„Glasvulkan – Schall & Rauch“

von Silvia Hildebrandt

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 11. Januar 2024
Verlag: Selfpublishing
Ausgaben: Taschenbuch und eBook
ISBN:  979-8371860958
Seitenanzahl: 352 Seiten
Preise: 14,99€ (Taschenbuch), 01,99€/5,99€ (eBook)
https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1070768616

Klappentext:
„Eintauchen in die schillernden Goldenen Zwanziger. Richárd, Franz und Blanka aus dem ehemaligen Österreich-Ungarn träumen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs von Ruhm und Erfolg. Das Emelka Filmstudio in München bietet dafür die geeignete Bühne.
Während eine Hyperinflation die Weimarer Republik in die Mangel nimmt, scheint der Aufstieg der drei unaufhaltsam zu sein. Doch der Erfolg ruft auch Neider auf den Plan, die bis in die höchsten politischen Kreise reichen. So laufen der NSDAP die Menschen in Scharen zu.
Für die jüdischstämmigen Franz und Blanka und den Autisten Richárd geht es bald um das nackte Überleben.“



*Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise von der Autorin als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

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Das Buch „Glasvulkan – Schall & Rauch“ von Silvia Hildebrandt ist der Auftakt einer historischen Romanreihe, spielt von 1920 bis 1926 zu einem Teil im ehemaligen Österreich-Ungarn, zum anderen Teil in München und zeigt das Leben drei junger Menschen, welche in den Goldenen Zwanziger Jahren auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück sind.

„Den meisten war es fast gleich, was man eigentlich feierte, so schien es Richárd, sie waren traumatisiert von Krieg und Influenza, gelangweilt von den Winterbällen der Älteren, und hatten sich seit einer Woche in einen endlosen Rausch gestürzt. Sechs Jahre lang hatte man gelernt, dass das Leben von einem Tag auf den anderen enden konnte. Nun tanzte, trank und lebte man weiterhin so, als gäbe es kein Morgen.“

[Seite 87]

Temesvár, im ehemaligen Österreich-Ungarn: Während der junge Richárd nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter bei seinem Onkel und Cousin in ärmlichen Verhältnissen aufwächst, wachsen Blanka und ihr Bruder Franci als Kinder einer jüdischen Industiellenfamilie wohlbehütet und ohne Geldsorgen auf. Als Richárd in die Schulklasse von Franci kommt, freunden sich die Beiden an und kurze Zeit später verliebt Richárd sich in Blanca – doch ihre Liebe ist kompliziert.
In absehbarer Zeit soll Franci die familieneigene Firma übernehmen – danach steht ihm so gar nicht der Sinn, denn er will nach seinem Schulabschluss nach München und in einem Filmstudio Karriere machen und das Leben in vollen Zügen genießen. Der autistische Richárd möchte in München Germanistik studieren. Die beiden jungen Männer schließen sich zusammen und beginnen in der fernen Stadt ein neues und aufregendes Leben. Richárd kann Blanka nicht vergessen und Blanka kann auch Richárd nicht vergessen.
Doch die Hyperinflation nimmt die gesamte Bevölkerung der noch jungen Republik in die Mangel und die NSDAP bekommt immer mehr Zulauf. Dazu kommt, dass Franci sich mit seinem unkonventionellen Lebensstil nicht nur Freunde gemacht hat – sondern auch Feinde.

Im Juni 2021 habe ich das Buch „Trümmerland“ von Silvia Hildebrandt gelesen, welches mich vor allem mit dem spannenden und perfekt recherchierten geschichtlichen Hintergrund begeistert hat. Im Februar 2024 bot mir die Autorin ein Rezensionsexemplar von ihrem neusten Roman „Glasvulkan – Schall & Rauch“ an. Dieses Buch ist mir in den Sozialen Medien immer mal wieder begegnet, wobei das Thema und die Zeit mein Interesse geweckt haben. Diese Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und der Hyperinflation finde ich sehr interessant, da man nur mit diesem Vorwissen die NS-Zeit richtig einordnen kann. Auch wenn ich mittlerweile einige Romane gelesen habe, die in dieser Zeit spielen, wollte ich das Buch sehr gerne lesen. Also sagte Silvia Hildebrandt eine Rezension zu und bekam das Buch wenige Tage später zugesendet – an dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön dafür.

Neben dem Klappentext weckte auch das sehr stimmungsvolle Cover meine Aufmerksamkeit. Es zeigt eine Collage der drei Hauptfiguren der Geschichte: Der Mann links schaut mit halbgeschlossenen Augen nach unten, der Mann auf der rechten Seite blickt mit einem wachen Blick zur Seite. Der offene Blick der Frau ist direkt in die Kamera gerichtet und zieht den Betrachter/ die Betrachterin direkt in das Cover hinein. Unterhalb der Collage befinden sich der Name der Autorin, der Titel und der Untertitel des Buches und das schwarz-weiß Bild eines historischen Automobils. Besonders schön und harmonisch finde ich den goldfarbenen Rahmen und den weißen Hintergrund, welche sich auf ebenfalls auf dem Buchrücken und der Buchrückseite befinden.
Bei der Ausgabeart handelt es sich um ein einfaches Taschenbuch ohne Klappen mit insgesamt 352 Seiten. Nach zwei Zitaten, einem Überblick über die handelden Personen und ‚Hinweise zur Aussprache‘, beginnt der erzählende Teil im September 1920.
Die Handlung des Buches gliedert sich in drei Teile auf:
– „Teil I: Mein kleiner grüner Kaktus“
– „Teil II: Straße, Freiheit, Gegenwart“
– „Teil III: Heut‘ geh’n wir morgen erst ins Bett“
Diese Teile sind in einzelne Kapitel unterteilt, welche alle mit einer Überschrift und Zeit- und Ortsangaben versehen sind. Dies sorgt für eine gute zeitliche und örtliche Orientierung in der Geschichte.
Mit dem Epilog befinden wir uns dann im Sommer 1926 – somit umfasst die gesamte Handlung etwa sechs Jahre. Mit einer ‚Bemerkung‘, der ‚Danksagung‘, der Trigger Warnung und einem Überblick über das Gesamtwerk der Autorin wird das Buch abgeschlossen.

In den einzelnen Kapiteln steht immer eine der Hauptfiguren im Mittelpunkt, es gibt jedoch auch noch weitere Figuren und Handlungen, welche immer mal wieder im Focus stehen. Die unterschiedlichen Erzählstränge und die einzelnen Geschichten der Figuren sind eng miteinander verknüpft und verbinden sich zu einer großen, runden und mitreißenden Geschichte.
Zusätzlich nahm mich Silvia Hildebrandt mit ihrem lebendigen, bildhaften und mitunter rauen Sprachstil schnell mit in die Geschichte. Mit sehr viel Wissen über die Länder, die Eigenheiten der jeweiligen Menschen, den eingestreuten Dialekten und ihrer gewissenhafte Recherche der geschichtlichen Hintergründe, hat sie ein Buch geschrieben, welches mich von der ersten bis zur letzten Seite begeistert hat.

»Es tut mir leid (…), so hast du mich noch nicht gesehen, aber es ist noch immer so, dass mir das alles zu viel wird, die Hitze, die Kälte, die Gerüche, der Lärm, der Schmerz. Kleinigkeiten manchmal, dann muss ich aus der Haut fahren, weil alles kratzt, beißt, sticht.«

[Seite 287]

Es gibt drei Figuren, welche im Mittelpunkt der Geschichte stehen: Das Geschwisterpaar Blanka und Franci, welches aus einer reichen jüdischen Industiellenfamilie stammt und Richárd. Alle drei konnten mich mit ihren ungewöhnlichen und tiefgehenden Geschichten berühren.
Doch ganz besonders Richárd hat es mir angetan. Nach dem Tod seiner Eltern zieht er zu seinem Onkel und Cousin in eine völlig fremde Stadt. Es wird schnell klar, dass Richárd anders ist – er ist Autist und nimmt dadurch die Welt ganz anders wahr und kämpft in einer Welt, die seine Besonderheit nicht verstehen kann und will. Die Autorin stellt Richárd besonders in den Mittelpunkt der Geschichte und zeigt sehr einfühlsam und authentisch, wie dieser die Welt und die Menschen um sich herum erlebt. Richárd ist ein Charakter, den ich mit seiner interessanten Geschichte und Hintergründen mit Sicherheit noch lange in meinem Herzen tragen werde. Seine Ausdrucksweisen, seine Stimmungsschwankungen und seine Wahrnehmungen beschäftigen mich, auch nach Ende des Buches, noch immer sehr.
Blanka und Franci sind ebenfalls äußerst facettenreich dargestellt. Die Beiden entstammen einer jüdischen Familie, leben ihren Glauben nicht aktiv und sind trotzdem immer wieder Ausgrenzungen und Anfeindungen ausgesetzt. Ihr Verhältnis zu den Eltern ist als schwierig und unharmonisch zu bezeichnen und wird von einem (typischen) Generationenkonflikt gezeichnet: Die Mutter ist von ihrer Tochter, die noch immer nicht verheiratet ist, schwer enttäuscht. Der Vater muss hingegen erkennen, dass sein Sohn Franci kein Interesse an dem Familienunternehmen hat. Blanca und Franci haben beide ihre Schwächen, auch wenn sie stets taff und abgeklärt wirken möchten. Auch wenn die Beiden keine reinen Sympathieträger sind, fieberte ich mich mit ihren wechselvollen Geschichten mit und hätte vor allem Blanca gerne das ein oder andere Mal in den Arm genommen, gleichzeitig aber auch gerne mal fest geschüttelt.
Wie bereits erwähnt, spielen in diesem Buch noch einige weitere Figuren wichtige Rollen. Allerdings möchte ich an dieser Stelle nicht näher auf diese eingehen, da ich sonst zu viel von der Handlung vorwegnehme.
Selten habe ich ein Buch gelesen, welches mich mit seinen anspruchsvollen, vielschichtigen und mitunter komplexen Figuren so begeistern konnte – gleichzeitig aber auch durch ihre Komplexität einen gewissen Anspruch an mich als Leserin stellten. Silvia Hildebrandt beschreibt ihre Figuren nicht in schwarz-weiß – ihre Figuren haben sehr viele unterschiedliche Nuancen. Die vielen Verbindungen aber auch Konflikte und Dramen zwischen den Charakteren waren sehr greifbar – vor allem aber fühlbar.

»… Ich werde nicht dem Wunsch meines Vaters entsprechen. Stattdessen werde ich Musiker, nein besser noch, Schauspieler! Und du solltest diese Arthusgeschichten studieren! Für was haben die Männer denn im Krieg gekämpft, hm? Nicht damit nachher noch immer alles beim Alten bleibt. Sondern damit wir Jungen endlich unsere Träume verwirklichen können. Die K.-und-K.-Welt ist untergegangen!«

[Seite 61]

Den geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund bilden die Jahre 1920 bis 1926. Der Erste Weltkrieg war es vor wenigen Jahren zu Ende gegangen. Doch der Krieg und auch die unmittelbare Nachkriegszeit hatten in der Bevölkerung tiefe Wunden hinterlassen.
Das Ende des ehemaligen Österreich-Ungarn, welches von 1867 bis 1918 bestand, besiegelten unter anderen der Erste Weltkrieg, der Zerfall Altösterreichs Ende Oktober 1918 durch die Gründung der Tschechoslowakei, der Austritt Ungarns aus der Realunion per 31. Oktober 1918 sowie 1919 der Vertrag von Saint-Germain und 1920 der Vertrag von Trianon. Ungarn musste mit den Vertrag von Trianon völkerrechtlich verbindlich zur Kenntnis nehmen, dass zwei Drittel des Territoriums des historischen Königreichs verschiedenen Nachbar- und Nachfolgestaaten zufielen. Insgesamt betrafen die Gebietsabtretungen mehr als zwei Drittel (von 325.411 km² auf 93.073 km²) des Reichsgebietes.
Ein weiteres Thema ist die Hyperinflation: Zu Beginn der 1920er-Jahre hatte die noch junge Weimarer Republik bei den Siegermächten riesige Schulden. Dazu kamen die Schulden bei der eigenen Bevölkerung, die während der Kriegsjahre dem Staat Millionen von Mark (sogenannte Kriegsanleihen) für die Kriegskosten vorgestreckt hatte.
So stand die deutsche Regierung vor gleich mehreren großen wirtschaftliche Probleme:
– Das Land nach dem Krieg wieder aufrichten.
– Geld für die Reparationsleistungen an die Sieger aufbringen.
– Der eigenen Bevölkerung die Kriegsanleihen zurückzahlen, die eigentlich das Kaiserreich aufgenommen hatte.
Im Jahr 1923 verspäteten sich die Reparationszahlungen an Frankreich – die Franzosen besetzten daraufhin das Ruhrgebiet. Die deutsche Regierung rief zu Sabotage, Streik und zum passiven Widerstand auf und zahlte die Löhne an die Streikenden weiter. Dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Deutschland geriet in den Strudel der dramatischsten Geldentwertung, die das Land je erleben sollte. Um seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, brachte die Regierung mehr und mehr Geld in Umlauf, auch wenn es für die immer höhere Anzahl Banknoten keine materiellen Gegenwerte im Land gab. Dadurch begann der Teufelskreis der Inflation. Immer mehr Geld war bald immer weniger wert, Preise und Löhne explodierten. Geld war Spielgeld geworden. Wer seinen Lohn nicht sofort wieder ausgab, konnte sich schon Tage, manchmal Stunden später kaum mehr etwas davon kaufen. Auf dem Höhepunkt der Inflation wurde im November 1923 eine neue Währung geschaffen: die Rentenmark, ab Oktober 1924 schließlich die Reichsmark. Die alte Währung wurde abgeschafft.
Mitte der 1920er-Jahre erholte sich die Wirtschaft und Deutschland war wieder zahlungsfähig. Die krisengeschüttelten und politikverdrossenen Menschen suchten Trost und Ablenkung. Schlagartig standen nun Glamour und Unterhaltung hoch im Kurs: Das Startsignal für die berühmten „Goldenen Zwanziger“, deren Aufbruchsgefühl auf Vergnügen und Ablenkung aus ist und neue Maßstäbe in Kunst und Kultur aus ist.
Am 8. und 9. November 2023 scheiterte der sogenannte Hitlerputsch, welcher von der NSDAP unter Adolf Hitler und Erich Ludendorf unternommen wurde. Mit erwarteter Hilfe aus der rechtskonservativen bayerischen Landesregierung und Verwaltung sollte nach dem Vorbild Mussolinis die Reichsregierung in Berlin gestürzt werden. Das Ziel des Umsturzversuchs war die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie und die Errichtung einer nationalsozialistischen Diktatur.
Diese vielen und vielfältigen geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe lässt Silvia Hildebrandt gekonnt in ihre Geschichte mit einfließen und verbindet sie mit den Schicksalen und Lebenswegen ihrer Charaktere. Dabei zeigt sie, wie diese Ereignisse in das Leben der Menschen eingebrochen sind – so wird Geschichte erlebbar.

Am Ende dieser Rezension möchte ich mich ganz herzlich bei Silvia Hildebrandt für dieses gelungene und mitreißende Lese-Erlebnis, welches keine Wünsche offen gelassen hat, bedanken. Ich freue mich schon auf den zweiten Band der Reihe und bin sehr gespannt, wie es mit der Geschichte und vor allem den vielen liebgewonnen Figuren weitergehen wird.

Fazit: Das Buch „Glasvulkan – Schall und Rauch“ von Silvia Hildebrandt lässt keine Wünsche offen. Nach dieser außergewöhnlichen Geschichte war ich erstmal völlig geplättet und gleichzeitig von den vielseitigen Charakteren tief berührt. Ja, die Geschichte und die mitunter komplexen Figuren stellen an den Leser/ die Leserin einen gewissen Anspruch.
Einerseits entwickelt die Geschichte von Beginn an einen Sog, der dafür sorgte, dass ich das Buch nicht mehr aus den Händen legen wollte, auf der anderen Seite wollte ich die Geschichte und jedes einzelne Wort genießen.
Es ist kein heiterer und leichter Roman – sondern eine Geschichte, die noch lange beschäftigt und nachhallt. Absolute Leseempfehlung für dieses gelungene Highlight.

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Solange wir uns hatten“

von Leonie Wittkamp

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 11. Januar 2023
Verlag: Selfpublishing
Ausgaben: Taschenbuch und eBook
ISBN:  979-8371860958
Seitenanzahl: 316 Seiten
Preise: 13,98€ (Taschenbuch), 04,99€ (eBook)

Homepage:
https://leonie-wittkamp.com/solangewirunshatten/

Klappentext:
Rheinprovinz, 1850.
Rose und Henri sind jung, ungestüm und träumen von einem besseren Leben. Als die australische Regierung im preußischen Köln neue Siedler anwirbt, ergreifen sie die Chance und brechen auf ins Ungewisse. Im sengenden Hinterland Australiens erleben sie zahllose Strapazen und Entbehrungen, doch scheinen ihrem Traum von Freiheit bald zum Greifen nah. Dann verschwindet Henri spurlos. Rose bleibt allein mit ihrer gemeinsamen Farm und den zwei Kindern zurück. Schon bald muss sie lernen, sich als einzige Frau unter den einflussreichsten Farmleitern der Gegend zu behaupten.
Australien, 1875.
Als Joshua als junger Mann einen rätselhaften Brief an seinen seit Jahren verschollenen Vater findet, bricht er auf, um diesen endlich zu finden. Seine Suche führt ihn zurück dorthin, wo alles begann: ins Deutsche Reich, die Heimat seiner Eltern. Die Geheimnisse, die er dort erfährt, zwingen ihn und seine Mutter Rose, sich den Schatten der Vergangenheit zu stellen. Und schon bald wird klar, dass nichts je so war, wie es schien …“

Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise von der Autorin als signiertes Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

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Das Buch „Solange wir uns hatten“ von Leonie Wittkamp ist ein historischer Roman, welcher auf zwei Zeit-Ebenen erzählt wird: Auf der ersten Erzählebene geht es um ein Paar, welches sich als Siedler in den 1850er Jahren in Australien ein neues Leben aufbauen möchte, auf der zweiten Erzähl-Ebene sucht der Sohn des Paares Jahre später nach Antworten.

„»Nun gut. Vielleicht ist es an der Zeit. Weißt du, dein Vater und ich hatten eigentlich ganz andere Pläne, als wir damals aufbrachen. Ich hätte mir nie zu träumen gewagt, wie unsere Reise schließlich enden würde ..

