„Lindy Girls“

von Anne Stern

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 14. November 2023
Verlag: Aufbau
Ausgaben: Klappbroschur und eBook
ISBN: 978-3746640006
Seitenanzahl: 349 Seiten
Preise: 16€ (Klappbroschur), 11,99€ (eBook)

Homepage:
https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/lindy-girls/978-3-7466-4000-6

Klappentext:
„Vier Frauen, die um ihre Freiheit kämpfen – und sie im Tanz finden.
Fasziniert vom neuen Swing aus Amerika gründet die Choreographin Wally eine Tanzgruppe. Ihre Tänzerinnen findet sie in den Straßen Berlins. Doch den »Lindy Girls« bleibt der Zugang zu den großen Tanzpalästen verwehrt, denn hier haben die Männer das Sagen. Dagegen begehrt auch Sekretärin Gila auf, die davon träumt, mehr zu schreiben als das, was ihr diktiert wird. Mit ihr stößt die Industriellentochter Thea zur Gruppe, und ihre Kontakte öffnen endlich Türen. Aber dann kommt den »Lindy Girls« die Liebe in die Quere … 
Bestsellerautorin Anne Stern erzählt von vier Frauen im wilden Berlin der 1920er Jahre – atemlos, traumtänzerisch und romantisch.“

Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise von den Aufbau Verlagen und der Autorin als vorzeitiges Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension vom Verlag und von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistungen bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

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Der Roman „Lindy Girls“ von Anne Stern spielt in den Jahren 1928/ 1929 in Berlin und handelt von vier Frauen, welche, inspiriert vom neuen Swing aus Amerika, eine Tanzgruppe gründen und um ihre Freiheit kämpfen.

„Du bist verrückt, mein Kind, du träumst …
Nein, nicht von der Liebe. Von etwas, das bis vor Kurzem nur ein vager Schimmer am Horizont gewesen war, nun aber vielleicht schon einen Namen hatte – den Lindy Girls.“

[Seite 61]

Berlin im Jahr 1928: Als der Swing aus Amerika in Berlin ankommt, ist die Choreographin Wally direkt begeistert und gründet eine Tanzgruppe aus jungen talentierten Frauen.
Schnell wachsen die Frauen zu einer Einheit zusammen, doch Auftritte in den großen Tanzpalästen der Stadt bleiben ihnen verwehrt.
Während die Tänzerinnen Thea und Alice in diesem Tanz ihre neue Berufung finden, muss sich auch die junge Sekretärin Gila etwas überlegen, um aus ihrem Leben auszubrechen. Sie ist es leid, immer nur das zu schreiben, was ihr Chef ihr diktiert. Also beginnt Gila mit dem Schreiben eines Romans.
Doch ist die Zeit und die Gesellschaft für soviel weiblichen Mut und Neuanfänge bereit?

Seit vielen Jahren gehört Anne Stern zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen, da ich ihre vielfältigen Geschichten sehr gerne lese. Vor allem mit der Reihe um die „Hebamme Hulda Gold“ hat sie sich in mein Herz geschrieben. Wann immer sie eine Neuerscheinung ankündigt, weiß ich, dass ich diese auch direkt lesen möchte – so auch bei „Lindy Girls“.
Freundlicherweise bekam ich vom Aufbau Verlag ein Buch als kostenloses und vorzeitiges Rezensionsexemplar zugesendet, wofür ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte.

Das Buch ist eine sehr schöne und hochwertig gestaltete Klappbroschur mit 349 Seiten. Auf der vorderen Klappe befindet sich der Klappentext, in der Klappe findet sich ein sehr atmosphärischer Textausschnitt, welcher mit einer historischen Stadtansicht unterlegt ist. Außerdem findet sich hier ein QR-Code, welcher zu einer Playlist führt. Mit dieser Playlist kann man dann völlig in den Sound der „Lindy Girls“ eintauchen. Auf der hinteren Buchklappe wird die Autorin Anne Stern mit einer kurzen Biographie vorgestellt, in der hinteren Klappe wird die Intension der Autorin für diesen Roman dargestellt.
Als das Cover im April 2023 enthüllt wurde, war ich total begeistert – und ich bin es immer noch. Es zeigt zwei Frauen, welche hintereinander auf einer Mauer balancieren und tanzen. Während die Frau vorne an der Kamera vorbeischaut, schaut die hintere Frau lächelnd in die Kamera. Das Bild drückt so viel Frohsinn und Lebensfreude aus und passt einfach perfekt zu dieser Geschichte und dem Titel. Der Name der Autorin steht in rosafarbenen Großbuchstaben über dem goldgeprägten ‚Lindy‘ – hier muss ich leider bemängeln, dass die Goldprägung des Schriftzuges sehr empfindlich ist und leicht zerkratzt. Das ‚Girls‘ hingegen ist in weißer und geprägter Schreibschrift gehalten.

