Hallo zusammen,
hier habe ich etwas ganz Besonderes für euch. Nachdem mich sein Roman „Die Leiden der jungen Weiber – Das Goethe-Komplott“ nach anfänglicher Skepsis so richtig in den Bann gezogen und absolut begeistert hat, durfte ich dem Autor hinter dem Werk ein paar Fragen stellen.
Ulrich Land ist nicht nur ein meisterhafter Romancier, der die Literaturgeschichte gerne mal elegant auf den Kopf stellt, sondern auch ein extrem vielseitiger Geist: Er hat fast 200 Hörspiele und Radiofeatures verfasst und gibt sein Wissen als Dozent für Kreatives Schreiben weiter.
Ich freue mich riesig, dass ich Ulrich für dieses Interview duzen durfte. Wir haben über die ausweglosen Intrigen seiner weiblichen Hauptfiguren gesprochen, über den Unterschied zwischen Schreiben fürs Auge und fürs Ohr und darüber, was einen guten historischen Roman ausmacht.
Viel Spaß beim Lesen, eure

P.S.: Das Copyright des verwendeten Fotos liegt ausschließlich bei Ulrich Land, das Copyright der Cover bei den jeweiligen Verlagen.
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Zuerst einmal die Biografie, Bibliografie und die Homepage von Ulrich Land:
Biografie:

Ulrich Land,
geboren 1956 in Köln. Freier Autor seit 1987. Lebt und schreibt in Freiburg. Romane: u.a. „Und die Titanic fährt doch„, „Messerwetzen im Team Shakespeare„, „Hölderlins Filmriss„, „Die Leiden der jungen Weiber – Das Goethe-Komplott“ und zuletzt „Lieber reich leben als arm sterben – Ein Else-Lasker-Schüler-Krimi“ (Münster, 2025). Darüber hinaus Lyrik, Prosa, Essays, über 150 Hörspiele und Radiofeatures. Herausgeber von Anthologien und von Literaturzeitschriften. Dozent für „creative writing“ an verschiedenen Universitäten. Mehrere Auszeichnungen: u.a. Kölner Medienpreis, Ruhrgebietsjournalistenpreis, Medienethik-Award METIS 2021; mehrfach Hörspiel-Stipendien der Filmstiftung NRW und des nordrhein-westfälischen Kulturministeriums. Lotet mit Vorliebe skurrile Krisen und Katastrophen aus, Süchte und Sehnsüchte, Tod und Teufel. (Quelle: Ulrich Land)
Homepage:
https://www.ulrichland.de/homeland
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Kommen wir nun zum Interview:
Der Roman „Die Leiden der jungen Weiber“:
- Ulrich, in deinem Roman „Die Leiden der jungen Weiber“ drehst du die Literaturgeschichte radikal um: Goethe als Erfindung von sieben Frauen. Wie kamst du auf diese provokante und faszinierende Grundidee?
Hat mich immer schon geärgert, wie in früheren Zeiten Frauen im Literaturbetrieb auf die bloße Konsumentinnenrolle festgelegt waren, oder besser: wurden – von den „Herren der Schöpfung“. Schon als Germanistik-Student hat mich dieses völlig verrückte (im eigentlichen Wortsinn) Missverhältnis gewurmt. Nach allen Regeln der Kunst. Und dem wollte ich endlich mal nach allen Regeln der Kunst etwas entgegensetzen. Und wer käme da gelegener als ein gewisser Herr Goethe. Wobei es mir nicht darum ging, ihn vom Sockel zu schubsen, seine großartigen Schreibkünste in Frage zu stellen, und schon gar nicht um einen Meuchelmord am Idol der deutschen Literatur. Überhaupt nicht. Ich wollte lediglich auch die weniger salonfähigen Seiten des Altmeisters aufblitzen lassen. Quasi der Vollständigkeit halber.
Übrigens: Auch heute noch liegt der Anteil weiblicher Schriftstellerinnen hierzulande bei 30 bis 40 %, obwohl Belletristik bekanntermaßen mehrheitlich von Frauen gelesen wird (vgl. Deutschlandfunk, 21.10.2021).
2. Die Stimmung im Buch wandelt sich spürbar von einem amüsanten Spiel zu einer bedrückenden, psychologischen Ausweglosigkeit. War dieser düstere Verlauf von Anfang an so geplant oder hat sich die Dynamik beim Schreiben verselbstständigt?
Nee, aller Anfang war bloß diese bekloppte Idee. Und als die in meinem Kopf rumspukte, hab ich hin- und herüberlegt, wie das denn funktionieren und worauf es hinauslaufen könnte. Schließlich hat es Goethe ja gegeben, er hat geniale Werke geschrieben, er ist öffentlich aufgetreten und hat etliche Frauen im „Vorbeigehn“ verletzt – am heftigsten seine spätere Ehefrau Christiane Vulpius. Und aus diesem wirren Konvolut wollte ich unbedingt ein Romankonzept bauen. Dass die Erfolge dieses ihres Sündenbocks die Frauen irgendwann in Stressteufelsküche bringen, in die Fallen des Ruhms treiben würden, dass also ihre gedeihliche Schimäre, ihr Trugbild ihnen irgendwann die Hölle heiß machen würde, das wurde mir tatsächlich erst beim Schreiben klar. Erst recht natürlich das Finale des Romans.