[Seite 72]

Rheinprovinz in den 1850er Jahren: Rose und Henri sind seit früher Kindheit an eng miteinander befreundet und sind sich sicher, dass sie ihr Leben gemeinsam als Paar verbringen möchten. Als für Henri klar wird, dass er keine Zukunft im väterlichen Betrieb hat, sucht er, in Begleitung von Rose, in der nahegelegenen Stadt Köln nach Arbeit – doch auch hier findet sich keine Perspektive. Als ein Fremder sie anspricht und ihnen die Möglichkeit aufzeigt, im fernen Australien als Siedler ein neues Leben zu beginnen, begeben sie sich kurz entschlossen auf diese Reise, welche ihre Leben für immer verändern wird. Der Traum von Freiheit und Selbstbestimmtheit ist zum Greifen nah, als Henri plötzlich über Nacht verschwindet und nicht mehr heimkehrt. Rose bleibt alleine mit ihren zwei Kindern und in völliger Ungewissheit zurück .
Australien in den 1875er Jahren: Joshua findet ein Fragment eines Briefes an seinen Vater, welcher seit Jahren vermisst wird. Er reist in das Land seiner Eltern zurück und begibt sich dort auf Spurensuche, mit dem Ziel seinen Vater wiederzufinden. Doch er stößt auf ein langgehütetes Familiengeheimnis, welches nicht nur seine, sondern auch die Vergangenheit und Zukunft seiner Eltern für immer verändert.

Auf das Buch wurde ich Mitte Dezember 2023 durch eine Nachricht der Autorin Leonie Wittkamp auf Instagram aufmerksam gemacht. In dieser Nachricht stellte sie mir ihr Buch vor und fragte eine Rezension an. Als ich den Klappentext gelesen hatte, war mein Interesse schnell geweckt, denn diese Zeit-Epoche, vor allem über den historischen Hintergrund ‚Auswanderung nach Australien‘, habe ich bisher noch keinen Roman gelesen. Deshalb sagte ich der Autorin zu und bekam das signierte Buch zusammen mit einem Lesezeichen, einer Postkarte und einer Visitenkarte zugesendet. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich für diese wunderschöne Buchpost bedanken.

Neben dem Klappentext hat mich auch das sehr ausdrucksstarke und passende Cover angesprochen, welches direkt vermittelt, wo die Handlung des Buches angesiedelt ist. Zu sehen ist eine Frau, welche schräg mit dem Rücken zum Betrachter vor einer typischen Outback-Landschaft aus Gräsern und rötlicher Erde steht. Sie trägt ein braunes Kleid, die rotblonden Haare sind offen, ihr Blick geht nach links. Vor ihr läuft ein kleines Mädchen in einem weißen Kleid in Richtung eines kleinen Weihers, hinter dem auf der rechten Seite eine Schafsherde steht. Dahinter erstreckt sich die Landschaft bis zu einem Berg in der Ferne. Auf dem endlos erscheinen Himmel stehen der Name der Autorin und der Titel des Buches.
Das einfache Taschenbuch ohne Klappen hat insgesamt 316 Seiten, welche sich auf einen Prolog, 41 Kapitel und einen Epilog aufteilen. Der Prolog setzt im Jahr 1862 in New South Wales, Australien ein, die Handlung des ersten Kapitel beginnt dann im Jahr 1842 in Waldhütten, Rheinprovinz, Preußen und bildet den ersten Erzählstrang. Mit dem dritten Kapitel befinden wir uns im Jahr 1875 in New South Wales und damit im zweiten Erzählstrang der Geschichte. Diese beiden Erzählstränge wechseln sich in unregelmäßigen Abständen kapitelweise ab, wobei der erste Erzählstrang auf den zweiten zuläuft. Der erste Erzählstrang erzählt die Geschichte von Rose und Henri, der zweite handelt von ihrem gemeinsamen Sohn Joshua, welcher sich Jahre nach dem plötzlichen Verschwinden seines Vaters auf die Suche nach Antworten macht. Dadurch, dass die Geschichten der beiden Erzählstränge eng miteinander verwoben sind, bauen sich von Anfang an eine immense Spannung und auch eine sehr dichte Atmosphäre auf. Auch wenn mich die vielen Zeitsprünge zu Beginn etwas verwirrt haben, konnte ich den Geschichten und der Handlung gut folgen und wollte das Buch dann gar nicht mehr aus den Händen legen. Immer wieder konnten mich die vielen unvorhersehbaren Wendungen überraschen. Ab der ersten Seite hat mich die Handlung mitgenommen, nein… sie hat mich mitgerissen und erst auf der letzten Seite wieder losgelassen.
Zudem hat mich der flüssige und bildhafte Sprachstil der Autorin ab der ersten Seite tief in die Geschichte eintauchen lassen.

„Kurz überkam sie die altbekannte Schwere, dieses Gefühl, ohnmächtig dabei zusehen zu müssen, wie ihr eigenes Leben ihr entglitt.“

[Seite 196]

Aber auch die vielen, vielfältigen und vor allem sehr ambivalent gezeichneten Figuren und deren mitreißende Hintergründe nahmen mich schnell mit. Es passiert nicht oft, dass ich ab der ersten Seite eine solch enge Verbindung zu den Figuren spüre und trotzdem nicht weiß, wohin mich die Reise mit ihnen bringen wird. Nichts an ihren Biografien ist so, wie es auf den ersten Blick erscheint, es kommt immer wieder zu dramatischen Wendungen und persönlichen Umbrüchen.
Rose und Henri und ihre gemeinsame Geschichte bilden den Mittelpunkt des ersten Erzählstrangs. Den Beiden ist seit früher Kindheit klar, dass sie zusammengehören und ihr ganzes Leben zusammen bleiben möchten. Beide entfliehen der Enge ihres Heimatortes Waldhütten und beginnen im sehr fernen Australien ein neues Leben. Die Entwicklung der Beiden, von Kindern zu Jugendlichen hin zu mitunter leidgeplagten Erwachsenen ist Leonie Wittkamp außerordentlich authentisch und gut gelungen.
Auch die Geschichte ihres sympathischen Sohnes Joshua konnte mich begeistern und mitreißen. Er begibt sich in die Vergangenheit seiner Eltern, wandelt auf deren Pfaden und spürt den Geschichten in deren Heimatdorf nach. Wie auch für seine Eltern ist die Reise ins ferne Deutsche Reich eine Art Flucht – nur in die andere Richtung. Während seine Eltern aus der Enge des Dorfes in der Rheinprovinz in die Freiheit nach Australien aufgebrochen sind, kehrt Joshua in dieses Dorf zurück, weg von der Weite Australiens und der gleichzeitigen Enge der elterlichen (mütterlichen) Farm.

„In Lukas‘ Haus hatte er sich den Vater nicht recht vorstellen können. Doch dieser Ort war durchtränkt von seiner Präsenz, von seiner und Mutters. Wie hielt sein Onkel es aus, hier zu leben und Tag für Tag an die Vergangenheit erinnert zu werden, die nie wiederkehren würde?“

[Seite 187]

Um nicht zu viel von der Handlung vorwegzunehmen, möchte ich nicht zu detailliert auf die einzelnen Charaktere eingehen. Wie bereits erwähnt, konnten sie mich alle mit ihren authentischen und wandlungsvollen Geschichten begeistern – ich hatte so einige Male die Tränen in den Augen. Die Tragik, vor allem aber die Spannungen, Zerwürfnisse, Differenzen aber auch die Anziehungen zwischen einigen der Figuren waren für mich fühl- und spürbar.

Den geschichtlichen Hintergrund bildet das 19. Jahrhundert – einmal in der deutschen Rheinprovinz und einmal in Australien.
Die Rheinprovinz (auch Provinz Rheinland, Rheinpreußen oder Rheinlande genannt) war eine von 1822 bis 1945 bestehende Provinz Preußens am namensgebenden Rhein. Sie entstand 1822 als Fusion der Provinzen Jülich-Kleve-Berg und Großherzogtum Niederrhein. Nachdem sich in der Zeit zwischen 1850 und 1870 die Startphase der Industriellen Revolution vollzogen hatte, trat das Kaiserreich in die Phase der Hochindustrialisierung ein. Die Zentren der industriellen Produktion in Mittel- und Südwestdeutschland, um Berlin und vor allem im Ruhrgebiet wurden immer größer und ökonomisch dominanter. Hier fanden nicht nur die Überschüsse einer rasch wachsenden Bevölkerung Beschäftigung, die zwischen 1871 und 1910 von 41 auf 65 Millionen anstieg. Die Industrialisierung rief vielmehr auch eine enorme Mobilität hervor, denn viele Menschen zogen auf der Suche nach Arbeit vom Land in die expandierenden industriellen Zentren – oder sie wanderten gleich nach Übersee aus, wo sie die Unabhängigkeit und Freiheit lockte.

Erst 1770 prägte James Cook die australische Geschichte entscheidend, als er am 28. April die Ostküste betrat und das Land im Namen der Krone als britische Kolonie in Besitz nahm. Hiermit war New South Wales geboren – in dieser Kolonie ist der Roman „Solange wir uns hatten“ angesiedelt.
Im Laufe der Jahre entstanden weitere wichtige Kolonien: 1792 Tasmania, 1829 Western Australia, 1836 South Australia, 1851 Victoria, 1859 Queensland und 1863 Northern Territory.

1851 war ein besonderes Jahr in der Geschichte Australiens, da in der Nähe von Melbourne Gold gefunden wurde, was einen mehrere Jahre andauernden Goldrausch auslöste, der dazu beitrug, dass immer mehr Menschen freiwillig einwanderten. Von 1855 bis 1890 erlangten die verschiedenen Kolonien eine immer größer werdende Unabhängigkeit vom britischen Empire, obwohl England nach wie vor Einfluss und Kontrolle (zum Beispiel Außenpolitik, Handel und Verteidigung) ausübte.
Auf diese geschichtlichen Hintergründe legt Leonie Wittkamp in ihrem Roman nicht das Hauptaugenmerk, stellt diese aber anhand der Lebensgeschichten ihrer Protagonisten gut und verständlich da.
Ganz besonders beeindruckt haben mich die detailliert dargestellten Hintergründe zur entbehrungsreichen und vor allem gefährlichen Überfahrt nach Australien und auch die Beschreibungen des Landes und der einzigartigen Flora und Fauna.

„Henris Gedanken rasten. Ein eigener Hof! Das Blut rauschte in seinen Ohren. Dann fiel ihm der Haken an der Sache wieder ein. In Übersee! Was meinte Rose – eine britische Kolonie? Das klang weit weg. Wo liegt Australien überhaupt? Hilfesuchend wandte er sich an Rose. In ihrem Blick erkannte er denselben Kampf, den auch er austrug. Stumm sahen sie sich in die Augen, in denen sich ihre wechselnden Gefühle spiegelten: Aufregung, Angst, Ablehnung, Hoffnung.“

[Seite 87]

Am Ende dieser Rezension möchte ich mich ganz herzlich bei Leonie Wittkamp für dieses unvergessliche Lese-Erlebnis bedanken. An meiner Arbeit als Buchbloggerin liebe ich es, solche starken und unvergesslichen Geschichten zu entdecken, die ich ohne Blog nicht gefunden hätte. Ich bin so dankbar für diese eindrucksvolle und unvergessliche Geschichte, aus der ich einiges mitnehme und in meinem Herzen bewahren werde.

Fazit: Ich bin von dieser unglaublich berührenden und dramatischen Geschichte tief beeindruckt. Sehr tief. Das ist ein Roman, welcher definitiv noch lange in meinem Kopf und Herzen bleiben wird – und somit das erste Highlight des noch jungen Lese-Jahres bildet.
Ab der ersten Seite hat mich die Handlung mitgenommen, nein… sie hat mich mitgerissen und erst auf der letzten Seite wieder losgelassen. Immer wieder lief es mir während des Lesens eiskalt den Rücken hinunter, ich kämpfte mit den Tränen – und nehme trotzdem so viel an Lebensweisheiten und Positiven mit aus diesem absolut lesenswerten Roman. Eine ganz ganz große Leseempfehlung.

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Das Pensionat an der Mosel – Töchter des Aufbruchs“

von Marie Pierre

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 24. Dezember 2023 eBook, 14. Februar 2024 Paperback
Verlag: Heyne
Ausgaben: Paperback und eBook
ISBN:  978-3-453-42855-3
Seitenanzahl: 448 Seiten
Preise: 16€ (Taschenbuch), 03,99€ (eBook)
Reihe: „Das Pensionat an der Mosel“, Band 01 von 03

Homepage:
https://www.penguin.de/Paperback/Toechter-des-Aufbruchs/Marie-Pierre/Heyne/e617344.rhd

Klappentext:
„Reichsland Elsaß-Lothringen 1910: Im mittelalterlichen Moselstädtchen Diedenhofen führt die junge Lehrerin Pauline Martin inmitten einer bunt gemischten Bevölkerung aus Deutschen und Franzosen ein Pensionat für höhere Töchter, die sie zu eigenständigen und selbstbewussten Frauen erziehen will. Als ihr neuester Schützling Suzette sich heimlich mit einem Soldaten trifft und kurz darauf spurlos verschwindet, bittet Pauline den preußischen Hauptmann Erich von Pliesnitz um Hilfe. Ihre enge Zusammenarbeit droht, die strengen Konventionen der Kaiserzeit zu sprengen. Und dann ist da noch Paulines neuer Gärtner Vincent, der ein dunkles Geheimnis hütet. Kann Pauline Suzette finden und den guten Ruf ihres Pensionats bewahren?“

Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Heyne Verlag als Rezensionsexemplar (eBook) zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

– Da ich dieses Buch als eBook gelesen habe, sind die Zitate ohne Seitenangabe versehen.

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Das Buch „Das Pensionat an der Mosel – Töchter des Aufbruchs“ von Marie Pierre ist der Auftakt zu einer Buchreihe, welche ab dem Jahr 1910 hauptsächlich in der Stadt Diedenhofen (Thionville) im ehemaligen Reichsland Elsaß-Lothringen spielt und das mitunter nervenaufreibende Leben der jungen Lehrerin und Pensionat-Leiterin Pauline Martin zeigt.

„In diesem Moment glaubte Pauline, einen jener seltenen Augenblicke vollkommenen Glücks erleben zu dürfen. In ihrem geliebten Garten zu sitzen, von dessen Duft verwöhnt, von der Sonne beschienen, und dabei das zu tun, was ihr am meisten am Herzen lag: zu unterrichten, junge Mädchen auf ihrem Weg zu Bildung und Wissen zu begleiten.“

[Kapitel 21]

Reichsland Elsaß-Lothringen im Jahr 1910: Allen gesellschaftlichen und familiären Widerständen zum Trotz hat Pauline Martin das Mädchen-Pensionat in der Stadt Diedenhofen (Thionville) übernommen und unterrichtet ihre Schützlinge mit Hingabe und großer Leidenschaft. Denn sie möchte die ihr anvertrauten jungen Mädchen zu eigenständigen und selbstbewussten Frauen erziehen. Ein Ziel, welches sich bei der Schülerin Suzette als äußerst schwierig gestaltet: Diese ist nämlich zum ersten Mal verliebt und verschwindet plötzlich spurlos. Pauline findet Hilfe bei dem preußischen Soldaten Hauptmann Erich von Pliesnitz, der sie erst nur widerwillig unterstützt, da er seine ganz eigenen Erfahrungen mit sich trägt.
Und auch Paulines neuer Gärtner scheint ein dunkles Geheimnis zu haben …

Marie Pierre ist das offene Pseudonym der Autorin Maria W. Peter, welche mich mit ihren starken und unvergesslichen Büchern wie „Die Festung am Rhein“, „Die Melodie der Schatten“ und zuletzt mit dem Buch „Eine Liebe zwischen den Fronten“ begeistert hat.
Als die Autorin ihre neue Buchreihe ankündigte, wusste ich sofort, dass ich diese unbedingt lesen muss, da mich die Bücher und die tiefgründigen Geschichten dieser Autorin immer wieder beeindrucken und auch der spannend klingende Klappentext sprach mich an. Die Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts empfinde ich als eine sehr spannende Zeit, aus der sich zudem vieles ableiten lässt, was dann im weiteren Verlauf des Jahrhunderts geschehen ist. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich beim Heyne Verlag für das vorzeitige Rezensionsexemplar bedanken.
Da ich das Buch als eBook gelesen habe (das Paperback erscheint am 14. Februar 2024), kann ich an dieser Stelle keine Aussage zur Ausstattung des Paperbacks machen.
Insgesamt hat das Buch 448 Seiten und gliedert sich in insgesamt 44 Kapitel auf. Dem ersten Kapitel sind ein Übersichtsplan der Stadt Diedenhofen (Thionville) und eine ausführliche Übersicht der Figuren der Handlung vorangestellt. An das letzte Kapitel schließen sich ein Epilog, ein ausführliches Nachwort, ein Glossar (Fachbegriffe), ein Glossar (Fremdsprachlich), ein Überblick über die wissenschaftliche Beratung und Reise- und Stöbertipps zu den Schauplätzen und Hintergründen an.
Das erste Kapitel beginnt im Juni 1910, der Epilog setzt dann im Dezember 1910 an. Somit umfasst die gesamte Handlung des Buches also etwa sechs Monate, wobei sich die Haupthandlung (ohne Epilog) auf nur wenige Wochen verteilt.

Das stimmige Cover zeigt eine Collage aus drei jungen Frauen, von denen nur die mittlere direkt in die Kamera schaut. Ihr Blick ist hierbei offen, ein leichtes Lächeln umspielt ihre Lippen. Die Frauen links und rechts von ihr schauen in die Richtung der mittleren Frau, allerdings wirkt es so, dass diese Blicke gleichzeitig auch in die Ferne gehen. Nach der Lektüre sehe ich in diesen drei Frauen auch die drei weiblichen Hauptfiguren.
In der Mitte des Covers befindet sich die Zeichnung eines herrschaftlichen Hauses, darunter der Titel und der Untertitel des Buches. Den unteren Bereich des Covers bildet die Ansicht einer kleinen Stadt, welche idyllisch an einem Fluss liegt und über der sich ein schier endlos erscheinender Himmel erhebt.

Wie in ihren bisher erschienen Büchern zeichnet sich auch dieser Roman durch die exzellente, ambivalente und authentische Zeichnung der Figuren aus. Marie Pierre hat auch in diesem Buch ganz besondere Charaktere geschaffen, welche auf der einen Seite stark sind, gleichzeitig aber auch vom Leben gezeichnet sind und ihre Schwächen haben.

