauschen‘ in Hinterzarten im April 2024 mein Interesse. Da ich sehr gerne historische Romane lese und dieser zudem noch in der Nähe meiner Heimat angesiedelt ist, wollte ich dieses Buch sehr gerne lesen. Das 18. Jahrhundert ist eine Zeit, über die ich noch nicht viel gelesen habe und auch der Name ‚Fürstäbtissin Mari-Anna‘ sagte mir bisher noch nicht viel. Die Autorin Sandhya Hasswani und ich kamen auf der Buchmesse ins Gespräch und sie überreichte mit ihren Roman freundlicherweise als Rezensionsexemplar – an dieser Stelle ganz herzlichen Dank dafür.
Das Buch ist ein einfaches Taschenbuch ohne Klappen und umfasst insgesamt 544 Seiten, welche sich auf einen Prolog, 40 Kapitel, ein Nachwort und eine Zeittafel aufteilen.
Das schlichte und doch sehr ausdrucksstarke Cover zeigt ein Gemälde der Fürstäbtissin Mari-Anna – mit ihrem sanften und gleichzeitig entschlossenen Blick zieht sie den Betrachter in ihren Bann. Mari-Anna ist auf diesem Bildnis in schwarz gekleidet, sie sitzt auf einem rot gepolsterten Stuhl und hält in der rechten Hand ein Jesuskreuz.
Die Handlung des Buches beginnt mit einem ergreifenden Prolog, in dem der Leser/ die Leserin die ältere Mari-Anna kennenlernt, welche vor einem großen Umbruch in ihrem Leben steht. Mit dem ersten Kapitel geht es dann viele Jahre zurück in die Vergangenheit – in das Jahr 1751. Die Handlung steuert dann in den folgenden Kapiteln auf die Szenerie des Prologs entgegen, was für einen guten Lesefluss und auch eine gewisse Spannung sorgt, da man gerne wissen möchte, wie es zu den Ereignissen des Prologs gekommen ist.
Zudem hat Sandhya Hasswani einen außerordentlich bildhaften und wunderbaren Sprachstil, der mich direkt mit in die Geschichte genommen hat. Ich konnte mir die Orte und Menschen gut vorstellen und baute zu vielen der Figuren schnell eine enge Bindung auf.

„» (…) Versteht mich bitte richtig: Mir ist es die vornehmste, die heiligste Aufgabe, das Andenken an unseren heiligen Fridolin zu bewahren, darüber hinaus tragen wir aber auch Verantwortung für die Menschen in unseren Landen. Allein deshalb darf das Stift in den Augen des Kaisers nicht an Bedeutung verlieren. (…) Es geht hier um Menschen. Um Menschen aus unseren Stiftsgebiet, die sich dem Schutz unseres Patrons anvertrauen.«“

[Seite 91, Kapitel 05]

Mari-Anna ist die titelgebende Hauptfigur des Buches und die Leser und Leserinnen begleiten sie durch die vielen und bewegten Jahre ihres Lebens. Zu Beginn ist sie eine junge Frau, welche noch etwas unsicher ist, im Laufe der Handlung wächst sie zu einer starken und hochgeachtete Frau heran, die genau weiß, was sie erreichen möchte – und wie ihr das gelingt. Sie muss auch immer wieder Rückschläge hinnehmen und auch der ein oder andere Schicksalsschlag bringen sie nicht von ihren Zielen und Wünschen ab. Als Äbtissin ist sie immer für die Frauen ihres Stift da und lässt sich auch von ihren Widersachern nicht aus der Spur bringen. Ich mochte Mari-Anna ehrlichen und diplomatischen Charakter ab der ersten Seite und fühlte mich schnell mit ihr verbunden. Vor allem ihre tiefen Freundschaften und das Vertrauen, welches sie vielen Menschen in ihrer Umgebung entgegen bringt, machte sie in meinen Augen sympathisch und liebenswert.
Vieles aus dem Leben der Fürstäbtissin Mari-Anna ist historisch überliefert. Einige der Charaktere, die neben ihr leben und agieren sind ebenfalls historisch oder an historische Figuren angelehnt, wohingegen einige Charaktere hingegen fiktiv sind. Sie alle, egal ob historisch oder fiktiv, bilden ein gutes Bild der damaligen Zeit ab und ihre vielfältigen Geschichten und Hintergründe sind gut miteinander verbunden. Auch die Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen zwischen einigen der Figuren waren stets fassbar und zogen mich schnell in die emotionale Geschichte hinein.
Natürlich gibt es auch die etwas unliebsamen Charaktere, über die ich oft den Kopf schütteln musste – doch eine gute Geschichte lebt meiner Meinung nach auch von und durch unsympathische Figuren.
Hier ein kleiner Kritikpunkt: Da es doch einige Figuren und Namen sind, die man im Kopf behalten muss, wäre ein Personenregister sinnvoll gewesen.