3. Dein Schreibstil im Buch kombiniert elegant die gehobene Sprache der Weimarer Klassik mit bewussten, modernen Ausreißern. Wie balancierst du als Autor diese beiden Welten, ohne dass es künstlich wirkt?
Weiß ich auch nicht. Hat sicher damit zu tun, dass ich immer schon gern die klassische und die zeitgenössische Literatur gelesen hab. Und ich glaube, wenn man Goethes „Wilhelm Meister“ oder seinen „Werther“ liest – das geht nicht spurlos an einem vorüber. Da bleiben sprachliche Wendungen und Satzbauten, eine bestimmte Art von Sprachspiel und Wortwitz hängen. Außerdem hatten wir in unserer Abi-Klasse seinerzeit die Marotte entwickelt, schnörkeliges Starkdeutsch zu pflegen und bei passenden, gern auch bei unpassenden Gelegenheiten zum Einsatz zu bringen. Irgendwas davon scheint sich auf einer meiner tiefliegenden Festplatten eingraviert zu haben und drängt aufs Papier. Ein Mix also aus spontanem Tintenfluss, flugs flutschenden Bildschirmzeilen und unerbittlichem Rumgefeile. Umso mehr freue ich mich, dass mir die meisten Leser*innen das offenbar nicht als Masche übelnehmen.
Werk & Arbeitsweise:
- Du verknüpfst in deinen Büchern oft reale historische Persönlichkeiten mit fiktiven Elementen. Wie viel Recherche steckt in einem solchen Buch und ab welchem Punkt lässt du der Fiktion freien Lauf?
Auch das ist ein Mix. Natürlich muss ich, wenn ich mir ehedem real existierende Persönlichkeiten vorknöpfe, möglichst viel über diese wissen. Muss in ihren Biographien rumstöbern. Schon, um Schwachpunkte ausfindig zu machen, und erst recht, um nicht unbewusst irgendwelche Fehler festzuschreiben. Und mit dem Ausspinnen und Ausfabulieren kommt dann ein pfiffiger Spaßfaktor dazu. Aber es ist eben keine uferlose Fiktion, keine bloße Fantasy. Und ich bin froh um diese Einhegung meiner Gedankenwirbel, bin dankbar dafür, dass ich mich an einer konkreten Figur und ihrer Biographie festhalten kann. Und wenn ich beim Schreiben dann besagte Figur und ihre Geschichte, schwupps, auf den Kopf stellen oder ihr zumindest Seiten abgewinnen kann, die vielleicht nicht allseits bekannt sind – na, umso besser!
- Neben deinen Romanen hast du fast 200 Hörspiele und Radiofeatures verfasst. Wie unterscheidet sich der Schreibprozess für das Ohr (Hörspiel) vom Schreibprozess für das Auge (Roman)?
Das „durchwächst“ sich gegenseitig. Beim Schreiben fürs Radio hat man mit einem ähnlich reduzierten Medium zu tun wie beim Buch: Die Rezipientin, der Leser, die Hörerin, sie müssen den Film ja selbst ans Laufen bringen, auf der Leinwand ihrer Stirninnenseite. Sowohl im Radio, wo man nur das Wort und den Sound zur Verfügung hat, als auch im Roman, wo zwischen den Buchdeckeln ja nur Worte stecken. Beides eben deshalb ausgesprochen emanzipative Medien. Eine fantastische Ergänzung zu den oft geschmähten und noch öfter konsumierten digitalen Bilderfluten. Wenn nicht ein Gegenpol. Beides Medien, die angesichts von KI und IT im Rückzug begriffen sind, und wo es umso wichtiger ist, dass es sie trotz und alledem und nach wie vor gibt. Dass sich die Radio- und die Romanschreibe gegenseitig beeinflussen, davon bin ich allerdings überzeugt – wie sich unschwer an der Vielzahl von Dialogen in meinen Romanen und an der (hoffentlich) spielerischen Sprache in meinen Radiosendungen ablesen lässt. Am meisten hab ich sicherlich beim Hörspielschreiben gelernt, wo man im Affenzahn des vorbeiziehenden Moments ein Hörerlebnis inszenieren, ein Setting aufbauen, eine Geschichte erzählen muss. Wo’s, weil derart rappzapp von jetzt auf gleich, genau zugehn muss.

3. Du unterrichtest auch Kreatives Schreiben (Creative Writing). Welchen zentralen Rat gibst du deinen Schülern immer mit auf den Weg, den du vielleicht selbst gern zu Beginn deiner Karriere gehört hättest?