„»Hier in meinem Institut stelle ich große Ansprüche an meine Schülerinnen, Ansprüche und auch Forderungen. Manche davon betreffen die Schulbildung, denn nur Bildung und Wissen erlauben es, sich später einmal selbstständig im Leben zurechtzufinden, sich nichts von anderen vormachen zu lassen. Fast noch wichtiger ist es mir jedoch, eure Persönlichkeiten zu fördern, eure Reife, und somit die Fähigkeit, Verantwortung für sich und das eigene Handeln zu übernehmen. Richtig von Falsch zu unterscheiden, Wahrheit und Lüge. Und das, genau das ist der entscheidende Schritt auf dem Weg zur persönlichen Freiheit. Eine Freiheit, die dir niemand nehmen kann

[Kapitel 43]


Im Mittelpunkt steht hierbei die junge Lehrerin und Pensionat-Leiterin Pauline. Mit ihrer Familie hat sie, nachdem sie die Leitung des Mädchenpensionats übernommen hat, gebrochen. Pauline möchte aus ihren Schützlingen starke, selbstständige, selbstbewusste und vor allem freie Frauen machen, die sich in einer von Männern regierten Welt gut zurechtfinden. Pauline weiß genau, was sie will und setzt ihre Wünsche und Ziele auch schnell und zielgerichtet um. Auch wenn sie weiß, dass hinter vorgehaltener Hand viel über sie und ihr Pensionat geredet wird, gibt sie sich und ihre Einrichtung nicht auf. Innerlich ist die lebensfrohe Pauline durch und durch Französin und kann mit den nüchternen Preußen nicht wirklich etwas anfangen. Doch als sie den preußischen Soldaten Hauptmann Erich von Pliesnitz kennenlernt, wagt sie einen Blick hinter die Fassade des auf den ersten Blicks gefühllosen Preußen. Ich mochte die beiden gegensätzlichen Charaktere, auch wenn es bei dem eigenbrötlerischen Erich von Pliesnitz etwas länger gedauert hat. Pauline hat eine feine Beobachtungsgabe und ist eine so lebensbejahende und aufgeschlossene Figur, welche ich ab der ersten Seite fest ins Herz geschlossen habe. Durch ihre immense Bildung macht ihr so schnell niemand etwas vor.

„Diese natürliche Selbstsicherheit und Autorität, mit der sie die Dinge in die Hand nahm …“

[Kapitel 28]


Einige weitere Figuren stehen neben diesen Hauptfiguren im Mittelpunkt der Geschichte. Auch wenn ich anfangs etwas überfordert mit den vielen Namen und den Hintergründen der Figuren war, konnte ich der Handlung immer gut folgen. Auch gibt es am Anfang des Buches ein gut gegliedertes Personenverzeichnis, auf welches ich zurückgreifen konnte, falls mir doch ein Name und/ oder Hintergrund entfallen ist.
Suzette ist eine der Figuren, welche neben Pauline und Erich im Zentrum der Geschichte steht. Sie ist ein junges, sehr eigenwilliges und mitunter auch lautes Mädchen, welche nicht viel auf Regeln gibt und zum ersten Mal so richtig verliebt ist. Neben ihr steht ihre Bettnachbarin Louise, welche eher ruhig und in sich gekehrt ist.
Besonders gefallen hat mir der völlig undurchsichtige Charakter des Gärtners Vincent. Dem Leser/ der Leserin wird schnell klar, dass er ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt, welches sich erst nach und nach lüftet. Wie auch Pauline selbst, tappt auch der Leser/ die Leserin völlig im Dunklen.
Neben diesen Figuren spielen noch eine Vielzahl an Figuren in dieser Geschichte kleine und große Rollen. Sie alle bilden mit ihren unterschiedlichen Charakteren und Eigenheiten ein stimmiges Bild der bunt gemischten Bevölkerung aus Deutschen und Franzosen im ehemaligen Reichsland Elsaß-Lothringen ab. Besonders gelungen fand ich hier, dass Marie Pierre auch mit dem jeweiligen Zungenschlag ihrer Figuren arbeitet. Dadurch wirkt die Geschichte und auch die Figuren nochmals lebendiger und authentischer.
Um nichts von der Spannung der Geschichte vorwegzunehmen, gehe ich an dieser Stelle nicht detailliert auf die zahlreichen Figuren ein.
Marie Pierre verbindet die einzelnen kleinen Geschichten ihrer größtenteils fiktiven Figuren zu einer großen und spannenden Geschichte und verwebt alles mit den akribisch recherchierten historischen Hintergründen.
Dabei waren auch die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen, aber auch die Anziehungen zwischen den Figuren immer fühlbar und zogen mich tief in die Geschichte und die Geschehnisse hinein. Es bleibt spannend, wie es für einige der Figuren in den folgenden Teilen weitergehen wird. Der zweite Band erscheint am 14. August 2024 , der dritte Band am 12. Februar 2025 – und ich freue mich jetzt schon so sehr auf die Fortsetzungen.

Nicht nur die lebensechten Figuren und deren mitreißenden Lebensgeschichten sorgten für einen guten Lesefluss: Der bildgewaltige und wunderschöne Sprachstil der Autorin entführte mich ab der ersten Seite in vergangene Zeiten. Zudem herrscht schnell eine immense Spannung, welche bis zum Ende anhält und welche mich das Buch nur schwer aus den Händen hat legen lassen. Neben dieser Spannung hielt mich auch die dichte Atmosphäre des Buches gefangen.
Zusammen mit dem akribisch recherchierten geschichtlichen Hintergründen ist hier ein historischer Roman der Spitzenklasse entstanden, welcher keine Wünsche offen gelassen hat.

„Zudem war hier, im sogenannten Reichsland Elsaß-Lothringen, das nach dem letzten Krieg im Jahr 1871 von Frankreich abgetrennt und dem Deutschen Kaiserreich zugeschlagen worden war, das Verhältnis zwischen der einheimischen Bevölkerung und den aus anderen deutschen Staaten zugezogenen Altdeutschen noch immer von Spannungen begleitet.“

[Kapitel 1]

Den geschichtlichen Hintergrund bildet das Jahr 1910 im damaligen Reichsland Elsaß-Lothringen. Nach der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg (19. Juli 1870 bis 10. Mai 1871), musste Frankreich das Elsass und Teile von Lothringen an Deutschland abtreten und eine Kriegsentschädigung von fünf Milliarden Franc zahlen. Für Frankreich bedeuteten die deutschen Annexionen eine tiefe Demütigung, für die Bewohner der Gebiete war es der Verlust der eigenen Identität, Kultur und Vergangenheit.
Viele Bewohner Elsass-Lothringens nutzten die Möglichkeit, die französische Staatsangehörigkeit zu behalten und ihren Wohnsitz nach Frankreich zu verlegen. Bis zum Stichtag am 1. Oktober 1871 optierte rund 10 Prozent der Bevölkerung für Frankreich.

Bildquelle: Von F.E Bilz, Louis Gerstner Geographische Anstalt Leipzig, 1905

Während viele Elsässer und Lothringer ihre Heimat verließen, wanderten zahlreiche Deutsche ins „Reichsland“ ein, insbesondere Beamte und Militärs. Schon 1875 stellten die Einwanderer rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, 1890 etwa zehn Prozent und 1910 rund 15 Prozent. Die neue deutsche Verwaltung, welche die französische auf allen Ebenen abgelöst hatte und häufig als Fremdherrschaft wahrgenommen wurde, verfolgte eine stark repressive Germanisierungspolitik, was immer wieder zu schweren Konflikten führte. Verboten war beispielsweise das Singen der Marseillaise und die Verwendung französischer Hoheitssymbole. An dieser Stelle empfehle ich euch das ausführliche Nachwort der Autorin, in dem sie die Zusammenhänge sehr gut zusammengestellt hat.
Die damalige Gesellschaft war von den Männern geprägt und dominiert. Frauen durften zu dieser Zeit nicht wählen und auch in Sachen Bildung standen Mädchen den Jungen hinten an.
Die sogenannten Mädchenpensionate wurden als Alternative zu den öffentlichen Schulen in Anspruch genommen, waren aber wegen des Schulgeldes nur für besserverdienende Familien eine Option. Erst im Jahr 1908 gab es in Preußen eine Bildungsreform, die es Mädchen fortan erlaubte zu studieren.
Diese geschichtlichen, vor allem aber die gesellschaftlichen Hintergründe hat Marie Pierre in ihrem Roman sehr gut dargestellt und nachgespürt. Der Leser/ die Leserin bekommt anhand der lebensecht gezeichneten fiktiven Figuren und deren vielfältigen Hintergründen eine Ahnung davon, wie das Leben, vor allem das Zusammenleben, der unterschiedlichen Menschen im Reichsland Elsaß-Lothringen war und welche alltäglichen Konflikte zwischen den Menschen herrschten.

„Unwillkürlich flogen ihre Gedanken zur Geschichte ihrer Heimat, die vor fast vierzig Jahren entwurzelt, der eigenen Identität, ja sogar Teilen ihrer Bevölkerung beraubt worden war. Wo der Wunsch, wieder Frankreich anzugehören, als Landesverrat angesehen werden konnte. Wo der deutsche Kaiser das Land über einen von ihm eingesetzten Statthalter verwaltete, ohne die Bevölkerung nach ihrer Meinung zu fragen.“

[Kapitel 15]

Am Ende dieser Rezension möchte ich mich ganz herzlich bei der Autorin für dieses lehrreiche und gleichzeitig spannungsgeladene Lese-Vergnügen bedanken. Ich freue mich schon so sehr auf die Fortsetzungen und auf ein Wiedersehen mit den vielen (teils sehr liebgewonnenen) Figuren.

Fazit: Das Buch „Das Pensionat an der Mosel – Töchter des Aufbruchs“ von Marie Pierre ist einfach perfekt: Die Spannung, die tiefe und dichte Atmosphäre, die absolut gelungenen und vielfältigen Charaktere und der wunderbar dargestellten geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe. Einfach rundum gelungen und ganz ganz großes Kino – ich habe so viel Neues gelernt und erfahren. Ein absolut lesenswerter und vielversprechender Auftakt zu einer Trilogie, den ich euch sehr ans Herz lege.

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Das Geheimnis der Mona Lisa“

von Beate Rygiert

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 24. November 2023
Verlag: Lübbe
Ausgaben: Klappbroschur, eBook & Hörbuch
ISBN:  978-3-7857-2231-2
Seitenanzahl: 608
Preise: 18€ (Klappbroschur), 14,99€ (eBook)

Homepage:
https://www.luebbe.de/luebbe-belletristik/buecher/historische-romane/das-geheimnis-der-mona-lisa/id_9231723

Klappentext:
„Florenz, 1494: Lisa Gherardini und Giuliano aus der mächtigen Dynastie der Medici sind heimlich ein Liebespaar. Als die Medici aus der Stadt vertrieben werden, zwingt Lisas Vater die junge Frau zur Heirat mit dem viel älteren Seidenhändler Francesco del Giocondo. Doch ihr Herz hängt an ihrem Geliebten. 
Venedig, 1495: Leonardo da Vinci ist der berühmteste Künstler seiner Zeit. Als Giuliano de‘ Medici ihn bittet, Lisa zu porträtieren, um seiner Geliebten auf diese Weise Nachrichten zukommen zu lassen, geht Leonardo auf das riskante Spiel ein. Dadurch gerät Lisa nicht nur in eine gefährliche Verschwörung – auch ihr Herz wird auf eine schwere Probe gestellt. 
Das mitreißende Schicksal der Frau mit dem geheimnisvollen Lächeln.“

Allgemeine Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Lübbe Verlag und der Autorin Beate Rygiert als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

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Das Buch „Das Geheimnis der Mona Lisa“ von Beate Rygiert ist ein historischer Roman, welcher im ausgehenden 15. Jahrhundert/ beginnenden 16. Jahrhundert vorwiegend in Florenz spielt und eine Geschichte erzählt, welche möglicherweise hinter dem berühmtesten und geheimnisvollsten Portrait der Welt stehen könnte.

„Nein, er fühlte, dass er (…) ein Werk schaffen könnte, das über alles hinausging, was bislang gemalt worden war. Etwas, das zukunftsweisend war. Weil er nicht einfach die physische Gestalt abbilden würde, sondern das Geheimnis, das diese Frau in sich barg.“

[Seite 340, Kapitel 8 „Nächtliche Schatten“]

Florenz 1494: Die Stadt ist in heller Aufregung, als die Mitglieder der Familie Medici vertrieben werden. Die junge Lisa, welche eine Liebesbeziehung zu Giuliano, dem drittgeborenen Sohn von Lorenzo de’ Medici, unterhält, möchte mit ihrem Geliebten die Stadt verlassen und mit ihm ein neues Leben beginnen. Doch ihre Flucht wird im letzten Moment vereitelt. Während Giuliano zusammen mit seinem Bruder Piero Florenz verlässt, wird Lisa von ihrer Familie in ein Kloster gesteckt.
Kurze Zeit später muss Lisa auf Drängen von ihrem Vater den viel älteren Seidenhändler Francesco del Giocondo heiraten. Auch wenn sie mit den Jahren ihrem Ehemann Francesco näher kommt, gehört ihr Herz noch immer Giuliano, den sie nicht vergessen kann und will.
Als Leonardo da Vinci, der berühmteste Künstler seiner Zeit, im Auftrag von Giuliano ein Portrait von Lisa anfertigen soll, geraten Leonardo und Lisa in eine gefährliche Verschwörung, welche nicht nur die Beiden in große Gefahr bringt.

Anfang des Jahres 2022 habe ich das Buch „Die Ullstein-Frauen“ von Beate Rygiert mit großer Begeisterung innerhalb von nur wenigen Tagen gelesen. Seit dem folge ich der Autorin in den Sozialen Medien und war sehr erfreut, als sie Ende Mai 2023 ihr neues Projekt „Das Geheimnis der Mona Lisa“ ankündigte. Der Erscheinungstermin wurde sofort notiert, da das Buch auf vielen Ebenen mein Interesse weckte: Zum einen fasziniert mich das Gemälde Mona Lisa schon seit ich denken kann (auch wenn ich es noch nie live gesehen habe), aber auch die Geschichten dahinter und die Epoche selbst üben seit jeher einen Reiz auf mich aus.
Freundlicherweise vermittelte mir die Autorin ein Rezensionsexemplar, welches mir der Lübbe Verlag Anfang Dezember 2023 zusendete – an dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön dafür.

Neben dem Thema sprach mich aber auch das stimmige Cover an, welches in roten, weißen und goldenen Tönen gehalten ist. Auf einer roten Leinwand-Struktur steht der Titel des Buches und der Name der Autorin in teilweise weißer und teilweise in goldglänzender Schrift. Im oberen linken Bildrand ist eine goldene Feder zu sehen, im Buchstabe ‚O‘ des Wortes ‚MONA‘ ist ein Ausschnitt aus dem gleichnamigen Gemälde zu sehen. Zusammen mit dem Titel wird so auf den ersten Blick das Hauptthema des Romans klar.

Bei der Ausgabeart des Buches handelt es sich um eine Klappbroschur mit 608 Seiten. Auf der vorderen Klappe befinden sich einige Zitate, welche die Hauptfigur beschreiben, auf der hinteren Klappe wird die Autorin mit einem Foto und einer kurzen Biografie vorgestellt. Außerdem wird auf beiden Klappen das Federmotiv des Covers aufgegriffen. Das Innere der vorderen und hinteren Klappen ist einem dunklen grün gehalten und es werden die einzelnen Figuren der Geschichte aufgeführt.
Die Handlung des Buches beginnt nach einem Zitat von Leonardo da Vinci mit dem ersten Kapitel „Die Flucht“, welches im November 1494 ansetzt. Besonders schön fand ich, dass jedes Kapitel mit einer Feder illustriert und in Szene gesetzt ist. Das 15. und letzte Kapitel spielt im Jahr 1505 an, der Epilog im Jahr 1519 – somit umfasst die gesamte Handlung – inklusive des Epilogs – etwa 25 Jahre, wobei die Haupthandlung zwischen 1494 und 1505 stattfindet.
Dem Epilog schließt sich ein ausführliches und sehr interessantes Nachwort der Autorin an.
Die Geschichte wird chronologisch und sehr spannend und einfühlsam erzählt. Zu Beginn wechseln sich die beiden Hauptfiguren (Lisa und Leonardo) kapitelweise ab, in ungefähr der Mitte des Buches treffen sich ihre Lebenswege.
Beate Rygiert baut, zusammen mit ihrem bildhaften und wunderschönen Sprachstil ab der ersten Seite eine immense Spannung auf. Zudem beschreibt ihre vielen und vielfältigen Figuren so detailliert und liebevoll, dass ich zu diesen sofort eine Beziehung aufbauen konnte. Schnell merkte ich, dass ich mir mit diesem Buch einfach Zeit lassen wollte, um die gesamte intensive Atmosphäre des Buches in mich aufzunehmen und die Figuren richtig kennenzulernen. Deshalb las ich die insgesamt 608 Seiten mit Bedacht und Genuss. Nach der letzten Seite fiel es mir dementsprechend sehr schwer, Abschied von all den liebgewonnen Figuren und der gesamten Geschichte zu nehmen.

„Lisa del Giocondos Schönheit war ungewöhnlich und nicht auf den ersten Blick zu erfassen. Diese Frau barg ein Geheimnis, vermutlich ein schmerzhaftes – konnte es sein, dass es die Liebe zu Giuliano de‘ Medici war, die sie noch immer tief in sich verbarg?“

[Seite 215, Kapitel 6 „Die Rückkehr“]

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen mehrere Figuren, von denen ein Großteil historisch belegt sind. Ob sich die Geschehnisse zwischen den Figuren allerdings genau so im wahren Leben abgespielt haben ist nicht grundlegend geklärt. In den nachfolgenden Charakterstudien spüre ich den Figuren und ihren Handlungen nach, wie diese im Roman dargestellt werden.
Lisa Gherardini (später Lisa del Giocondo) wächst mit mehreren Geschwistern mitten in Florenz auf und genießt durch ihre Eltern seit früher Kindheit eine gute Bildung. Sie beginnt als fünfzehnjährige eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit dem fast gleichaltrigen Giuliano de‘ Medici. Als dieser jedoch, zusammen mit den anderen Mitgliedern der Familie Medici, aus Florenz vertrieben wird, steht für Lisa fest, dass sie Giuliano begleitet. Doch dieser Plan wird im letzten Moment vereitelt und Lisa wird von ihrem strengen Vater Antonmaria erst in ein Kloster gebracht und später dann zu einer Heirat mit dem viel älteren Seidenhändler Francesco del Giocondo gezwungen. Wie zu dieser Zeit typisch hat sie als junge Frau, ihrer eigenen Zukunft betreffend, keinerlei Mitspracherecht. Lisa ist zu Beginn sehr wissbegierig und bildet für ihre jüngeren Geschwister, später auch für ihre eigenen Kinder und die Kinder ihrer Schwager und Schwägerinnen einen sicheren Anlaufpunkt. Sie verfällt im Laufe der Handlung in eine Melancholie, wirkt stellenweise sehr niedergeschlagen und bedrückt und trauert ihrer großen und unterdrückten Liebe zu Giuliano hinterher, welche sie nicht so schnell aufgeben möchte. Mit der Hilfe von Leonarda da Vinci und anderen Freunden und Freundinnen wächst Lisa des Öfteren über sich hinaus und zeigt eine beeindruckende Stärke. Ich mochte Lisas sehr wechselvollen und ambivalenten Charakter und ihre starke Entwicklung von einem jungen Mädchen hin zu einer erwachsenen Frau und konnte mich sehr schnell in ihre Gefühlswelt hineinversetzen.