Den historischen Hintergrund bildet das 18. Jahrhundert: Es ist die Zeit der Aufklärung und damit der Beginn der Moderne in Europa. Doch in diesem Jahrhundert wurde nicht nur die Moderne eingeleitet, sondern auch über 20 Kriege in Europa geführt, bei denen es meistens um Macht und Macht-Erweiterung ging. Die Mitte Europas war in zahlreiche mittlere und Kleinstterritorien zersplittert, die Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation waren. Unter ihnen ragten Preußen und Österreich heraus, die in diesem Jahrhundert vor allem durch ihre Territorien außerhalb des Reiches sich zu europäischen Großmächten entwickelten. 
Mit wenigen Ausnahmen waren die europäischen Gesellschaften Ständegesellschaften, dieser Standeszugehörigkeit konnten nur wenige Menschen durch Aufstieg entkommen. Der Stand bestimmte sowohl die persönlichen Rechte als auch den Zugang zu Ressourcen und Bildung. Das Ständewesen teilte die Menschen zumeist in Adelige, Bürger und Bauern. Hinzu kam in katholischen Ländern der Klerus.
An der Spitze der Ständepyramide stand oft ein Monarch, seltener eine Monarchin. Die monarchische Machtfülle wurde von ständischen Privilegien begrenzt, wobei die Macht der Stände und ihrer regional sehr unterschiedlich war und sich im Laufe des Jahrhunderts änderte.
Große wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche brachte die Industrielle Revolution, welche in Großbritannien begann. Mehrere Erfindungen in der für Großbritannien so wichtigen Textilindustrie, wie die ‚Spinning Jenny‘, ermöglichten es bei gegebenem Einsatz von Arbeitskräften größere Mengen Garn und Textilien herzustellen. Zum Jahrhundertende gab es erste Ansätze der Industrialisierung in Nordfrankreich, Flandern und einzelnen deutschen Regionen.
Neben der Industriellen Revolution kam es ab dem Jahr 1789 zudem noch zur Französischen Revolution. Dies war der gesellschaftliche Aufstand der einfachen Bürger und Bürgerinnen in Frankreich zwischen 1789 und 1799, die sich gegen die Unterdrückung durch den König wehrten. Im Verlauf der Französischen Revolution wurden der König und viele Revolutionsgegner hingerichtet.
Ein weiteres historisches Thema, über welches ich zum ersten Mal gelesen habe, ist die Verbannung von ganzen Familien ins Banat (eine historische Region in Südosteuropa, die heute in den Staaten Rumänien, Serbien und Ungarn liegt) im Oktober 1755. Hierhin wurden unliebsame Menschen zwangsverwiesen, welche zuvor aus ihren bisherigen Leben gerissen wurden und weitab ein neues Leben beginnen mussten.
Vor allem im Hinblick auf das Leben in einem Damenstift habe ich durch den Roman „Die letzte Äbtissin“ eine Menge dazu gelernt: Auch wenn es von außen betrachtet wie das Leben in einem Kloster wirkt, ist das Frauenstift oder Damenstift eine religiöse Lebensgemeinschaft für Frauen, die ohne Ablegung von Gelübden in einer klosterähnlichen Anlage leben. Bei ihrem Eintritt legten die Stiftsfrauen nur die Gelübde der Keuschheit und des Gehorsams gegenüber ihrer Äbtissin ab, konnten jedoch heiraten, wenn sie auf ihre Pfründe verzichteten. Zudem verzichteten sie bei Eintritt weder auf ihren Privatbesitz noch auf ihre Erbansprüche und konnten das Stift jederzeit verlassen.
All diese (mitunter komplexen und komplizierten) geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe stellt die Autorin sehr anschaulich und mitreißend da. Ich habe eine Menge dazu gelernt und meinen Horizont durch diese Lektüre sehr erweitert.
Der Roman ist ein sehr rundes und vor allem eindringliches Leseerlebnis, welches ich mit Sicherheit so schnell nicht vergessen werde – danke dafür.

„Sie schaute in die Flamme und gedachte all der Frauen daheim in Säckingen. Nicht nur der Damen, auch der vielen Angestellten, denen das Stift Brot und Obdach bot, und auch den vielen Äbtissinnen, die vor ihr in Säckingen gewirkt hatten – mehr als sechshundert Frauen. Sie ging auf die Knie, faltete die Hände und betete, und im Gebet war es, als würden die liebe Helena, Mutter Regina und all ihre Vorgängerinnen in einer langen Reihe hinter ihr stehen und sich vor den heiligen verneigen. Und als sie aufsah, flackerte die kleine Flamme munter auf.“

[Seite 409, Kapitel 31]

Fazit: „Die letzte Äbtissin: Ihr bewegtes Leben in Säckingen“ ist ein sehr stimmungsvoller historischer Roman, der mich mit den authentischen Charakteren und den akribisch recherchierten geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründen überzeugt hat. Eine interessante Zeitreise in ein spannendes Jahrhundert und ein bewegtes Leben, welches von Umbrüchen gezeichnet war. Sehr lesenswert und absolut empfehlenswert.

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

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