Nach einem Zitat von Katharina Rathaus zum Thema ‚Charleston‘ aus dem Jahr 1926 beginnt das erste Kapitel., in welchem Gila das Wort führt. Das zweite Kapitel setzt dann im September 1928 an und die Leser und Leserinnen lernen die Choreographin Wally und ihre sich entstehende Tanzgruppe kennen. In jedem der insgesamt 37 Kapitel stehen abwechselnd die verschiedenen Figuren im Mittelpunkt. So wird diese Geschichte aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt, was für eine sehr dichte Atmosphäre sorgt. Das letzte Kapitel spielt im Januar 1929, das letzte Kapitel wird dann wieder aus der Sicht von Gila erzählt. Damit wirkt die Geschichte von Gila wie eine Klammer, welche die gesamte Geschichte ummantelt und zusammenhält.
Die gesamte Handlung umfasst nur etwa vier Monate und wird chronologisch erzählt. Auch wenn ich zu Beginn etwas Probleme hatte, sie vielen unterschiedlichen Figuren und deren Hintergründe und Geschichten im Kopf zu behalten, nahm ich das Buch immer wieder gerne in die Hände und freute mich aufs weiterlesen.
Anne Sterns ausdrucksstarke, bildhafte und poetische Sprache hat mich wieder direkt in die Geschichte und in die Zeit mitgenommen. Sie beschreibt kleine Begebenheiten und einzelne Geschichten, doch genau diese füllen das Buch mit Leben, verbinden sich zu einer großen Geschichte und lassen und eine ganz eigene Atmosphäre entstehen.

„Wally wollte etwas anders, das man auf den großen Bühnen der Stadt bisher nur selten sah. Es hing mit dem zusammen, was Wally einst als junge Frau bei ihrer eigenen Tanzlehrerin gelernt hatte. Dass Tanzen nichts mit Gleichschritt und Marschieren zu tun hatte, und noch weniger mit der absoluten Unterwerfung des Einzelnen unter die Gesetze der Masse. Sondern vielmehr mit der Befreiung des Körpers, um dem Innersten des Menschen Ausdruck zu verleihen. Und nicht zuletzt bot dieser Tanz, den sie so liebte und den man solo ebenso wie in einer großen Gruppe tanzte, aber nicht als Paar, eine verlockende Aussicht auf die dringend notwendige Befreiung der Frauen.“

[Seiten 19/20]