„Vielleicht stimmte es wirklich, und seine Augen nahmen die sichtbare Welt anders wahr als die seiner Zeitgenossen. Dass ein Maler sich nicht damit zufrieden geben durfte, Formen und Farben nachzubilden, wollte er die Illusion von Tiefe beispielsweise in einer Landschaft erzeugen, sondern dass er dafür auch das nahezu Unsichtbare malen musste, das sich zwischen den Gegenständen befand, hatte vor ihm noch keiner der großen Meister herausgefunden.“

[Seite 120, Kapitel 4 „Der Auftrag“]

Leonardo da Vinci ist neben Lisa eine weitere Figur welche im Zentrum der Geschichte steht. Der Autorin Beate Rygiert ist es hervorragend gelungen, diese historische Figur sehr zugänglich zu beschreiben. Sein ambivalent gezeichneter Charakter, seine Arbeitsweise, seine innere Unruhe, vor allem sein Arbeitsethos werden spür- und fühlbar. Er ist ein Universalgenie und mit seinen technischen Erfindungen seiner Zeit weit voraus. Dank diesem Roman nehme ich den Künstler, welchen ich schon immer sehr bewundert habe, noch einmal ganz anders war. Wie auch Leonardo in seinen Bildern das Unsichtbare sichtbar gemacht hat, hat Beate Rygiert vieles von Leonardos innerer (unsichtbarer) Gedanken- und Gefühlswelt sichtbar gemacht. Ich empfand Leonardos Hilfsbereitschaft gegenüber Lisa so rührend, aber auch, wie die Beiden sich gegenseitig Halt und Unterstützung geben – er ist eine Figur, die man einfach gerne haben muss. Die Hintergründe und Geschichten der vielen Charaktere zeigen sich erst nach und nach und so bleibt es immer spannend, wie und wohin sich die Figuren entwickeln. Vor allem Leonardos Charakter ist zu Beginn etwas schwer zu fassen und zu verstehen, im Laufe der Handlung wird aber immer klarer, warum er so ist, wie er ist.
Neben diesen beiden Hauptfiguren stehen noch einige weitere Figuren, auf die ich nicht detailliert eingehe, da ich sonst zu viel von der Handlung vorwegnehme.
Erwähnen möchte ich an dieser Stelle jedoch unbedingt Caterina (eigentlich Kahina), welche als Sklavin im Hause del Giocondo lebt. Ihre mitreißende und unvergessliche Geschichte trieb mir immer wieder die Tränen in die Augen.
Es gibt die guten und freundlichen Charaktere, die Wärme und Geborgenheit in die Geschichte bringen, aber auch die eher unliebsamen Figuren, wie zum Beispiel Lisas Vater. Sie alle, egal ob freundlich oder unsympathisch, tragen ihren Teil zum Fortgang der Geschichte bei, bringen die Handlung vorwärts und geben zusammen ein sehr stimmungsvolles und authentisches Bild der Gesellschaft des 15. und 16. Jahrhunderts ab.
Beate Rygiert verbindet die einzelnen kleinen Geschichten ihrer historischen und fiktiven Figuren zu einer großen und mitreißenden Geschichte, erweckt Größen der Weltgeschichte gekonnt zum Leben und verwebt alles mit den akribisch recherchierten historischen Hintergründen.
Auch die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen zwischen den Figuren waren für mich immer fühlbar und zogen mich tief in die Geschichte und die Geschehnisse hinein.

Das ausgehende 15. Jahrhundert und das beginnende 16. Jahrhundert in Italien bilden den geschichtlichen Hintergrund des Romans.
Das Land Italien, so wie wir es heute kennen, gab es 1494 nicht. Italien bestand aus einzelnen Markgrafschaften (z.B. Saluzzo, Monferrat), einzelnen Herzogtümern (z.B. Herzogtum Mailand, Herzogtum Savoyen, Herzogtum Modena), den Königreichen Sizilien und Neapel, einzelnen Republiken (z.B. Republik Venedig, Republik Genua, Republik Florenz, Republik Siena) und dem Kirchenstaat.

Zwischen 1494 und 1559 fanden eine Reihe von den sogenannten ‚Italienkriegen‘ oder ‚Renaissance-Kriegen‘ statt, die zu einem großen Teil auf dem Gebiet des heutigen Italiens ausgetragen wurden. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kämpften mehrere europäische Staaten um Italien und damit um die Vorherrschaft auf dem Kontinent. Das Schicksal der Halbinsel wurde durch ein ständig wechselndes Mächtegleichgewicht bestimmt. Die vielen Kriege zermürbten Italien und dauerten bis zum Frieden von Cateau-Cambrésis im Jahr 1559 an.
Trotz dieser Kriege und Fremdherrschaften erlebte das Land die wirtschaftliche und kulturelle Blüte der Renaissance. Zu dieser Zeit erstrahlten die italienischen Kulturmetropolen, allen voran Rom, Florenz und Venedig, weit über Italien und Europa hinaus und es entstanden viele bis heute bewunderte und beachtete Kunstwerke und Bauten – auch durch die Finanzierung und Hilfe der Familie Medici.
Die Familie der Medici aus Florenz sind eine vom 15. bis ins 18. Jahrhundert einflussreiche Dynastie, aus der Großherzöge der Toskana, drei Päpste und zwei Königinnen von Frankreich hervorgingen.
Die Medici erwarben ihren Reichtum überwiegend im Textilhandel. Auf dieser Basis begründeten sie ein modernes Bankwesen und dominierten – unter anderen auch durch ihre Beziehungen zum Papsttum – die europäische Finanzwelt der frühen Neuzeit.
Giulianos älterer Bruder Piero war nach dem Tod des Vaters Lorenzo von April 1492 bis November 1494 das Familienoberhaupt und damit der maßgebliche Politiker in Florenz. Giuliano war unter den Brüdern, als der Umsturz vom 9. November 1494 zur Vertreibung der Medici und ihrer Flucht in Richtung Bologna führte.

Unter den vielen in dieser Zeit entstandenen Kunstwerken ist das weltbekannte Ölgemälde ‚Mona Lisa‘ von Leonardo da Vinci, welches zwischen 1503 und 1506 entstanden ist.
Bis heute ist nicht abschließend geklärt, welche Frau auf dem Bild dargestellt ist.
Beate Rygiert folgt in ihrem Roman der ‚Lisa-del-Giocondo-Theorie‘, welche ich persönlich auch für sehr wahrscheinlich halte.
An dieser Stelle empfehle ich euch das ausführliche Nachwort der Autorin, in dem sie noch einmal detailliert auf diese Thematik eingeht.

All diese vielfältigen geschichtlichen und künstlerischen Hintergründe hat die Autorin akribisch recherchiert und erzählt äußerst lebendig und mit viel Leidenschaft darüber. Vor allem fand ich die Beschreibungen der Malerei und Kunst sehr spannend und ich habe einiges (vor allem zur möglichen Entstehungsgeschichte der ‚Mona Lisa‘) dazugelernt und meinen Horizont erweitert. 

„»Um Euer Porträt zu malen«, sagte er und räusperte sich, »müsst Ihr mir also erlauben, einen Blick in eure Seele zu tun.«

[Seite 313, Kapitel 7 „Das Porträt“]

Am Ende dieser Rezension möchte ich mich ganz herzlich bei Beate Rygiert für dieses unvergessliche und lehrreiche Lesevergnügen bedanken.

Fazit: Ab der ersten Seite wusste ich, dass ich mir mit dieser Geschichte Zeit lassen wollte. Gerne hielt ich mich länger in dieser wunderschönen und atmosphärischen Geschichte auf und erfuhr und lernte viel Neues.
Ja, es ist ein Roman, der eine „So könnte es gewesen sein-Geschichte“ erzählt. Und nach der letzten Seite lege ich das Buch mit einem Lächeln zur Seite und denke: „Ja… so könnte es tatsächlich gewesen sein..!“ Sehr lesenswert.

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Der Buchmaler von Zürich“

von Erika Weigele

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 09. August 2023
Verlag: Gmeiner
Ausgaben: Klappbroschur und eBook
ISBN:  978-3-8392-0465-8
Seitenanzahl: 544
Preise: 18€ (Klappbroschur), 13,99€ (eBook)

Homepage:
– Verlag: https://www.gmeiner-verlag.de/buecher/titel/der-buchmaler-von-zuerich.html
– Autorin: https://www.erikaweigele.de

Klappentext:
„Zürich 1273: Dem begnadeten Schreiber und Buchmaler Bertram steht eine glänzende Zukunft im Grossmünsterstift bevor. Doch als er sich in die hübsche Pergamentertochter Fides verliebt, die bereits einem anderen versprochen ist, gerät sein Leben aus den Fugen. Auch Bertrams Ziehvater, der berühmte Gelehrte Konrad von Mure, hat Bedenken ob der Verbindung. Denn auf Bertrams Herkunft ruht ein Geheimnis. Eine Reise zum Konzil in Lyon soll dieses Rätsel lösen, bringt aber nicht nur Bertram in Lebensgefahr.“

Allgemeine Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise von der Autorin als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

Trigger-Hinweise:
– Teile der Handlung enthalten gewaltvolle Todesfälle und einzelne Szenen körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt.

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Das Buch „Der Buchmaler von Zürich“ von Erika Weigele ist ein historischer Roman, der im 13. Jahrhundert in Zürich spielt und das Leben des jungen Schreibers und Buchmalers Bertram zeigt, welcher durch seine geheimnisvolle Herkunft in große Gefahr gerät.

»(…) Es macht mir Freude, große Gedanken für die Nachwelt festzuhalten. Das ist in Euren Augen vielleicht nicht besonders heldenhaft, aber Ihr solltet die Macht des geschriebenen Wortes nicht unterschätzen.«“

[Seite 507]

Zürich im September 1273: Der junge Bertram wurde als Säugling vor einem Kloster ausgesetzt und von seinem Ziehvater Konrad liebevoll aufgezogen. Nun ist Bertram zu einem talentierten Schreiber und Buchmaler herangewachsen, dem das geschriebene Wort alles bedeutet. Ihm steht eine glänzende Zukunft im Großmünsterstift bevor.
Doch dann verliebt Bertram sich in die junge Fides, die Tochter eines Pergament-Machers. Bertram stellt seine gesamte Zukunft in Frage, aber auch seine geheimnisvolle Herkunft, über die niemand mit ihm sprechen will, lässt ihm keine Ruhe.
Als kurz vor seiner Volljährigkeit die Unterhaltungszahlungen an das Kloster ausbleiben und Bertram immer wieder das Ziel von Anschlägen wird, welche ihn um sein Leben fürchten lassen, stellt sich Bertram seiner rätselhaften Vergangenheit.

Der Roman „Der Buchmaler von Zürich“ ist bereits im August 2023 erschienen und völlig an mir vorbeigegangen. Dabei ist die Handlungszeit und auch das Thema für mich von großen Interesse. Umso mehr freute ich mich, als mir die Autorin im November 2023 eine Rezensionsanfrage zukommen ließ. Klappentext, Handlung und Handlungszeit sprachen mich direkt an. Wenige Tage später erreichte mich das signierte Buch zusammen mit mehreren Lesezeichen, einer Postkarte und einem Leselicht. An dieser Stelle möchte ich mich dafür und auch für den lieben Kontakt in den sozialen Medien ganz herzlich bedanken.

Neben der Handlungszeit und dem Thema sprach mich vor allem das stimmige und ausgefallene Cover an:
Dieses zeigt einen Ausschnitt der insgesamt fünf Tafeln, von Hans Leu dem Älteren (* um 1460; † 1507 in Zürich) die er für die „Zwölfbotenkapelle“ des Grossmünsters malte. Im Mittelpunkt des gewählten Ausschnitts steht die Wasserkirche in Zürich.

Bei der Ausgabeart des Buches handelt es sich um eine Klappbroschur mit 544 Seiten. Auf der vorderen Klappe befindet sich ein ausführlicher Text zum Inhalt des Buches, auf der hinteren Klappe wird die Autorin mit einem Foto und einer kurzen Biografie vorgestellt. Das Innere der Klappen ist leer geblieben.
Die Handlung des Buches beginnt mit einem Prolog, welcher im November 1253 ansetzt. Das erste von insgesamt 71 Kapiteln beginnt dann 20 Jahre später im September 1273. Mit dem Epilog befinden wir uns dann im April 1275 – somit umfasst die gesamte Handlung, inklusive des Prologs, knapp 22 Jahre, wobei die Haupthandlung zwischen September 1273 und November 1274 stattfindet.
Die Geschichte wird fortlaufend und äußerst spannend erzählt. Erika Weigele hat ab der ersten Seite einen immensen Spannungsbogen aufgebaut, welcher bis zum Ende nicht abflacht – ganz im Gegenteil. Diese anhaltende und sich aufbauende Spannung, sowie ihr bildhafter, ruhiger und ausdrucksvoller Sprachstil sorgten dafür, dass ich das Buch nur ungern aus den Händen gelegt habe und ein Kapitel nach dem anderen förmlich verschlungen habe – im Nu waren die 544 Seiten gelesen. Stück für Stück lüftet sich das große Geheimnis, doch auch wenn ich dachte, dass ich die Lösung gefunden habe, wurde ich zum Ende hin völlig überrascht. Besonders gefallen hat mit, dass über den Kapiteln immer das genaue Datum und die Handlungsorte stehen – dadurch fand ich mich zeitlich und räumlich gut in der Geschichte zurecht.
Abgeschlossen wird das Buch mit einem ausführlichen Nachwort der Autorin, welches verschiedene Fakten zum Codex und zu den Figuren enthält, einer Literaturauswahl und einem Glossar.

„Bertram konnte nicht verstehen, warum die meisten Schüler den Schreibdienst als lästiges Übel empfanden. Seit er als kleiner Junge zum ersten Mal die Schwelle des Skriptoriums überschritten hatte, war er dessen Atmosphäre verfallen. Er liebte den Geruch von Leder, Tinte und Kreidepulver, das gleichmäßige Geräusch der kratzenden Gänsefederkiele auf dem Pergament, und wenn er am Schreibpult saß, vergaß er alles um sich herum.“

[Seite 9]

Die Autorin hält in ihrem Nachwort fest, dass das Aussehen, Charakter und Handeln all ihrer Romanfiguren gänzlich ihrer Fantasie entsprungen sind. Während der Leser/ die Leserin in diesem Buch auch auf historische Persönlichkeiten trifft, sind einige der Figuren rein fiktiv.
Bertram ist einer der fiktiven Charaktere – steht jedoch im Mittelpunkt der Geschichte. Als Säugling wurde er vor einem Kloster ausgesetzt, genoss durch seinen Ziehvater Konrad eine unbeschwerte und bildungsorientierte Erziehung. Seine Zukunft scheint vorgezeichnet und damit sicher zu sein. Doch es kommt alles anders, als sich Bertram in Fides verliebt und diese heiraten möchte.

»Doch, ich bin mir sicher, ich liebe sie. Ich will sie heiraten. Sobald ich volljährig bin.«

[Seite 115]

Bertram habe ich aufgrund seines ehrlichen, ruhigen und sanftmütigen Charakters schnell sehr gerne haben. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und entwickelt sich während der Handlung enorm weiter und überraschte immer wieder mit seinen Denk- und Sichtweisen. Ich spürte was er erlebte, konnte nachvollziehen, wonach er sich sehnt und vor allem was er fürchtet.
Zusammen mit der ebenfalls fiktiven Fides bildet er eine starke Einheit und die beiden wissen genau, was sie wollen und was sie nicht wollen. Zudem konnte ich ihrer romantischen Liebesgeschichte nachspüren, da diese zu keiner Zeit übertrieben oder gar aufgesetzt wirkt. Fides wird mir mit ihrer wechselvollen und teils sehr emotionalen Geschichte und ihren Schicksalsschlägen noch sehr lange im Gedächtnis bleiben. Auch sie entwickelt sich lebensecht weiter und bleibt dabei sehr authentisch.
Neben diesen beiden Hauptfiguren stehen noch einige weitere Figuren, auf die ich nicht detailliert eingehen möchte, da ich sonst zu viel von der Handlung vorwegnehme. Es gibt die guten und freundlichen Charaktere, hier seien beispielsweise Konrad von Mure und seine Frau Hedwig genannt, die Wärme und Geborgenheit in die Geschichte bringen, aber auch die eher unliebsamen Figuren, wie zum Beispiel der Antagonist Pater Otto. Sie alle, egal ob freundlich oder unsympathisch, tragen ihren Teil zum Fortgang der Geschichte bei, bringen die Handlung vorwärts und bilden zusammen ein sehr stimmungsvolles und authentisches Bild der Gesellschaft des 13. Jahrhunderts ab
Erika Weigele verbindet die einzelnen kleinen Geschichten ihrer Figuren zu einer großen und mitreißenden Geschichte und verwebt diese gekonnt mit den historischen Hintergründen. Zudem waren auch die Tragik, Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen zwischen einigen der Figuren stets fassbar und zogen mich schnell in die Geschichte hinein.

„Bertram traute seinen Ohren nicht. Seit er denken konnte, war das Reich ohne einen Regenten. Oder besser gesagt, es gab zu viele davon , aber keiner hatte das Sagen. Nach dem Tod des Stauferkaisers Friedrich II. und seines Sohnes Konrad vor knapp zwanzig Jahren waren zwar verschiedene Kandidaten gewählt worden, doch keinem war es gelungen, die allgemeine Zustimmung im Reich zu erlangen.“

[Seite 12]

Den historischen Hintergrund bildet das 13. Jahrhundert. In diesem Jahrhundert folgte dem Hochmittelalter (ca. 1050 bis 1250) das Spätmittelalter (ca. 1250 bis ca. 1500).
Das zentrale Europa wurde in dieser Epoche vom Heiligen Römischen Reich dominiert. Dieses wurde von einem immer schwächer werdenden Königtum regiert, während die Eigenständigkeit der Territorien innerhalb des Reiches im Laufe des Jahrhunderts kontinuierlich größer wurde – allerdings kämpften diese untereinander in zahlreichen militärischen Auseinandersetzungen um eine bessere Machtposition.
Das Jahrhundert begann mit dem Deutschen Thronstreit zwischen dem Staufer Philipp von Schwaben und dem Welfen König Otto IV. Keiner der Beiden setzte sich in den 1210er Jahren als römisch-deutscher König durch – sondern es war Friedrich II. Der letzte große staufische Herrscher führte regelmäßige Auseinandersetzungen mit den Päpsten, da diese einen Machtverlust befürchteten – unter anderem durch eine Vereinigung von Friedrichs Erbreich Sizilien und dem Heiligen Römischen Reich. Ein Anliegen des Königs und späteren Kaisers war die Stärkung der Königsmacht – dieses Anliegen scheiterte. Friedrich musste den Reichsfürsten daraufhin umfangreiche Zugeständnisse machen. Zum Ende seiner Herrschaft hatte er mit seiner Absetzung durch den Papst und Gegenkönigen zu kämpfen. Friedrichs Tod im Jahr 1250 folgte eine Periode von machtlosen Königen. Erst im Jahr 1273 wurde Rudolf von Habsburg zum König gewählt und konnte seinen erblichen territorialen Besitz (Hausmacht) vergrößern und diesen zur Durchsetzung von politischen Zielen einzusetzen. Durch diese Hausmachtpolitik behauptete sich Rudolf von Habsburg als Monarch gegenüber den Fürsten. Eine seiner nachhaltigsten Leistungen gehörte die Errichtung der habsburgischen Hausmacht in Österreich.
Die Ständegesellschaft, die jedem Menschen seinen Platz in der Gesellschaft zuwies, bildete die Grundlage der Menschen. Sie wird auch Drei-Stände-System genannt, weil sie aus drei Gruppen bestand: dem Adel, den Geistlichen („Klerus“) und den Bauern.
Die christliche Religion spielte im Leben der einzelnen Menschen und in der gesamten Gesellschaft eine zentrale Rolle. Zu Beginn des Jahrhunderts wurde die Gegenkirche der Katharer bis auf kleine Reste vernichtet. Andere religiöse Bewegungen konnte die Kirche unter anderem in der Form von Bettelorden, wie die Dominikaner und Franziskaner, integrieren. Die Franziskaner, eine Bewegung aus Laien und Klerikern, entstand aus dem städtischen Milieu. Der klerikale Orden der Dominikaner, der sich der Gelehrsamkeit, der Glaubensvertiefung und -verbreitung widmete, brachte große Gelehrte wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin hervor. 
Das Zweite Konzil von Lyon, das 1274 unter Leitung Papst Gregors X. stattfand, entschied über drei wichtige Fragen:

1. Die Möglichkeit der Beendigung des „Morgenländischen Schismas“.
2. Einen Kreuzzug und dessen Finanzierung.
3. Die Reform der Kirche.