Weiterzuschreiben. Unbedingt weiterzuschreiben. Mutig zu sein, beim Schreiben Wagnisse einzugehen. Der Sprache gut zuzuhören. Und sich nicht damit zufrieden zu geben, was man da zu hören bekommt. Mit Ledernackenhartnäckigkeit an den Festen des (vermeintlich) Festen zu rütteln. Und sich bei all der Schreiberei trotzdem nicht über die Realität hinwegzusetzen, nicht zwei Zentimeter überm Erdboden zu schweben, sondern entlang der Wirklichkeit zu erfinden. Mit anderen Worten: unbedingt auch mal ’ne Currywurst an der Bude zu kauen. Ein Sprachspiel zu entwickeln, das verdammt ernst nimmt, wie das Leben so spielt. Zu schreiben, indem man den anderen Currywurstkauerinnen und -kauern zuhört.
Foto: Privat
Das Leben als Schriftsteller:
- Köln ist deine Geburtsstadt, heute lebst und arbeitest du im badischen Freiburg. Inwiefern prägen die Orte, an denen du lebst, deine Geschichten und deine Kreativität?
Mein erstes Studienfach war Geographie, und die liegt mir nach wie vor sehr am Herzen. Nicht aus Studi-Nostalgie, sondern weil ich felsenfest davon überzeugt bin, dass die ding- und handfeste Natur- und Soziallandschaft, dass der historisch gewachsene Raum für die Gedankenwelt lebenslang wirksame Prägestempel darstellen. Meine Lebensstationen (Köln, Sauerland, Berlin, Wuppertal, Ruhrpottrand und jetzt der Freiburger Stadtrand) haben mich immer fasziniert und geärgert, aufgeregt und angeregt, haben mich (hoffentlich) aufmerksam gemacht. Am wohlsten habe ich mich immer dann gefühlt, wenn ich irgendwo an der Grenze zwischen Stadt und Land leben konnte. Gern richtig im Grünen und gern möglichst schnell in der Stadt. Der Geograph würde sagen: im Saum zwischen naturnahem und gesellschaftlich überprägtem Raum. Zwischen den Stühlen. Und genau dort befindet man sich in Freiburg: zwischen Schwarzwald und Hauptbahnhof. Und genau dort, zwischen den Stühlen eben, lässt sich trefflich schreiben, denn es ist hinreichend ungemütlich und der Hintern nicht auf Federn gebettet. Der Raumsaum ist und bleibt eine Herausforderung. Also bitte, als los!
2. Wenn du auf deine bisherige Laufbahn zurückblickst: Gibt es einen Moment, einen Preis oder eine Rückmeldung zu einem deiner Werke, die dir bis heute ganz besonders viel bedeuten?
Der allererste meiner Preise war sicher der für mich nachhaltigste: der schon damals ziemlich unbedeutende, längst nicht mehr ausgelobte Wuppertaler Literaturpreis, den ich mit einer abgedrehten Geschichte eingeheimst hab. Wobei der Preis selbst in einem Kolbenfüller bestand, mit dem ich heute noch am allerliebsten schreibe und der seit 40 Jahren ohne Mucken seine Tinte auf mein Papier fließen lässt. Und dann war es der Kölner Medienpreis, der auch eine jahrzehntelange Fernwirkung hinterlassen hat. Den hab ich durch ein Radioporträt des Kölner Hauptbahnhofs abgestaubt, und ich hab ihn mir von Anne Will überreichen lassen. Zu der mein Vater auf der anschließenden Stehparty sagte, hach, wenn man sie im Fernsehn sehn würd‘, da hätte sie immer so ’n strenge Frisur, hier aber, so live, würd‘ man ihr, wat schön, dat Kölner Mädschen noch so richtisch ansehn!
Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Ging aber nicht.
Der Blick in die Zukunft & Vergangenheit:
- Mit deinen Romanen reist du oft weit in die Vergangenheit. Gibt es eine historische Epoche oder eine Persönlichkeit, über die du unbedingt noch ein Buch schreiben möchtest?
Jede Menge. Als nächstes kommt Bertolt Brecht dran, den ich am Schluchsee über sein ausuferndes Liebesleben stolpern lasse: In einer jungen Tänzerin findet er seine Meisterin. (Schluchsee – da haben wir sie wieder: die räumliche Prägung.) Und dann möchte ich unbedingt irgendwann mal aufschreiben, wie Ingeborg Bachmann auf Hildegard von Bingen trifft und sich trefflich mit ihr streitet. Und vielleicht auch vervollständigt Annette von Droste-Hülshoff das turbulente Trio oder eine erfundene Schriftstellerin unserer Tage oder ein Killer. Mal sehen …
- Welche drei Bücher (egal ob Klassiker oder Neuerscheinungen) haben dein eigenes Leben oder dein Schreiben am stärksten geprägt?
Johann Wolfgang von Goethe: „Die Leiden des jungen Werther“
Thomas Mann: „Der Zauberberg“
Lina Schwenk: „Blinde Geister“
Herzlichen Dank für diese spannenden Antworten.
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