In diesem Roman gibt es nicht eine Hauptfigur, sondern es stehen einige Figuren und ihre Geschichten im Mittelpunkt der Geschichte.
Ganz zu Beginn lernen wir die junge Sekretärin Gila kennen. Sie arbeitet in einer Zeitungsredaktion, ist sehr flink an der Schreibmaschine und damit steht sie auch bei ihrem Chef sehr hoch im Kurs. Doch all das macht Gila nicht glücklich. Sie träumt von höheren Zielen und möchte unbedingt einen Roman schreiben. Um der immerwährenden Tristesse der väterlichen Wohnung zu entkommen, stürzt sich Gila in das aufregende Nachtleben Berlins. Gila ist eine Figur, sie man einfach gerne haben muss. Sie trägt so viel Frohsinn in sich, wirkt aber auch immer wieder leicht verletzlich.
Auch Thea ist möchte aus ihrem konservativen Elternhaus ausbrechen, einer arrangierten Ehe entkommen und ihr eigenes Leben führen. Als sie Gila kennenlernt, nimmt ihr Leben endlich die Wendung, die sich Thea gewünscht hat. Theas etwas leichtgläubige Art, ihre Leidenschaft fürs Tanzen und ihre enorme Entwicklung konnten mich sehr schnell und nachhaltig begeistern.
Die junge Alice ist eine meiner Lieblingsfiguren in diesem Roman. Zu Beginn der Geschichte arbeitet Alice in einer Fabrik, in der sie immer die selben Handgriffe verrichten muss. Da sie Waise ist und auch noch ihren Bruder Ben mit durchbringen muss, ist Alice auf diese Arbeit angewiesen. Doch sie liebt das Tanzen und als sie zufällig von der Tanzlehrerin Wally entdeckt wird, öffnet sich für Alice eine neue Welt. Alice nimmt kein Blatt vor den Mund, sagt immer direkt, was sie denkt und fühlt. Auch wenn sie selbst wenig hat, ihr Leben von Armut und Verlusten geprägt ist, hilft sie gerne den Menschen in ihrer Umgebung – so gibt sie beispielsweise den Straßenkindern Tanzunterricht und lässt diese dadurch für einen kurzen Moment ihren Alltag vergessen.
Neben diesen drei jungen Frauen steht Wally. Sie ist Mitte Dreißig, stammt ursprünglich aus Schlesien und träumt schon seit vielen Jahren davon, eine Tanzgruppe zu gründen, welche erfolgreich auf den großen Bühnen tanzen. Nun scheint ihr Traum zum Greifen nah. An Wally mochte ich, dass sie sehr ambivalent gezeichnet ist. Einerseits ist sie die strenge Tanzlehrerin, die sich nicht auf der Nase umtanzen lässt, auf der anderen Seite ist Wally aber auch sehr sensibel und stellenweise auch einfach nur sehr unglücklich.
Neben diesen weiblichen Protagonisten spielen auch ein paar wenige Männer eine Rolle. Deren Geschichten sind nicht weniger spannend als die Geschichten der Frauen – in einem Fall so tragisch und mitreißend, dass ich mit den Tränen kämpfen musste. Um nicht zu viel von der Handlung vorwegzunehmen, möchte ich nicht allzu detailliert auf all diese Figuren eingehen.
Jede ihrer zahlreichen Figuren hat Anne Stern sehr facettenreich, lebensecht und interessant dargestellt und zeichnet mit ihnen ein gutes Bild der damaligen Gesellschaft: Eine Gesellschaft, welche zwischen Aufbruch, Neubeginn und den Wunden des ersten Weltkrieges zerrissen war. Mitunter konnten mich einige Figuren mit ihren Taten, Gedanken und vor allem ihren teils immensen Entwicklungen überraschen und zu Tränen rühren.

„Die Zeiten änderten sich, man las es überall in den Zeitungen. Die Frauen waren nicht länger Eigentum ihrer Eltern und Ehemänner, sie durften wählen, sie tanzten mit bloßen Brüsten auf den Bühnen der Stadt, und sie bestimmten über sich selbst, zumindest forderten sie es. Jetzt kam es für Thea darauf an, den Beweis anzutreten, dass sie das auch vermochte.“

[Seite 41]