Die Buchkunst im Hochmittelalter bildet den Schwerpunkt dieser Geschichte: Der Codex aus Pergament löste zwischen dem 2. und dem 4. nachchristlichen Jahrhundert die Papyrusrolle ab und markiert den Beginn der eigentlichen Buchmalerei. Für die Miniaturmalerei bedeutete das Buch vor allem, dass mit den einzelnen Seiten nun eine abgeschlossene Fläche den Rahmen für die Illustrationen vorgab. Die Möglichkeit, vor- und zurückzublättern, begünstigte eine textgliedernde Funktion der Buchmalerei.
Vor allem diesem Thema galt mein großes Interesse und ich habe hier jede Menge neues Wissen gewonnen.

Bildquelle: Pixabay

Diese vielen und teils komplizierten Hintergründe hat Erika Weigele sehr akribisch recherchiert und baut diese gekonnt und verständlich in ihren Roman mit ein. Sie verwebt und verbindet die Schicksale ihrer Figuren mit diesen Hintergründen, vermittelt bildhaft geschichtliches Wissen und sorgt für einen leichten und greifbaren Zugang zu komplexen Themen und Ereignissen, welche etwa 750 Jahre zurückliegen.

Ich möchte mich noch einmal ganz herzlich bei Erika Weigele für dieses lehrreiche und mitreißende Lese-Erlebnis bedanken. Es ist eine Geschichte, die ich noch lange in meinem Herzen tragen werde.
Beenden möchte diese Buchbesprechung mit einem Zitat von Hedwig – eine meiner Lieblingsfiguren:

»Glaub mir, Kind, man hat immer eine Wahl. Es ist nicht immer einfach und vielleicht macht man sich unbeliebt, aber man hat immer eine Wahl.(…)«

[Seite 302]

Fazit: Diese mitreißende Geschichte hat mir außerordentlich gut gefallen. Ab der ersten Seite baut sich ein Spannungsbogen auf, der bis zur letzten Seite anhält.
Es waren lese-intensive Tage und Nächte, in denen ich mir oft sagte: „Nur noch dieses eine Kapitel…“ Dabei blieb es selten.

„Der Buchmaler von Zürich“ bietet großartige Unterhaltung, die mit authentischen Charakteren besticht und wunderbar erzählt ist. Lohnt sich! Große Leseempfehlung.

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Der Eispalast“

von Rena Rosenthal

[Werbung*]

Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 15. November 2023
Verlag: Penguin
Ausgaben: Taschenbuch mit Klappen und eBook
ISBN:  978-3-328-11064-4
Seitenanzahl: 544
Preise: 13€ (Klappbroschur), 3,99€ (eBook)
Reihe: „Eiskunstlauf-Trilogie“/01

Homepage:
– Verlag: https://www.penguin.de/Taschenbuch/Der-Eispalast/Rena-Rosenthal/Penguin/e617433.rhd
– Autorin: https://www.renarosenthal.de/der-eispalast/

Klappentext:
„Wien, im ausgehenden 19. Jahrhundert: Schlittschuhfahren bedeutet Nikolett alles. Sobald die Kufen das Eis berühren, ist sie glücklich und frei. Doch sie kann ihrer Leidenschaft nur heimlich nachgehen, wegen eines Unfalls lebt sie ein zurückgezogenes Leben – so zurückgezogen, dass sie dreiundzwanzig Arten von Stille unterscheiden kann. Auf keinen Fall möchte sie daher auf dem Wiener Opernball debütieren und zum Gerede der Gesellschaft werden. Erst recht nicht, da sich János, in den sie schon lange insgeheim verliebt ist, mit Händen und Füßen dagegen wehrt, mit ihr zu tanzen. Als sie sich verzweifelt zu ihrem See flüchtet, stößt Nikolett auf eine Eislaufgruppe und ist fasziniert von den fließenden und anmutigen Bewegungen. Begeistert schließt sie sich ihnen an und ahnt nicht, dass diese Begegnung ihr Leben für immer verändern wird …“

Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Penguin Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

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Das Buch „Der Eispalast“ von Rena Rosenthal ist der Auftakt einer Trilogie, die im ausgehenden 19. Jahrhundert in Wien spielt und zeigt, wie sich mehrere unterschiedliche Menschen zu einer Eislaufgruppe zusammenfinden und beginnen den Eislauf zu revolutionieren.

»Es liegt an der Schwergängigkeit der Zeit! Nur weil die Zeit noch nicht reif ist, heißt es nicht, dass wir alle falschliegen müssen.«“

[Seite 449]

Wien, im ausgehenden 19. Jahrhundert: Die junge Nikolett führt ein sehr zurückgezogenes und stilles Leben, denn ein dramatischer Unfall hat Spuren hinterlassen. Doch sobald Nikolett das Eis des nahen Sees unter ihren Kufen spürt, ist die Welt eine andere. Hier fühlt sie sich frei und ungebunden und die Sorgen eines Tages auf dem Wiener Opernball zum Gerede der Gesellschaft zu werden, sind weit entfernt.
Eines Tages trifft sie am See auf eine Eislaufgruppe. Nikolett nimmt all ihren Mut zusammen und schließt sich ihnen an – und ihr Leben beginnt sich komplett zu verändern.

Im März 2021 habe ich den ersten Band von „Die Hofgärtnerin“ von Rena Rosenthal mit großer Begeisterung gelesen. Auch die folgenden zwei Bände der Trilogie haben mich sehr beeindruckt und ich war im Januar 2023 richtig traurig, als ich von dieser Buchreihe und den liebgewonnen Charakteren Abschied nehmen musste.
Doch ich freute mich, als die Autorin mit „Der Eispalast“ den Auftakt ihrer neuen „Eiskunstlauf-Trilogie“ ankündigte. Wien und auch die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts üben eine große Faszination auf mich auf. Die Zeit ist so fern … und doch so nah. Über das Thema Eiskunstlauf habe ich bisher noch nichts gelesen und deshalb versprach die Geschichte in dieser Hinsicht meinen Horizont zu erweitern. Ich wollte dieses Buch also unbedingt lesen und fragte bei erster Gelegenheit ein Rezensionsexemplar beim Verlag an. Dieses bekam ich freundlicherweise genehmigt und zugesendet – ganz herzlichen Dank dafür.

Nicht nur der historische Hintergrund, das Thema und der Klappentext sprachen mich direkt an – sondern auch das schöne und romantische Cover. Dieses zeigt eine Winterlandschaft mit einem gefrorenen See, auf dem mehrere Menschen eislaufen. Im Vordergrund steht eine Frau, die mit einem beigen Wollkleid, einer grünen Jacke, einem roten Schal und weißen Handschuhen bekleidet ist. Ihr Blick geht leicht erhoben nach rechts, ein feines Lächeln umspielt dabei ihre Lippen. Der Winterhimmel verläuft nach oben hin in gelb-orangene Töne, auf dem der Titel „Der Eispalast“ steht, darüber steht der Name der Autorin. Der Buchrücken und die Rückseite des Buches greifen die landschaftlichen Elemente des Covers wieder auf – dadurch wirkt das Buch sehr harmonisch und edel.


Auch die Ausgabeart des Buches trägt zu dieser Wirkung bei: Es handelt sich um ein Taschenbuch mit Klappen mit insgesamt 544 Seiten. In der Klappe werden die Hauptfiguren kurz vorgestellt. Diese Vorstellungen sind graphisch wunderschön aufbereitet und wecken, zusammen mit dem Textauszug auf der vorderen Klappe, direkt die Lust auf diese Geschichte. Auf der hinteren Klappe wird die sympathische Autorin mit einem Foto und einer kurzen Biografie vorgestellt, im Inneren befindet sich eine Übersicht zu ihrer Trilogie „Die Hofgärtnerin“.
Die Handlung des Buches beginnt mit einem Prolog, der Ende des 19. Jahrhunderts spielt und aus zwei Teilen besteht: Im ersten Teil lernen wir Nikolett kennen, im zweiten Teil das Waisenkind Julianna – beide erzählen aus der Ich-Perspektive. Das erste von insgesamt 61 Kapiteln setzt dann drei Jahre nach dem Prolog an. In den einzelnen Kapiteln wechseln sich die Protagonisten ab und erzählen in der Ich-Perspektive und im Präsens fortlaufend von ihren Erlebnissen. Ich bin – ehrlich gesagt – nicht so der große Freund von dieser Erzählform. Doch diese Geschichte lebt davon, da diese durch die direkte Perspektive eine beeindruckendd Tiefe bekommt, ich mich sehr in die Figuren hineinversetzen konnte und ihre Gedanken und Gefühle einfach genau nachvollziehen konnte. Mit einem Epilog endet der erzählende Teil des Buches. Abgeschlossen wird das Buch mit einem ausführlichen Nachwort der Autorin, einem Verzeichnis österreichischer Wörter, einer Übersicht über ‚Nikoletts wahrgenommene Arten der Stille‘, einigen historischen Bildern, einem Rezept für ‚Punschkrapfen‘ und einer Zusammenstellung der wichtigsten verwendeten Quellen.
Rena Rosenthal hat einen sehr bildhaften, ruhigen und wunderschönen Sprachstil, welcher mich schnell mit in die Geschichte genommen hat.

„Allerdings will ich ohnehin kein Teil dieser Gesellschaft sein, die mir mein Leben immer so schwer macht. Und ich möchte lieber von der Gesellschaft verachtet werden, als junge Männer anzuflehen, mit mir zu tanzen. Ich werde einfach den Rest meines Lebens in meiner eigenen kleinen Welt aus Büchern verbringen. Dort ist es sicher.“

[Seite 44]

In dieser Geschichte stehen einige Figuren im Mittelpunkt, teilweise sind diese historisch oder von echten Personen inspiriert, teilweise sind sie rein fiktiv.
Beginnen möchte ich mit Nikolett Finck von Ehrenbach, die der Leser/ die Leserin gleich zu Beginn der Geschichte kennenlernt. Nikolett ist eine sehr ruhige und nicht nur äußerlich verletzte junge Frau. Sie lebt zurückgezogen in ihrem Elternhaus, liest sehr gerne Bücher und geht nur ungern vor die Tür. Sobald es aber Winter ist und der See auf dem Grundstück ihrer Familie zufriert, blüht Nikolett auf. Für sie gibt es nichts schöneres, als über das Eis zu fahren und dabei all ihre Zweifel und tiefen Verletzungen hinter sich zu lassen. Ich mochte ich ihren interessanten Charakter sehr gerne. Sie ist so anders, als die typischen (weiblichen) Charaktere in Familiensagas. Eben nicht perfekt, sondern verletzt, voller Selbstzweifel und wenig Selbstvertrauen. Ich konnte mich stellenweise sehr gut mit ihr und ihren Gedanken identifizieren und habe sie und ihre herzensgute Art sehr schnell in mein Herz geschlossen. Auch ihre enorme Entwicklung während der Geschichte wird sehr authentisch erzählt.
Neben Nikolett steht Julianna. Sie ist im Waisenhaus aufgewachsen, kennt ihre Wurzeln nicht und eckt mit ihrer Andersartigkeit und Schroffheit immer wieder an. Ihre Zielstrebigkeit und ihre Liebe zum Eislaufen bringen sie in Kontakt mit anderen Menschen – und sie kann diesen zeigen, dass sie nicht nur schroff ist, sondern auch eine sehr liebenswürdige und verlässliche junge Frau. Auch Julianna mochte ich sehr schnell, auch wenn sie mitunter sehr im Kontrast zu der ruhigen Nikolett steht: Während Nikolett sehr behütet (mitunter überbehütet) aufwächst, muss Julianna sich von Anfang in ihrem von harter Arbeit geprägten Leben alleine durchkämpfen.
Neben diesen beiden Figuren stehen noch eine Vielzahl weiterer Charaktere: János, ein Freund von Nikoletts Bruder, hat schon früh seine Eltern verloren und ist ein häufig gesehener Gast im Hause von Ehrenbach.
Leonard Lindenfels ist der Erbe einer Wachstuchfabrik, sein Herz schläft allerdings für das Eislaufen und Hochradfahren. Leonards Charakter und seine Intension sind vage an eine historische Figur angelehnt.
Jackson Haines ist einer historischen Figur nachempfunden. Dieser Mann entwickelte den klassischen Eislauf zum Eistanz, hatte privat aber immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen und eckte auch an der Gesellschaft an.
Da ich nicht zu viel von der Handlung vorwegnehmen möchte, gehe ich nicht zu detailliert auf die vielen Charaktere ein. Jede einzelne ihrer zahlreichen Figuren hat Rena Rosenthal sehr facettenreich, lebensecht und interessant dargestellt und zeichnet mit ihnen ein gutes Bild der damaligen Gesellschaft. Es sind (größtenteils) so liebenswerte Figuren, die ich noch gar nicht gehen lassen möchte. Sie verbindet die einzelnen kleinen Geschichten zu einer großen und mitreißenden Geschichte.
Natürlich gibt es auch die etwas unliebsamen Charaktere, über die ich oft den Kopf schütteln musste – doch eine gute Geschichte lebt meiner Meinung nach auch von und durch unsympathische Figuren.
Es bleibt spannend, wie es mit den Charakteren in den nächsten Bänden der Reihe weitergehen wird.

„Es ist ihnen einerlei, wie wir hier hausen und dass es oft nicht genug Essen für uns gibt. Wir können froh sein, dass unser Hausherr sich nicht an uns vergreift.“

[Seite 46]

Den historischen und gesellschaftlichen Hintergrund der Geschichte bildet das ausgehende 19. Jahrhundert. 1867 wurde das Kaisertum Österreich in die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn umgewandelt. Die Wurzeln hierfür liegen in der Auseinandersetzung des Kaisertums Österreich mit dem Königreich Preußen um die Vorherrschaft im Deutschen Bund. Flächenmäßig war Österreich-Ungarn somit nach Russland der zweitgrößte Staat Europas.
Geographisch war die Doppelmonarchie ein Übergangsgebiet zwischen West- und Osteuropa – aber auch in Bezug auf das Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung. Charakteristisch war eine gewisse Verspätung im Prozess der Entstehung einer Industriegesellschaft. Die Industrialisierung erfasste das Reich im Vergleich zu Westeuropa mit einer Verspätung von zwei bis drei Jahrzehnten. Die Entwicklung war hier nicht vergleichbar mit der Weltmacht Großbritannien, die über ein transkontinentales Kolonialimperium verfügte. Auch war Österreich-Ungarn deutlich schwächer als Deutschland, das seinen neu erworbenen Status als führende Wirtschaftsmacht auf dem Kontinent nun auch mit Ansprüchen auf ein entsprechendes politisches Gewicht verband. Wirtschaftlich vergleichbar war Österreich-Ungarn am ehesten mit Frankreich, das ebenfalls ein industriell-agrarisches Mischgebiet darstellte.
Die Gründung der Doppelmonarchie ist zu Beginn des Buches bereits seit vielen Jahren vollzogen und Kaiser Franz Joseph I. und seine Gemahlin Kaiserin Elisabeth von Österreich regierten.
Wie auch im Deutschen Kaiserreich war auch die Bevölkerung in Österreich-Ungarn stark gespalten. Es gab den Adel, die Industriellen (Neureiche) und die Arbeiter. Zwischen diesen verschiedenen Gesellschaftsgruppen gab es nur wenige Berührungspunkte, was zum Beispiel auch durch die exklusiven Eislauf-Vereine deutlich wird. Hier hatten Arbeiter und Arbeiterinnen keinen Zutritt.
Frauen in der gehobenen Gesellschaft hatten nur selten ein Mitspracherecht, wenn es um ihre Zukunft ging, oft wurde nur aus reinen Prestige-Gründen geheiratet.
Um Armut und Zukunftssorgen mussten sich viele Mitglieder der höheren Gesellschaft keine Sorgen machen. Ganz anders sah es bei den Angestellten in Fabriken und bei dem Dienstpersonal aus: Lange und anstrengende Arbeit von morgens bis abends und das alles für wenig Geld und eine unsicherer Zukunft.
Rena Rosenthal hat diese verschiedenen Gesellschaftsgruppen sehr gut und eingängig mit ihren Figuren dargestellt und verbindet diese gekonnt mit den jeweiligen Schicksalen.
Auch die geschichtlichen Hintergründe lässt sie gekonnt mit einfließen, auch wenn die gesellschaftlichen Hintergründe in „Der Eispalast“ ganz klar im Vordergrund stehen.
Vor allem wird jedoch die Begeisterung der Autorin für die Geschichte des Eis(kunst)laufens deutlich. Sie hat diese Hintergründe sehr akribisch recherchiert und mir damit einiges an neuen Wissen über die Entstehung des modernen Eiskunstlaufens vermittelt.

»Ich freue mich auf das Eis«, sage ich zu Max. »Es knirscht so schön sachte, wenn ich darübergleite.« Und leises Knirschen übertönt jede einzelne der dreiundzwanzig Arten der Stille.“

[Seite 70]

Bildquelle: Pixabay

Am Ende dieser Rezension möchte ich bei Rena Rosenthal für dieses wunderschöne und lehrreiche Leseerlebnis bedanken. Auch wenn ich das Buch nur ungern beendet habe, bin ich sehr glücklich, dass ich mich auf diese Reise begeben habe, und: Ich freue mich schon auf den nächsten Band der Reihe.

Fazit: Mit dem Buch „Der Eispalast“ erzählt Rena Rosenthal eine so kraftvolle und wunderschöne Geschichte, welche ich mit Sicherheit noch lange in meinem Herzen tragen werde.
Dadurch, dass die vielen unterschiedlichen und interessanten Figuren aus ihrer direkten Perspektive erzählen, entsteht eine ganz eigene und dichte Atmosphäre, in der ich mich ab der ersten Seite wohl gefühlt habe.
Dieses Buch empfehle ich euch sehr gerne weiter.

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung des Verlages in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.


„Dallmayr – Das Erbe einer Dynastie“

von Lisa Graf

[Werbung*]

Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 01. November 2023
Verlag: Penguin
Ausgaben: Klappbroschur und eBook
ISBN:  978-3-328-60224-8
Seitenanzahl: 496 Seiten
Preise: 16€ (Klappbroschur), 12,99€ (eBook)
Reihe: „Dallmayr“/03

Homepage:
https://www.penguin.de/Paperback/Dallmayr-Das-Erbe-einer-Dynastie/Lisa-Graf/Penguin/e597156.rhd

Klappentext:
„München 1933: Eine eigene Kaffeemischung für das Hause Dallmayr – für Lotte Randlkofer sieht so die Zukunft aus. Nichts wünscht sie sich sehnlicher, als dass die Räume des Delikatessenhauses in der Dienerstraße erfüllt werden von dem Aroma der feinen Bohnen, die über die Weltmeere schon längst den Weg nach Hamburg und Bremen finden. Nun sollen sie ihren Zauber auch in München entfalten. Denn was könnte die erlesenen Pralinen aus Frankreich und der Schweiz, die im Mund wie zarte Butter zergehen, besser begleiten als der nussige Geschmack von Kaffee? Lotte ist überzeugt, genau das hätte sich ihre Schwiegermutter Therese Randlkofer für die Zukunft des Dallmayr gewünscht. Doch während Lotte wagemutig das große Erbe der Matriarchin antritt, beginnt der Schrecken von Deutschland Besitz zu ergreifen.“

Hinweise:
– Falls ihr den ersten und zweiten Band der Reihe noch nicht kennt, aber lesen möchtet, solltet ihr diese Rezension NICHT lesen, da ihr euch sonst spoilern könntet.
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Penguin Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.
– Hier findet ihr meine ausführliche Rezension zum ersten Band und zum zweiten Band.

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Das Buch „Dallmayr – Das Erbe einer Dynastie“ von Lisa Graf ist der dritte und abschließende Band der Buchreihe um das Delikatessen-Geschäft Dallmayr in München und spielt von 1933 bis März 1945.

„»Ich spüre, dass unser Kaffee ein großer Erfolg werden wird. Irgendwann werden wir ganz viele verschiedene Sorten haben, für jeden soll etwas dabei sein. (…)«“

[Seite 137]

München 1933: Nach dem Tod von Therese Randlkofer, welche das ‚Dalmayr Delikatessengeschäft‘ mit großer Leidenschaft auf- und ausgebaut hat, führt ihr jüngster Sohn Paul zusammen mit seiner Ehefrau Lotte das Geschäft.
Die Beiden möchten etwas Neues wagen: Eigene und exklusive Kaffeemischungen sollen das Sortiment erweitern. Dafür holen sie sich die Unterstützung eines Kaffee-Spezialisten aus Bremen.
Währenddessen verliebt sich ihr einziger Sohn in die junge Selma. Doch die Zeiten sind schwer und schwierig für die junge Liebe. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, verändert sich das Leben für die Menschen in der Weimarer Republik komplett. Und in Paul werden schlimme Erinnerungen wach.

Im November 2021 habe ich den Auftakt „Dallmayr – Der Traum vom schönen Leben“ mit großer Begeisterung gelesen. Und auch der zweite Band „Dallmayr – Der Glanz einer neuen Ära“, welcher ein Jahr später im November 2022 erschien, konnte mich von der ersten bis zur letzten Seite überzeugen.
Deshalb musste ich auch unbedingt den dritten Band lesen, da ich wissen wollte, wie es mit der Geschichte und den vielen interessanten Figuren weitergeht und wie diese wunderbare Buchreihe endet.
Die Freude war riesig, als der dritte Band angekündigt wurde, welchen ich als Rezensionsexemplar auf dem ‚Bloggerportal’ anfragte und freundlicherweise vom Penguin Verlag genehmigt und zugesendet bekam. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken.

Das Buch ist eine sehr schöne und hochwertig gestaltete Klappbroschur mit 496 Seiten. Auf der vorderen Klappe befindet sich ein Textauszug, in der Klappe findet sich ein Stillleben mit Kaffeebohnen, Kaffeetassen, Blumen und Gläsern vor einem Fenster. Auf der hinteren Buchklappe wird die Autorin Lisa Graf mit einer kurzen Biographie und einem Foto vorgestellt, in der hinteren Klappe findet sich ein grafisch schön aufgemachtes Rezept für ‚Affogato al caffè‘.
Das Cover passt ganz wunderbar zu den ersten beiden Teilen der Reihe:

Band 1
Band 2
Band 3

Es zeigt ein Paar von hinten, welches die Arme umeinander gelegt hat und in Richtung des berühmten Dallmayr-Hauses in der Dienerstraße in München schaut. Sie trägt einen pinkfarbenen Mantel, er einen blau-grünen Mantel und einen braunen Hut. Die Beiden wirken sehr innig und schauen voller Stolz auf ihren Laden – deshalb sehe ich ihnen Lotte und Paul. Rechts von ihnen ist eine vierköpfige Personengruppe zu sehen: Drei der vier Frauen schauen in die Richtung des Paares, eine Frau läuft Richtung Dallmayr. Hinter den Frauen ist ein Automobil zu sehen.
Die Hauptfarbtöne des Covers, des Buchrückens und auch der Buchrückseite sind gelb-orange. Der Haupttitel ‚Dallmayr‘ ist mit einer geprägten Goldschrift aufgetragen, darunter steht der (nicht geprägte) Untertitel.

Nach einem Zitat von Fanny Gräfin zu Reventlow (1871 – 1918) beginnt die Handlung des Buches im Jahr 1933. Es gibt in diesem Buch keine wirklichen Kapitel, das Buch ist in Jahre gegliedert, wobei sich die einzelnen Jahre dann in kleinere Abschnitte aufteilen, in denen dann immer abwechselnd die verschiedenen Charaktere und deren Sichtweisen im Mittelpunkt stehen. Am Ende des Buches befinden wir uns im März 1945 – somit umfasst die gesamte und chronologisch erzählte Handlung des Buches etwa 12 Jahre. Allerdings werden nicht alle Jahre behandelt, einige Jahre werden dann rückblickend beleuchtet. Abgeschlossen wird das Buch mit dem sehr interessanten ‚Nachtrag‘ der Autorin und dem Quellenverzeichnis.
Der dritte Band setzt rund 13 Jahre nach Ende des zweiten Bandes an. In diesen dreizehn Jahren ist einiges passiert und es gab einige (teils sehr unerwartete) Wendungen. Auch wenn man die ersten beiden Bände nicht gelesen hat, findet man wahrscheinlich gut in die Handlung hinein. Allerdings ist es aus meiner Sicht sehr empfehlenswert, dass man auch die ersten Bände gelesen hat, um die Charaktere und ihre Entwicklungen und Entscheidungen besser zu verstehen.

„»Aber wir haben ein Geschäft zu führen, wir haben eine Verantwortung für unsere Belegschaft und die Lieferanten, mit denen wir Verträge geschlossen haben. Wir sind für alle verantwortlich, Paul, das muss ich dir doch nicht erklären. Wir haben schließlich beide unter deiner Mutter gelernt. An erster Stelle kommt immer noch das Geschäft.«“

[Seite 91]

In diesem Roman gibt es nicht eine Hauptfigur, sondern es stehen einige Figuren und ihre Geschichten im Mittelpunkt der Geschichte. Viele der (größtenteils realen) Figuren sind bereits aus den vorherigen Bänden bekannt, es kommen jedoch auch einige neue Charaktere hinzu.
Im ersten und zweiten Band steht die ausdrucksstarke und facettenreiche Therese Randlkofer sehr im Zentrum der Geschichte. Doch diese Zeit ist (leider) vorbei, denn Therese ist zu Beginn des Buches bereits vor einigen Jahren verstorben. Gerade am Anfang des Buches hat mit Therese sehr gefehlt, da sie mir doch sehr ans Herz gewachsen ist. Sie lebt allerdings in den vielen wertschätzenden Erinnerungen ihrer Familie weiter, welche immer mal wieder erzählt werden.
Auf den Schultern ihres jüngsten Sohns Pauls lastet viel Verantwortung, denn er hat das Erbe seiner Eltern angetreten und möchten das Delikatessengeschäft in eine neue Zeit führen und eigene Kaffeemischungen anbieten. Doch nicht nur geschäftlich muss er viele Entscheidungen treffen, auch die Zukunft seines Sohns Georg macht ihm immer wieder Sorgen. Dieser hat noch nicht so wirklich seinen Platz im Leben gefunden, entwickelt sich aber während der Handlung enorm.
Fest an seiner Seite steht seine Frau Lotte. Sie sprüht vor neuen Ideen und kann ihren Mann immer wieder mit ihrem Elan anstecken, wirkt aber auch gleichzeitig sehr beruhigend auf ihn. Die Beiden verbindet eine sehr respektvolle und ehrliche Liebe zueinander, die den jeweils anderen immer wieder auffängt und absichert.
Mittlerweile haben viele der bereits bekannten Figuren ihren Platz im Leben gefunden: Pauls älterer Bruder Hermann und seine Familie und auch die Schwester Elsa haben sich ihre, sehr unterschiedlichen, Leben eingerichtet.
Um diesen Hauptkern der Familie Randlkofer agieren noch einige weitere Familienmitglieder, auf die ich aber nicht detailliert eingehen möchte, da ich sonst zu viel von der Handlung vorwegnehme.
Auch die außenstehenden Figuren hat Lisa Graf sehr gut in die Geschichte integriert und viele Figuren geschaffen, deren Entwicklungen und Schicksale ich so schnell nicht mehr vergessen werde. Es sind schwierige und schlimme Zeiten, in denen diese versuchen einfach ihr Leben zu leben, ihr Glück zu finden. Ich hatte immer wieder die Tränen in den Augen und verfolgte die vielen Schicksale der Figuren, aber auch die Momente des Glücks. Sie alle sind, wie auch die Hauptfiguren, lebensecht, facettenreich und authentisch gezeichnet und haben mir ein gutes Bild der Gesellschaft der 1930er und 1940er Jahre vermittelt.

„»Sie sagen, dass das Land gespalten ist zwischen den Klassen, den Parteien, den verschiedenen Religionen und so weiter. Und dass sie gekommen sind, um alle zusammenzuführen und ein starkes, vereintes Volk zu machen.«
»Das ist doch nichts als Augenwischerei. (…) Eine einheitlich graue Masse aus all diesen Unterschieden zu formen, das geht doch nur mit Zwang und Einschüchterung.«“

[Seite 166]

Es ist eine Gesellschaft, die noch immer vom Ersten Weltkrieg, der Nachkriegszeit und der Weltwirtschaftskrise gezeichnet war und von einer Demokratie auf direkten Weg in eine Diktatur steuerte:
Am 23. März 1933 tagte das Parlament in Berlin. Auf der Tagesordnung stand das sogenannte „Ermächtigungsgesetz“, welches Adolf Hitler ermöglichte, vier Jahre lang und ohne Einmischung des Reichspräsidenten, des Reichsrats und des Parlaments Gesetze zu erlassen. Mit 444 Stimmen dafür und 94 Gegenstimmen nahm das Parlament das Ermächtigungsgesetz an, welches bis 1945 die Grundlage der Nazidiktatur bildete.
Nachdem Hitler so viel Macht hatte, wandelten die Nationalsozialisten die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen um- dieser Prozess wird als ‚Gleichschaltung‘ bezeichnet. Während jüdische und politisch unerwünschte Beamte aus dem Dienst entlassen wurden, wurden auch die Gewerkschaften aufgelöst und die existierenden politischen Parteien verboten. Ab Mitte Juli 1933 war Deutschland ein Einparteienstaat.
Auch auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet fanden die sogenannten ‚Säuberungen‘ statt. Alles ‚Undeutsche‘ sollte verschwinden, worauf es in vielen Städten zu Bücherverbrennungen und der Verbannung ‚Entarteter Kunst‘ kam.
Die jüdischen Bürger und Bürgerinnen Deutschlands wurden zum Opfer von Gewalt, Schikanen und Unterdrückung. Am 1. April 1933 verkündete das Regime einen landesweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte. Es ist der erste Schritt in einer Reihe antijüdischer Maßnahmen, die im Holocaust endeten, der schlussendlich über 6 Millionen Menschen das Leben kostete.
Diese vielen gesellschaftlichen, politischen und geschichtlichen Themen bilden den Hintergrund des Buches „Dallmayr – Das Erbe einer Dynastie“. Es wird deutlich, wie die Bevölkerung die Machtergreifung der Nationalsozialisten und auch den Ausbau der Diktatur erlebt haben und wie diese gespaltene Gesellschaft in den Zweiten Weltkrieg gesteuert wurde.
Lisa Graf hat diese Hintergründe akribisch recherchiert und gekonnt mit den vielfältigen Geschichten und Schicksalen ihrer Figuren verwoben. Auch wenn sie die überlieferte Firmengeschichte des Dallmayr hier und da mit fiktiven Elementen und Figuren spickt, wirkt die gesamte Handlung rund.
Mit ihrem sehr eingängigen, angenehmen und bildhaften Sprachstil nahm mich die Autorin mit auf eine gelungene Zeitreise und konnte mir so einiges an geschichtlichen Wissen und auch Wissen zum Anbau und Röstung der Kaffeebohnen vermitteln.

„Wieso mussten ausgerechnet sie die Generation sein, die zweimal in ihrem Leben einen Krieg mitmachte? Was für ein Fluch lastete auf ihnen? Was konnten sie denn dafür?“

[Seite 404]

Nun heißt es Abschied von den Figuren und dieser Geschichte zu nehmen, die mich über zwei Jahre lang begleitet und begeistert haben. Danke liebe Lisa Graf für dieses imposante und lehrreiche Lesevergnügen und für Figuren, die ich noch lange in meinem Herzen tragen werde.

Fazit: Ich habe Therese, die Hauptfigur des ersten und zweiten Bands, zu Beginn des dritten Bandes wirklich sehr vermisst.
Trotzdem erzählt auch dieser Band eine spannende und mitreißende Geschichte – voller Wärme, Hoffnung und Genuss, aber auch mit viel Tragik und vielen Abschieden.
Ich habe jede einzelne der fast 500 Seiten genossen und stelle das Buch sehr zufrieden ins Regal. Große Leseempfehlung.

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung des Verlages in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.





„Lindy Girls“

von Anne Stern

[Werbung*]

Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 14. November 2023
Verlag: Aufbau
Ausgaben: Klappbroschur und eBook
ISBN: 978-3746640006
Seitenanzahl: 349 Seiten
Preise: 16€ (Klappbroschur), 11,99€ (eBook)

Homepage:
https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/lindy-girls/978-3-7466-4000-6

Klappentext:
„Vier Frauen, die um ihre Freiheit kämpfen – und sie im Tanz finden.
Fasziniert vom neuen Swing aus Amerika gründet die Choreographin Wally eine Tanzgruppe. Ihre Tänzerinnen findet sie in den Straßen Berlins. Doch den »Lindy Girls« bleibt der Zugang zu den großen Tanzpalästen verwehrt, denn hier haben die Männer das Sagen. Dagegen begehrt auch Sekretärin Gila auf, die davon träumt, mehr zu schreiben als das, was ihr diktiert wird. Mit ihr stößt die Industriellentochter Thea zur Gruppe, und ihre Kontakte öffnen endlich Türen. Aber dann kommt den »Lindy Girls« die Liebe in die Quere … 
Bestsellerautorin Anne Stern erzählt von vier Frauen im wilden Berlin der 1920er Jahre – atemlos, traumtänzerisch und romantisch.“

Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise von den Aufbau Verlagen und der Autorin als vorzeitiges Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension vom Verlag und von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistungen bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

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Der Roman „Lindy Girls“ von Anne Stern spielt in den Jahren 1928/ 1929 in Berlin und handelt von vier Frauen, welche, inspiriert vom neuen Swing aus Amerika, eine Tanzgruppe gründen und um ihre Freiheit kämpfen.

„Du bist verrückt, mein Kind, du träumst …
Nein, nicht von der Liebe. Von etwas, das bis vor Kurzem nur ein vager Schimmer am Horizont gewesen war, nun aber vielleicht schon einen Namen hatte – den Lindy Girls.“

[Seite 61]

Berlin im Jahr 1928: Als der Swing aus Amerika in Berlin ankommt, ist die Choreographin Wally direkt begeistert und gründet eine Tanzgruppe aus jungen talentierten Frauen.
Schnell wachsen die Frauen zu einer Einheit zusammen, doch Auftritte in den großen Tanzpalästen der Stadt bleiben ihnen verwehrt.
Während die Tänzerinnen Thea und Alice in diesem Tanz ihre neue Berufung finden, muss sich auch die junge Sekretärin Gila etwas überlegen, um aus ihrem Leben auszubrechen. Sie ist es leid, immer nur das zu schreiben, was ihr Chef ihr diktiert. Also beginnt Gila mit dem Schreiben eines Romans.
Doch ist die Zeit und die Gesellschaft für soviel weiblichen Mut und Neuanfänge bereit?

Seit vielen Jahren gehört Anne Stern zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen, da ich ihre vielfältigen Geschichten sehr gerne lese. Vor allem mit der Reihe um die „Hebamme Hulda Gold“ hat sie sich in mein Herz geschrieben. Wann immer sie eine Neuerscheinung ankündigt, weiß ich, dass ich diese auch direkt lesen möchte – so auch bei „Lindy Girls“.
Freundlicherweise bekam ich vom Aufbau Verlag ein Buch als kostenloses und vorzeitiges Rezensionsexemplar zugesendet, wofür ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte.

Das Buch ist eine sehr schöne und hochwertig gestaltete Klappbroschur mit 349 Seiten. Auf der vorderen Klappe befindet sich der Klappentext, in der Klappe findet sich ein sehr atmosphärischer Textausschnitt, welcher mit einer historischen Stadtansicht unterlegt ist. Außerdem findet sich hier ein QR-Code, welcher zu einer Playlist führt. Mit dieser Playlist kann man dann völlig in den Sound der „Lindy Girls“ eintauchen. Auf der hinteren Buchklappe wird die Autorin Anne Stern mit einer kurzen Biographie vorgestellt, in der hinteren Klappe wird die Intension der Autorin für diesen Roman dargestellt.
Als das Cover im April 2023 enthüllt wurde, war ich total begeistert – und ich bin es immer noch. Es zeigt zwei Frauen, welche hintereinander auf einer Mauer balancieren und tanzen. Während die Frau vorne an der Kamera vorbeischaut, schaut die hintere Frau lächelnd in die Kamera. Das Bild drückt so viel Frohsinn und Lebensfreude aus und passt einfach perfekt zu dieser Geschichte und dem Titel. Der Name der Autorin steht in rosafarbenen Großbuchstaben über dem goldgeprägten ‚Lindy‘ – hier muss ich leider bemängeln, dass die Goldprägung des Schriftzuges sehr empfindlich ist und leicht zerkratzt. Das ‚Girls‘ hingegen ist in weißer und geprägter Schreibschrift gehalten.