Den geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund bilden die „Goldenen Zwanziger“: Diese waren die Blütezeit der Weimarer Republik und begannen 1924 mit der Einführung der Rentenmark, wurden 1929 durch die Weltwirtschaftskrise jedoch schon wieder beendet.
Vor allem zu Beginn des Jahrzehnts, waren die „Goldenen Zwanziger“ keineswegs golden, denn die Folgen des verlorenen Ersten Weltkrieges waren in der jungen Weimarer Republik überall spürbar. Viele Menschen lebten am Rand des Existenzminimums. Kriegsversehrte und unterernährte Kinder waren ein häufiger Anblick auf den Straßen. Dazu ließen die Arbeitslosigkeit, der Hunger und das Elend die Kriminalität drastisch steigen.
Im Jahr 1923 verschärfte die Inflation die Lage, Papiergeld verlor immer schneller seinen Wert. Die Menschen gingen mit Schubkarren voller Geld einkaufen – oft bekamen sie jedoch für ihr am Morgen verdientes Geld am Abend schon keine Waren mehr. Am 20. November 1923 wurde dann die Rentenmark eingeführt – mit dieser Währungsumstellung konnte die Inflation gestoppt werden.
Der Dawes-Plan sorgte dafür, dass die Reparationenzahlungen aus dem Versailler Vertrag für die Weimarer Republik einfacher zu stemmen waren. Eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs begann, welcher sich allerdings auf Anleihen aus dem Ausland stützte. Bis 1929 flossen rund 21 Milliarden Mark Kredite in die Weimarer Republik – vor allem aus den USA. Die Wirtschaft erholte sich und im Vergleich zu den vorangegangenen Krisenzeiten ging es den Menschen so gut, dass sich die zweite Hälfte der Zwanziger Jahre geradezu „golden“ anfühlt. In dieser relativ stabilen Situation kam es außerdem in den Bereichen Wissenschaft, Kunst und Kultur zu einer Blütezeit.
Es ist vor allem das blühende kulturelle Leben, das den „Goldenen Zwanzigern“ ihren Ruf verschaffte. Die Zeit war geprägt von Zuversicht und Lebensfreude: Neben Cafés und Theatern entstanden auch Varietés – das Nachtleben in den Großstädten war ausgelassen und vor allem freizügig. Aus Amerika kam nicht nur das Geld, sondern auch die neue Musik – der Swing – und auch eine ganz neue Art des Tanzes – der Charleston.
Nach Europa schwappte die Welle des neuen Tanzes durch eine einzige Solotänzerin: Josephine Baker brachte die Charleston-Begeisterung auch nach Deutschland, indem sie nur mit Bananen bekleidet 1925 mit dem Tanz in Berlin auftrat. Während Baker in den USA unter Rassenvorurteilen zu kämpfen hatte, konnte die schwarze Tänzerin in Frankreich und Deutschland hingegen groß Erfolg feiern.
Der Charleston war neu, vor allem frech und vor allem nach Wiener Walzer und Co ein Skandal. Da der Charleston auch wunderbar allein getanzt werden konnte, spielte dieser neue Tanz dem neuen Selbstvertrauen der Frauen in den Goldenen Zwanziger nur in die Karten.

Damit war der Charleston vor allem der Gesellschaftstanz für die emanzipierte Dame in den Zwanzigerjahren. Durch zahlreiche gesellschaftliche Veränderungen gewannen sie ein ganz neues Selbstbewusstsein, das sich auch in ihrem Verhalten in der Öffentlichkeit ausdrückte. Sie rauchten, sie fuhren Autos, sie hatten öffentlich Spaß und sie tanzten den Charleston. Der Tanzstil war einer der ersten in der westlichen Kulturgeschichte, bei der Frauen führende Rollen einnehmen oder ihn ganz und gar allein tanzten. Mit dem Swing wurde aus der geführten Tanzpartnerin die emanzipierte Solistin, welche mit den neuen, in Mode gekommenen, kurzen Partykleidern viel Bein und Ausschnitt zeigten – was die Bewegungen des Charlestons zusätzlich noch frecher erscheinen ließ.

(Bildquelle: Pixabay)

Anne Stern hat diese vielen geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe akribisch recherchiert, vor allem aber das Lebensgefühl dieser Zeit, wunderbar in ihrem Roman eingefangen und eingebaut.
Während des Lesens liefen einige der vielen im Roman vorkommenden Songs im Hintergrund – das sorgte noch einmal mehr für einen hohen und intensiven Lesegenuss.

Zum Ende dieser Rezension möchte ich mich bei Anne Stern für diesen erneuten unvergesslichen Roman bedanken, welcher mir wieder einmal neues geschichtliches und musikalisches Wissen vermittelt hat.

Fazit: „Lindy Girls“ von Anne Stern ist ein Roman, welcher voller Leben und Musik, Leichtigkeit aber auch Tragik ist. Mir hat das Lesen viel Freude bereitet, es gab aber auch Momente, bei denen ich schlucken musste.
Mit ihren facettenreichen Charakteren und ihrer bildhaften und vor allem poetischen Sprache hat mich Anne Stern wieder auf eine unvergessliche, musikalische und tänzerische Zeitreise genommen. Sehr lesenswert.

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung des Verlages in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

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