Nach einem Zitat von Katharina Rathaus zum Thema ‚Charleston‘ aus dem Jahr 1926 beginnt das erste Kapitel., in welchem Gila das Wort führt. Das zweite Kapitel setzt dann im September 1928 an und die Leser und Leserinnen lernen die Choreographin Wally und ihre sich entstehende Tanzgruppe kennen. In jedem der insgesamt 37 Kapitel stehen abwechselnd die verschiedenen Figuren im Mittelpunkt. So wird diese Geschichte aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt, was für eine sehr dichte Atmosphäre sorgt. Das letzte Kapitel spielt im Januar 1929, das letzte Kapitel wird dann wieder aus der Sicht von Gila erzählt. Damit wirkt die Geschichte von Gila wie eine Klammer, welche die gesamte Geschichte ummantelt und zusammenhält.
Die gesamte Handlung umfasst nur etwa vier Monate und wird chronologisch erzählt. Auch wenn ich zu Beginn etwas Probleme hatte, sie vielen unterschiedlichen Figuren und deren Hintergründe und Geschichten im Kopf zu behalten, nahm ich das Buch immer wieder gerne in die Hände und freute mich aufs weiterlesen.
Anne Sterns ausdrucksstarke, bildhafte und poetische Sprache hat mich wieder direkt in die Geschichte und in die Zeit mitgenommen. Sie beschreibt kleine Begebenheiten und einzelne Geschichten, doch genau diese füllen das Buch mit Leben, verbinden sich zu einer großen Geschichte und lassen und eine ganz eigene Atmosphäre entstehen.

„Wally wollte etwas anders, das man auf den großen Bühnen der Stadt bisher nur selten sah. Es hing mit dem zusammen, was Wally einst als junge Frau bei ihrer eigenen Tanzlehrerin gelernt hatte. Dass Tanzen nichts mit Gleichschritt und Marschieren zu tun hatte, und noch weniger mit der absoluten Unterwerfung des Einzelnen unter die Gesetze der Masse. Sondern vielmehr mit der Befreiung des Körpers, um dem Innersten des Menschen Ausdruck zu verleihen. Und nicht zuletzt bot dieser Tanz, den sie so liebte und den man solo ebenso wie in einer großen Gruppe tanzte, aber nicht als Paar, eine verlockende Aussicht auf die dringend notwendige Befreiung der Frauen.“

[Seiten 19/20]

In diesem Roman gibt es nicht eine Hauptfigur, sondern es stehen einige Figuren und ihre Geschichten im Mittelpunkt der Geschichte.
Ganz zu Beginn lernen wir die junge Sekretärin Gila kennen. Sie arbeitet in einer Zeitungsredaktion, ist sehr flink an der Schreibmaschine und damit steht sie auch bei ihrem Chef sehr hoch im Kurs. Doch all das macht Gila nicht glücklich. Sie träumt von höheren Zielen und möchte unbedingt einen Roman schreiben. Um der immerwährenden Tristesse der väterlichen Wohnung zu entkommen, stürzt sich Gila in das aufregende Nachtleben Berlins. Gila ist eine Figur, sie man einfach gerne haben muss. Sie trägt so viel Frohsinn in sich, wirkt aber auch immer wieder leicht verletzlich.
Auch Thea ist möchte aus ihrem konservativen Elternhaus ausbrechen, einer arrangierten Ehe entkommen und ihr eigenes Leben führen. Als sie Gila kennenlernt, nimmt ihr Leben endlich die Wendung, die sich Thea gewünscht hat. Theas etwas leichtgläubige Art, ihre Leidenschaft fürs Tanzen und ihre enorme Entwicklung konnten mich sehr schnell und nachhaltig begeistern.
Die junge Alice ist eine meiner Lieblingsfiguren in diesem Roman. Zu Beginn der Geschichte arbeitet Alice in einer Fabrik, in der sie immer die selben Handgriffe verrichten muss. Da sie Waise ist und auch noch ihren Bruder Ben mit durchbringen muss, ist Alice auf diese Arbeit angewiesen. Doch sie liebt das Tanzen und als sie zufällig von der Tanzlehrerin Wally entdeckt wird, öffnet sich für Alice eine neue Welt. Alice nimmt kein Blatt vor den Mund, sagt immer direkt, was sie denkt und fühlt. Auch wenn sie selbst wenig hat, ihr Leben von Armut und Verlusten geprägt ist, hilft sie gerne den Menschen in ihrer Umgebung – so gibt sie beispielsweise den Straßenkindern Tanzunterricht und lässt diese dadurch für einen kurzen Moment ihren Alltag vergessen.
Neben diesen drei jungen Frauen steht Wally. Sie ist Mitte Dreißig, stammt ursprünglich aus Schlesien und träumt schon seit vielen Jahren davon, eine Tanzgruppe zu gründen, welche erfolgreich auf den großen Bühnen tanzen. Nun scheint ihr Traum zum Greifen nah. An Wally mochte ich, dass sie sehr ambivalent gezeichnet ist. Einerseits ist sie die strenge Tanzlehrerin, die sich nicht auf der Nase umtanzen lässt, auf der anderen Seite ist Wally aber auch sehr sensibel und stellenweise auch einfach nur sehr unglücklich.
Neben diesen weiblichen Protagonisten spielen auch ein paar wenige Männer eine Rolle. Deren Geschichten sind nicht weniger spannend als die Geschichten der Frauen – in einem Fall so tragisch und mitreißend, dass ich mit den Tränen kämpfen musste. Um nicht zu viel von der Handlung vorwegzunehmen, möchte ich nicht allzu detailliert auf all diese Figuren eingehen.
Jede ihrer zahlreichen Figuren hat Anne Stern sehr facettenreich, lebensecht und interessant dargestellt und zeichnet mit ihnen ein gutes Bild der damaligen Gesellschaft: Eine Gesellschaft, welche zwischen Aufbruch, Neubeginn und den Wunden des ersten Weltkrieges zerrissen war. Mitunter konnten mich einige Figuren mit ihren Taten, Gedanken und vor allem ihren teils immensen Entwicklungen überraschen und zu Tränen rühren.

„Die Zeiten änderten sich, man las es überall in den Zeitungen. Die Frauen waren nicht länger Eigentum ihrer Eltern und Ehemänner, sie durften wählen, sie tanzten mit bloßen Brüsten auf den Bühnen der Stadt, und sie bestimmten über sich selbst, zumindest forderten sie es. Jetzt kam es für Thea darauf an, den Beweis anzutreten, dass sie das auch vermochte.“

[Seite 41]

Den geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund bilden die „Goldenen Zwanziger“: Diese waren die Blütezeit der Weimarer Republik und begannen 1924 mit der Einführung der Rentenmark, wurden 1929 durch die Weltwirtschaftskrise jedoch schon wieder beendet.
Vor allem zu Beginn des Jahrzehnts, waren die „Goldenen Zwanziger“ keineswegs golden, denn die Folgen des verlorenen Ersten Weltkrieges waren in der jungen Weimarer Republik überall spürbar. Viele Menschen lebten am Rand des Existenzminimums. Kriegsversehrte und unterernährte Kinder waren ein häufiger Anblick auf den Straßen. Dazu ließen die Arbeitslosigkeit, der Hunger und das Elend die Kriminalität drastisch steigen.
Im Jahr 1923 verschärfte die Inflation die Lage, Papiergeld verlor immer schneller seinen Wert. Die Menschen gingen mit Schubkarren voller Geld einkaufen – oft bekamen sie jedoch für ihr am Morgen verdientes Geld am Abend schon keine Waren mehr. Am 20. November 1923 wurde dann die Rentenmark eingeführt – mit dieser Währungsumstellung konnte die Inflation gestoppt werden.
Der Dawes-Plan sorgte dafür, dass die Reparationenzahlungen aus dem Versailler Vertrag für die Weimarer Republik einfacher zu stemmen waren. Eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs begann, welcher sich allerdings auf Anleihen aus dem Ausland stützte. Bis 1929 flossen rund 21 Milliarden Mark Kredite in die Weimarer Republik – vor allem aus den USA. Die Wirtschaft erholte sich und im Vergleich zu den vorangegangenen Krisenzeiten ging es den Menschen so gut, dass sich die zweite Hälfte der Zwanziger Jahre geradezu „golden“ anfühlt. In dieser relativ stabilen Situation kam es außerdem in den Bereichen Wissenschaft, Kunst und Kultur zu einer Blütezeit.
Es ist vor allem das blühende kulturelle Leben, das den „Goldenen Zwanzigern“ ihren Ruf verschaffte. Die Zeit war geprägt von Zuversicht und Lebensfreude: Neben Cafés und Theatern entstanden auch Varietés – das Nachtleben in den Großstädten war ausgelassen und vor allem freizügig. Aus Amerika kam nicht nur das Geld, sondern auch die neue Musik – der Swing – und auch eine ganz neue Art des Tanzes – der Charleston.
Nach Europa schwappte die Welle des neuen Tanzes durch eine einzige Solotänzerin: Josephine Baker brachte die Charleston-Begeisterung auch nach Deutschland, indem sie nur mit Bananen bekleidet 1925 mit dem Tanz in Berlin auftrat. Während Baker in den USA unter Rassenvorurteilen zu kämpfen hatte, konnte die schwarze Tänzerin in Frankreich und Deutschland hingegen groß Erfolg feiern.
Der Charleston war neu, vor allem frech und vor allem nach Wiener Walzer und Co ein Skandal. Da der Charleston auch wunderbar allein getanzt werden konnte, spielte dieser neue Tanz dem neuen Selbstvertrauen der Frauen in den Goldenen Zwanziger nur in die Karten.

Damit war der Charleston vor allem der Gesellschaftstanz für die emanzipierte Dame in den Zwanzigerjahren. Durch zahlreiche gesellschaftliche Veränderungen gewannen sie ein ganz neues Selbstbewusstsein, das sich auch in ihrem Verhalten in der Öffentlichkeit ausdrückte. Sie rauchten, sie fuhren Autos, sie hatten öffentlich Spaß und sie tanzten den Charleston. Der Tanzstil war einer der ersten in der westlichen Kulturgeschichte, bei der Frauen führende Rollen einnehmen oder ihn ganz und gar allein tanzten. Mit dem Swing wurde aus der geführten Tanzpartnerin die emanzipierte Solistin, welche mit den neuen, in Mode gekommenen, kurzen Partykleidern viel Bein und Ausschnitt zeigten – was die Bewegungen des Charlestons zusätzlich noch frecher erscheinen ließ.

(Bildquelle: Pixabay)

Anne Stern hat diese vielen geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe akribisch recherchiert, vor allem aber das Lebensgefühl dieser Zeit, wunderbar in ihrem Roman eingefangen und eingebaut.
Während des Lesens liefen einige der vielen im Roman vorkommenden Songs im Hintergrund – das sorgte noch einmal mehr für einen hohen und intensiven Lesegenuss.

Zum Ende dieser Rezension möchte ich mich bei Anne Stern für diesen erneuten unvergesslichen Roman bedanken, welcher mir wieder einmal neues geschichtliches und musikalisches Wissen vermittelt hat.

Fazit: „Lindy Girls“ von Anne Stern ist ein Roman, welcher voller Leben und Musik, Leichtigkeit aber auch Tragik ist. Mir hat das Lesen viel Freude bereitet, es gab aber auch Momente, bei denen ich schlucken musste.
Mit ihren facettenreichen Charakteren und ihrer bildhaften und vor allem poetischen Sprache hat mich Anne Stern wieder auf eine unvergessliche, musikalische und tänzerische Zeitreise genommen. Sehr lesenswert.

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung des Verlages in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Der Schwur der Gräfin“

von Silke Elzner

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 07. November 2023
Verlag: Selbstverlag
Ausgaben: Taschenbuch und eBook
ISBN:  978-3758418150
Seitenanzahl: 676 Seiten
Preise: 21,95€ (Taschenbuch), € (eBook)

Homepage:
https://silkeelzner.de/der-schwur-der-graefin/

Klappentext:
„Anfang des 15. Jahrhunderts wütet in Holland ein blutiger Bürgerkrieg. Jakobäa, das einzige Kind des verstorbenen Grafen, bangt um ihr Erbe. Nur mit einer Heirat kann sie als Frau ihren Anspruch durchsetzen.
Als ihr erster Gatte ermordet wird und der zweite sich als unfähig herausstellt, beschließt sie, auf eigene Faust Verbündete zu suchen.
Am Hof in London scheint ihre Mission von Erfolg gekrönt. Was sie nicht ahnt: Fataler noch als jede Schlacht ist ein Mann, der es vermag, ihr Herz zu erobern …“


Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise von der Autorin Silke Elzner als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

Coverrechte: Silke Elzner

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Der historische Roman „Der Schwur der Gräfin“ von Silke Elzner spielt im 15. Jahrhundert in Holland und zeigt das Leben der Gräfin Jacobäa von Bayern, welche in einer von Männern beherrschten Welt um ihr Erbe und persönliches Glück kämpfen muss.

„»(…) Ich habe nur mein Erbrecht verteidigt. Ich habe genau das getan, was mein Vater, der letzte Graf, von mir verlangt hat. Es war meine Pflicht als seine Tochter. (…)«“

[Kapitel 29]

Dezember 1415: Die vierzehnjährige Jacobäa lebt mit ihrem Ehemann, ihrem Vater und der Mutter in Quesnoy. Erst im August desselben Jahres hat sie dem drei Jahre älteren Jean de Valois, dem Sohn des französischen Königs Karl VI., geheiratet.
Da erreicht sie die Nachricht vom Tod von Jeans älteren Bruder Louis. Jean wird daraufhin zum Thronfolger des französischen Königthrons ernannt, Jacobäa soll die nächste Königin Frankreichs werden.
Doch die Ereignisse überschlagen sich, als Jean im April 1417 völlig überraschend stirbt und Jacobäa mit gerade einmal 16 Jahren zur Witwe wird. Wenige Wochen später stirbt ihr Vater und für Jacobäa beginnt in einer von Männern beherrschten Welt ein endloser Kampf um ihr Erbe.

Im September 2022 habe ich mit großer Begeisterung den Debüt-Roman „Die letzte Fehde an der Havel“ von Silke Elzner gelesen. Im Juni 2023 hat sie mich mich mit ihrem zweiten Roman „Der Verrat der Kaufmannswitwe“ auf eine unvergessliche und mitreißende Zeitreise mitgenommen.
Auch ihr neuster Roman „Der Schwur der Gräfin“ weckte sofort mein Interesse, da ich die Zeit des Spätmittelalters und die Geschichte der Niederlande sehr spannend finde. Mir sagte der Name Jacobäa von Bayern noch nicht viel, deshalb war ich sehr gespannt auf diese Geschichte und freute mich auf neues geschichtliches Wissen. Freundlicherweise bekam ich das Buch von der Autorin als vorzeitiges Rezensionsexemplar zugesendet. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bedanken.

Das Cover zeigt einen Ausschnitt des Gemäldes „Burning Windmill“ (‚brennende Windmühle‘) von Johan Christian Dahl (1788 bis 1857). Es ist ein sehr düsteres Bild, welches jedoch sehr gut zu der Grundstimmung des Romans passt.
Nach dem Impressum folgt eine sehr schön gestaltete Karte, auf der einige der Haupthandlungsorte vermerkt sind. Der Karte folgt eine ausführliche Zusammenstellung der Figuren. Dem erzählenden Teil folgen das Nachwort, die Danksagung, eine kurze Biographie der Autorin und schlussendlich ein Überblick über die Bücher von Silke Elzner.
Die gesamte Handlung des Buches erstreckt sich auf insgesamt 33 Kapitel, spielt von 1412 bis 1438 und wird in fünf Teile aufgegliedert:

  • Teil Eins: Hennegau, 1415 – 1417
  • Teil Zwei: Brabant, 1417 – 1421
  • Teil Drei: England, 1421 – 1423
  • Teil Vier: Holland, 1424 – 1428
  • Teil Fünf: Zeeland, 1430 – 1438

Wie in ihren beiden ersten Büchern konnte mich auch diese großartige Geschichte ab der ersten Seite in ihren Bann ziehen. Silke Elzner erzählt bildgewaltig, fesselnd und mit großer Leidenschaft. Sie zeichnet die ein starkes und unverzerrtes Bild der damaligen Zeit und schafft in ihrem Buch eine sehr dichte Atmosphäre, in welcher ich völlig abtauchen konnte. Die größtenteils chronologisch erzählte Handlung ist durch die vielen Verstrickungen nie langweilig oder langatmig – auch wenn es zu Beginn etwas verwirrend ist, wer mit wem und wie verwandt ist. Hat man sich aber erst in diese spannende Zeit und Thematik eingelesen, möchte man das Buch nicht mehr aus den Händen legen.

„»Man huldigt also lieber einen zugezogenen Prinzen aus Frankreich als der legitimen Tochter des Grafen. Nur, weil sie ein Mädchen ist.«“
»Nichts ist gerecht im Leben. Besonders nicht für Frauen.«

[Kapitel 1]

Ein Blick in das Personenregister zeigt, dass fast alle der Figuren in diesem Buch historisch belegt sind.
Im Mittelpunkt steht Jacobäa von Bayern (1401 – 1436). Sie ist das einzige eheliche Kind von Wilhelm von Bayern ( 1365 bis 1417), dem Grafen von Holland, Friesland, Zeeland und des Hennegaus. Ihr Großvater Albrecht I. war durch seine geschickte Heiratspolitik zu europäischer Bedeutung gelangt, ihr Vater wollte diesen Weg fortsetzen und verlobte Jacobäa im Alter von fünf Jahren mit dem drei Jahre älteren Jean de Valois, dem Sohn des französischen Königs Karl VI. – im Jahr 1415 fand die Hochzeit statt.
Als kurz nach der Hochzeit ihr Schwager Louis stirbt, winkt Jacobäa der französische Königsthron. Doch dieser ist ihr nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemanns nicht vergönnt. Das Erbe ihres Vaters kann sie auch nur mit einer erneute Hochzeit durchsetzen. Ihre eigenen Wünsche und Ziele spielen hierbei jedoch keine Rolle.
Ich mochte den ehrlichen und sehr kämpferischen Charakter von Jacobäa sehr schnell. Mitunter war es fast unerträglich zu erleben, wie diese junge und politisch völlig unerfahrene Frau (eigentlich noch ein Mädchen) zum Spielball ihrer überwiegend männlichen Verwandten wurde. Silke Elzner spürt in diesem Roman dem interessanten Leben der hier in Deutschland ziemlich unbekannten Jacobäa von Bayern nach und zeigt mit ihr einen Einblick in eine Zeit, welche vom Hundertjährigen Krieg und zwei Bürgerkriegen geprägt war. Hierbei hat mich sehr beeindruckt, dass es Silke Elzner gelingt, Jacobäas Charakter sehr ambivalent darzustellen. Ich litt mit ihr mit und konnte mich nur schwer von diesem unvergesslichen Charakter trennen.
Neben Jacobäa spielen in diesem Roman eine Vielzahl historischer Figuren eine Rolle, viele von ihnen gehören zu den schillerndsten Figuren jener Zeit: Als Beispiele seien Henry V., Isabeau von Bayern, Catherine de Valois, Humphrey of Lancaster und Johann von Burgund genannt. All diese Figuren hat Silke Elzner sehr authentisch und lebensecht dargestellt und ich konnte ich den vielen und vielfältigen Figuren immer gut folgen. Auch wenn mich das Denken und das ungerechte Verhalten des ein oder anderen Charakters gegenüber Jacobäa mitunter sehr wütend gemacht hat – doch das größtenteils die überlieferte Geschichte.
Die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen zwischen den Figuren waren stets fühlbar und zogen mich schnell in diese spannende Geschichte hinein. Es sind Figuren, welche ich mit Sicherheit noch lange in meinem Herzen tragen werde – allen voran die unvergessliche Geschichte von Jacobäa.

»Warum herrscht eigentlich Krieg zwischen England und Frankreich?«, fragte sie frustriert. »Mit Verlaub, warum kann Henry nicht einfach auf dieser Insel bleiben und den Menschen den Frieden gönnen?«
»Es ist gut, dass du danach fragst. Die wenigsten tun das. Der Krieg dauert nun schon so lange an, dass man ihn als gegeben hinnimmt.«
»Beinah hundert Jahre!«

[Kapitel 19]

Den geschichtlichen Hintergrund bildet das 15. Jahrhundert und damit der Hundertjährige Krieg. Im Jahr 1328 endete in Frankreich mit dem Tod Karls IV. die Herrschaft der Kapetinger, da dieser keinen direkten Nachfolger hinterließ. In England regierte zu dieser Zeit Edward III. Dieser war nicht nur englischer König, sondern er erhob auch Anspruch auf die französische Krone, weil er sich aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen erbberechtigt sah. Somit wollte er sowohl über England wie auch über Frankreich herrschen, also eine Doppelmonarchie errichten. Der Krieg zwischen England und Frankreich begann im Jahr 1338 und endete 1453 und kostete zwischen 180.000 und 3.000.000 Menschen das Leben.
Aber auch auf dem Gebiet der heutigen Benelux-Staaten fanden im 15. Jahrhundert heftige Kriege und Konflikte statt, unter anderen der Bürgerkrieg der Armagnacs und Bourguignons.
Aber auch die Auseinandersetzungen zwischen Jocobäa und ihren männlichen Verwandten um das Erbe ihres Vaters sorgten für weitere Unruhen.
Diese vielen und teilweise sehr komplexen geschichtlichen Hintergründe hat Silke Elzner sehr anschaulich und detailliert dargestellt und mir damit eine Menge an neuen geschichtlichen Wissen geschenkt.

„»(…) Wir Frauen sind alle nur Figuren auf seinem Schachbrett.«

[Kapitel 15]

Am Ende dieser Rezension möchte ich mich ganz herzlich bei Silke Elzner für dieses erneute wunderbare und sehr lehrreiche Lesevergnügen bedanken.

Fazit: „Der Schwur der Gräfin“ ist ein sehr authentischer und spannender historischer Roman, der mich mit einer solch interessanten und ambivalent gezeichneten Hauptfigur komplett überzeugt und begeistert hat.
Eine wahre Perle im Genre des Historischen Romans – unbedingt lesen. 

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Papierkinder“

von Julia Kröhn

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 18. Oktober 2023
Verlag: Blanvalet
Ausgaben: Hardcover und eBook
ISBN: 978-3764508364
Seitenanzahl: 560 Seiten
Preise: 24€ (Hardcover), 15,99€ (eBook)

Homepage:
https://www.penguin.de/Buch/Papierkinder/Julia-Kroehn/Blanvalet/e608505.rhd

Klappentext:
„Als die Zeit der Kinder kam … Ein mitreißender Roman mit aktueller Brisanz, den man nie mehr vergisst.
Berlin 1874: Im Armenhaus von Steglitz retten zwei Mädchen einen vernachlässigten Säugling vor dem Hungertod. Obwohl sie in einer harten, mitleidslosen Welt aufwachsen, eint sie die feste Überzeugung, dass jedes Kind wertvoll ist. Es ist der Beginn einer tiefen Freundschaft – und zugleich einer Bewegung, die unermüdlich Verständnis und Liebe, Respekt und Schutz für Kinder einfordert. Mutige, tatkräftige Frauen schließen sich ihr an. Und sie alle sind erst am Ziel, als 1924 in der Schweiz ein ganz besonderes Papier unterzeichnet wird: die erste Kinderrechtserklärung.
Der Sozialistin Emma Döltz, der Montessori-Lehrerin Clara Grunwald und der Wohltäterin Eglantyne Jebb ist es zu verdanken, dass 1924 die »Genfer Erklärung« verabschiedet wurde – die Grundlage für die UN-Kinderrechtskonvention von 1989.“

Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Blanvalet Verlag als Rezensionsexemplar über das ‚Bloggerportal‘ zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension vom Verlag und von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistungen bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

Coverrechte: Blanvalet Verlag

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Der historische Roman „Papierkinder“ von Julia Kröhn spielt von 1874 bis 1925 in Berlin und Genf und zeigt den beschwerlichen und mutigen Weg unterschiedlicher Frauen, welche sich für die Rechte der Kinder stark gemacht haben.

„»Du hattest recht«, murmelte Mathilde, »Kinder kosten nichts. Ich fürchte, für viele Menschen haben sie überhaupt keinen Wert. Sonst würde man ihre Mütter nicht so darben lassen.«
»Dann müssen wir den Müttern eben helfen«, sagte Emma energisch. »Die Kinder haben den Wert, den man ihnen gibt.«“

[Seite 26, Kapitel 1]

Berlin im Jahr 1874: Die beiden Mädchen Emma und Mathilde wachsen in ärmlichsten Verhältnissen im Armenhaus Steglitz auf. Als die beiden einen Säugling vor dem Hungertod retten, entsteht zwischen den Mädchen eine tiefe Freundschaft und Verbundenheit, welche auch noch Jahre später besteht – auch wenn sich ihre Leben in verschiedene Richtungen entwickeln.
Emma, die schon immer leidenschaftlich gedichtet hat, erkennt das Unrecht, welches vielen Kindern widerfährt und möchte dagegen angehen, Mathilde ist in einer unglücklichen Ehe gefangen.
Doch als das Schicksal erbarmungslos zuschlägt, wird die Freundschaft der Beiden und auch die Zukunft ihrer Kinder auf eine harte Probe gestellt.

Schon seit einigen Jahren gehört Julia Kröhn zu meinen Lieblingsautorinnen, da sie mich mit ihren tief gängigen Geschichten immer sehr berührt. Die „Riviera-Saga“, welche 2020 erschienen ist, gefiel mir außerordentlich gut, ebenso die Reihe um die „Lehrerin von Hamburg“ (erschienen 2021) und auch Reihe um die „Die Buchhändlerinnen von Frankfurt“ aus den Jahren 2022/2023 konnte mich völlig begeistern.
Als die Autorin ihr neues Buch „Papierkinder“ vorstellte, war mir schnell klar, dass ich auch dieses Buch unbedingt lesen wollte und fragte im ‚Bloggerportal‘ ein Rezensionsexemplar an. Dieses bekam ich genehmigt und zugesendet, wofür ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte.

Die Ausgabeart des Buches ist ein sehr schön und hochwertig gestaltetes Hardcover mit 560 Seiten. Neben dem vielversprechenden Klappentext sprach mich auch das schlichte, jedoch sehr ausdrucksstarke Cover direkt an. Der komplette Buchumschlag ist in einem dunklen rosa gehalten und zeigt auf der Vorderseite eine Sepia-farbene Fotografie eines jungen Mädchen, welches auf einem Sessel sitzt und konzentriert in einem Buch liest. Der untere Rand des Covers sieht aus, als wäre er vom Feuer angesengt worden.
Auf der vorderen Klappe des Buchumschlags befindet sich der Klappentext, welcher mit einem Zitat aus dem Buch beginnt. Auf der hinteren Klappe wird die Autorin mit einem Foto und einer kurzen Biographie dargestellt.
Die Handlung verteilt sich auf insgesamt 18 Kapitel und wird in drei Teile aufgegliedert:

  • „Teil 1: Die Dichterin, 1874 – 1905″
  • „Teil 2: Die Lehrerin, 1910 – 1920″
  • „Teil 3: Die Juristin, 1920 – 1925″

Nach einer außerordentlich schönen Widmung beginnt das Buch im Herbst 2023. Danach geht die Handlung mit Teil 1 zurück in das Jahr 1874. Nach dem dritten Teil, welcher im Jahr 1925 endet, befinden wir uns dann nochmals im Herbst 2023. Damit ist es eine sehr runde und in sich abgeschlossene Geschichte.
Dem erzählenden Teil schließen sich die historische Anmerkung und das Quellenverzeichnis an.
Da die Handlung fortlaufend und gleich zu Beginn mit hohen erzählerischen Tempo erzählt wird, fand ich mich sehr schnell in der Geschichte ein und zurecht. Auch der klare, bildhafte und detaillierte Sprachstil der Autorin zog mich schnell mit in die Geschichte und schon nach den ersten beiden Kapiteln war mir klar, was für einen Buchschatz ich da gerade in den Händen halte. Ein Gänsehaut-Schauer jagte den nächsten, immer wieder stiegen mir die Tränen in die Augen.

„Wie das kleine Kind von einst fühlte sie sich jäh, das so viele Fragen gehabt hatte, die Welt so gerne hatte begreifen wollen und das von allen stets abgebügelt worden war, bis es endlich geschwiegen hatte. Aber sie wollte kein Kind mehr sein, das vergebens gegen die Wände der Gleichgültigkeit rannte, und schweigen wollte sie erst recht nicht.“

[Seite 50, Kapitel 3]

Das Buch verfügt über kein Personenregister – welches ich jedoch auch zu keiner Zeit vermisst habe. Jede der zahlreichen Figuren wird sehr behutsam in die Handlung eingeführt und so beschrieben, dass ich mir die jeweiligen Hintergründe gut merken konnte.
Einige der Hauptfiguren sind fiktiv, andere Figuren hingegen sind historische Persönlichkeiten. Wobei die Autorin in ihrem Nachwort auch klarstellt, dass sie sich „bei der Schilderung der historischen Figuren nicht nur auf Fakten gestützt“ (Zitat ‚Historische Anmerkungen) hat, sondern sich auch ihrer Fantasie bedient hat.
So sind Mathilde Albrecht und ihre Familie fiktiv, verbinden aber die Geschichten der historischen Figuren Clara Grunwald, Eglantyne Jebb, Ottilie Baader und Emma Döltz, geborene Lehmann, mit- und untereinander.
Emma und Mathilde lernen sich im Kindesalter kennen, sind sich in vielem ähnlich und gleichzeitig doch sehr unterschiedlich. Sie stammen beide aus ärmlichen Verhältnissen und wachsen im Armenhaus in Steglitz auf. Sie verschließen ihre Augen nicht vor Ungerechtigkeiten und vor allem Emma bringt sich damit immer wieder in Schwierigkeiten. Beide möchten Kindern zu mehr Rechten verhelfen, verlieren dabei aber doch des Öfteren ihre eigenen Familien aus den Augen.
Julia Kröhn hat mit diesen beiden Figuren sehr lebensechte Charaktere geschaffen, welche der Leser/ die Leserin über 50 Jahre hinweg begleitet. Beide entwickeln sich äußerst glaubhaft von Mädchen zu jungen Frauen, hin zu Müttern und Großmüttern. Die ergreifenden Geschichten und Schicksale der Beiden, welche mir immer wieder die Tränen in die Augen trieben, werde ich so schnell nicht mehr vergessen.
Viele der weiteren Figuren in diesem Roman hängen unmittelbar mit dem Werdegang und den Schicksalen von Emma und Mathilde zusammen. Um nicht zu viel von der Handlung und Spannung vorwegzunehmen, möchte ich nicht detailliert auf diese Figuren eingehen.
Die ambivalenten Zeichnung und die teils sehr überraschenden Handlungen aller Figuren konnten mich sehr überzeugen. Außerdem ist es Julia Kröhn wieder vortrefflich gelungen, ihre fiktiven Figuren in einen hervorragend recherchierten geschichtlichen Hintergrund einzubetten und gekonnt mit den historischen Figuren und deren Schicksalen zu verbinden. Auch die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen zwischen einigen der Figuren waren stets fass- und fühlbar und zogen mich schnell in die emotionale Geschichte hinein.
Mit ihren vielen und vielfältigen Figuren zeigt Julia Kröhn ein sehr authentisches Bild der sich rasch entwickelten Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhundert und des beginnenden 20. Jahrhunderts.

„»Es klingt, als wäre der Krieg eine dunkle Wolke, die der Wind ganz zufällig und ohne unser Zutun über uns getrieben hat«, hatte Clara bemerkt. »Dabei braut sich Krieg nicht am Himmel zusammen, sondern in den Herzen.«“

[Seite 301, Kapitel 16]

Den geschichtlichen Hintergrund bilden die Jahre von 1874 bis 1925. In dieser Zeit war die Gesellschaft sehr im Wandel und es gab einige bedeutende historische Begebenheiten.
Der erste Teil des Buches spielt im Deutschen Kaiserreich, welches drei Jahre zuvor gegründet wurde und von Beginn an ein Land voller Widersprüche war: Den Prachtbauten erfolgreicher Unternehmer und des Adels standen die dunklen Mietskasernen (mit ihren vielen teils dunklen Hinterhöfen) gegenüber. Armut und Reichtum klafften im Deutschen Kaiserreich weit auseinander. Infolge des großen Bevölkerungswachstums und der wirtschaftlichen Entwicklungen entstanden neue Eliten: Unternehmer gewannen immer mehr an Ansehen und Bedeutung. Während der Staat und die Gesellschaft von Aristokratie und Großbürgertum geprägt wurden, formierte sich in der Arbeiterklasse der Kampf um soziale und politische Emanzipation – und eben auch für die Durchsetzung von Kinderrechten. Mit der fortschreitenden Industrialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der Einführung der Schul­pflicht veränderte sich auch die Diskussion um den Gehorsam und die Pflichten der Kinder. Es begann sich die Auffassung durchzusetzen, dass Kinder auch bestimmte Rechte haben. Das internationale Interesse an Fragen der Rechte von Kindern wurde immer größer und das führte dazu, dass schon früh völkerrechtliche Verträge zum Schutz und zur Wahrung der Rechte von Kindern zustande kamen. 
Im zweiten Teil der Geschichte, welcher von 1910 bis 1920 spielt, stehen die Zeiten vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg im Fokus. Viele Errungenschaften und Erneuerungen (vor allem in der Bildung) wurden durch diesen Krieg zunichte gemacht und es musste nach Kriegsende wieder vieles neu aufgebaut werden. In der gespaltenen Gesellschaft klafften tiefe Wunden, welche der Krieg hinterlassen hatte.
Auch im dritten Teil, welcher von 1920 bis 1925 spielt, wird deutlich, wie zerrissen und verwundet die Gesellschaft nach Ende des Ersten Weltkriegs war: Die bittere Armut, der Kampf um Lebensmittel, die vielen heimgekehrten und teilweise versehrten Soldaten, sowie auch der Unglaube der Bevölkerung an die Demokratie und damit die Wut auf die noch junge Weimarer Republik bildeten den Alltag zahlreicher Menschen. Viele hatten große Hoffnungen, dass es in einer Demokratie nur besser werden sollte, doch die Weimarer stand von Beginn an auf wackeligen Füßen. Die hohen Reparationszahlungen und die ‚Dolchstoßlegende‘ forderten ihren Tribut, wodurch sich viele Menschen von der Demokratie belogen und betrogen fühlten.
Bereits während des Ersten Weltkriegs griff der amerikanische Präsident Woodrow Wilson in seinem 14-Punkte-Pogramm vom Januar 1918 den Gedanken einer Friedensorganisation auf. Wilsons Forderung nach einer internationalen Gemeinschaft zur Sicherung des Friedens konnte auf der im Januar 1919 beginnenden Pariser Friedenskonferenz erfolgreich umgesetzt werden. Die teilnehmenden Staaten beschlossen die Gründung des sogenannten Völkerbunds. Dessen Satzung wurde als Artikel 1 bis 26 Bestandteil des Versailler Vertrags. Als der Vertrag am 10. Januar 1920 in Kraft getreten war, nahm der Völkerbund mit Hauptsitz in Genf seine Arbeit offiziell auf. Hier wurde auch die erste Satzung für Kinderrechte von Eglantyne Jebb entworfen: die ‚Children’s Charta‘. Am 24. September 1924 wurde die Charta von der Generalversammlung des Völkerbundes verabschiedet und als Genfer Erklärung bekannt. Die Erklärung enthielt grundlegende Rechte der Kinder in Bezug auf ihr Wohlergehen und sollte dazu beitragen, den Schutz bzw. die Versorgung der Kinder in der Zwischenkriegszeit zu sichern.
Diese vielen geschichtlichen Hintergründe hat Julia Kröhn sehr akribisch recherchiert und stellt diese sehr anschaulich in ihrem Roman „Papierkinder“ da. Ich habe viel Neues zu diesen Themen, vor allem aber über die Thematik und Entstehung der Kinderrechte, erfahren.

„»Ich weiß«, sagte Nelly, »es mag ein kühner Traum sein. Aber es ist kein unmöglicher. Save the Children hat es schon jetzt geschafft, die unterschiedlichsten Menschen zu vereinen, die für das Wohl der Kinder zusammenarbeiten. Weil die Kinder die Verletzlichsten sind. Und weil Kinder die Hoffnung auf eine bessere Zukunft sind.«“

[Seite 467, Kapitel 23]

Am Ende dieser Rezension möchte ich mich ganz herzlich bei Julia Kröhn für dieses erneute emotionale, unvergessliche und lehrreiche Lesevergnügen bedanken.

Fazit: Auch wenn das Buch nun beendet ist, bin ich noch nicht wirklich bereit Abschied von dieser großartigen Geschichte und den liebgewonnen Figuren zu nehmen.
Bereits nach den ersten Kapiteln war mir klar, was für einen Buchschatz ich da gerade lese. Ein Gänsehaut-Schauer jagte den nächsten, immer wieder stiegen mir die Tränen in die Augen.
Auch wenn die letzte Seite gelesen ist, wird diese starke und unvergessliche Geschichte, welche nichts von ihrer Brisanz verloren hat, noch lange nachklingen. Eine absolute Leseempfehlung
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*Ich habe für diese Rezension von der Autorin und vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung des Verlages in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.