„Die Kinder der Hansens – Schritt ins Licht“

von Ellin Carsta

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 19. Juli 2022
Verlag: Tinte&Feder
Ausgaben: Taschenbuch, eBook & Hörbuch
ISBN: 978-2496711196
Seitenanzahl: 336 Seiten
Preise: 11,99€ (Taschenbuch), 4,49€ (eBook)
Reihe: „Die Kinder der Hansens/ Band 01 von 03“

Homepage:
https://petra-mattfeldt.de/schritt-ins-licht-die-kinder-der-hansens-saga-band-1/

Klappentext:
Hamburg 1924: Amala Hansen, die Tochter von Luise und Hamza, will endlich ihre Familie in Deutschland kennenlernen. Georg Hansen ist dankbar für den frischen Wind, den die ehrgeizige junge Frau aus den USA in die alte Villa bringt. Amala möchte Schauspielerin werden, doch sie trifft auf eine Welt voller Vorurteile. Genau wie ihre Mutter denkt sie jedoch nicht daran, aufzugeben, und arbeitet stattdessen nur umso härter an ihrer Karriere. Kann sie alle Widerstände überwinden?
Franz Hansen hat das Kaffeehaus seiner Mutter in Wien übernommen, kann seine Aufgaben aber kaum ausführen. Der einst so frohe junge Mann hat mit seinen Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg zu kämpfen. Gelingt es ihm, sein Trauma aufzuarbeiten und in sein normales Leben zurückzukehren?“

Hinweise:
– Lest diese Rezension bitte nicht, wenn ihr die Reihe „Die Hansens“ noch nicht gelesen habt, diesen aber noch lesen möchtet – Spoilergefahr!
– Das Buch habe ich freundlicherweise von der „Zucker Kommunikation PR-Agentur Berlin“ als Rezensionsexemplar mit einigen Goodies zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

Coverrechte: Tinte&Feder

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Das Buch „Die Kinder der Hansens – Schritt ins Licht“ ist die Weiterführung der Buchreihe „Die Hansens“ und spielt in Hamburg, Berlin und Wien in den 1920er Jahren.

„Es war schon eigenartig. Obwohl sie noch nie hier gewesen war, hatte sie durch die Erzählungen ihrer Mutter das Gefühl, alles so gut zu kennen, als hätte sie selbst früher hier gelebt und würde nun nach langer Zeit heimkommen.“

[Seite 17]

Hamburg, im September 1924: Als Amala Hansen, Tochter von Luise Hansen und Hamza, in der Heimat ihrer Mutter ankommt, findet sie bei ihrem gutmütigen und herzlichen Großonkel Georg in der Villa ihrer Familie Unterschlumpf. Gerne möchte die junge Frau als Schauspielerin an einem Theater Fuß fassen, doch sie stößt in der Gesellschaft immer wieder auf Vorurteile und Ablehnung. Doch Amala gibt nicht auf und versucht alles, um Widerstände zu brechen und ihren Traum zu verwirklichen.
Währenddessen steht Amalas Onkel Franz in Wien vor einer großen Entscheidung: Das Kaffeehaus, welches er von seiner Mutter Therese übernommen hat, scheint seine besten Tage hinter sich zu haben. Er überlegt, das Kaffeehaus aufzugeben und andere Pläne zu fassen. Doch sein leidvolles Krieg-Trauma lässt ihn immer wieder straucheln.

Hinter dem Namen Ellin Carsta steht die Autorin Petra Mattfeldt, welche sich vor allem mit ihrem weiteren Pseudonym Caren Benedikt in mein Herz geschrieben hat („Das Grand Hotel“ & „Club Paradies“). Aber auch die „Die Falkenbach-Reihe“, welche unter dem Namen Ellin Carsta erschienen ist, begleitet und begeistert mich seit diesem Jahr, ihre „Hansen-Reihe“ habe ich bisher jedoch nicht gelesen.

Als Anfang September die „Zucker Kommunikation PR-Agentur Berlin“ anfragte, ob ich den dritten Band der „Die Kinder der Hansens“- Reihe rezensieren möchte, wurde ich auf diese weiterführende Reihe aufmerksam. Freundlicherweise bekam ich die ersten beiden Bände auch zugesendet und konnte so mit diesem in das für mich neue Reihen-Abenteuer starten. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich für dieses wundervolle Paket mit Büchern und Goodies bedanken.

Die Ausgabeart ist ein einfaches Taschenbuch ohne Klappen und mit insgesamt 336 Seiten.
Das wunderschöne Cover hat mich schon bei der Enthüllung im Jahr 2022 schon verzaubert: Am linken Bildrand steht eine Frau mit dem Rücken zum Betrachter. Sie trägt einen schwarzen Rock und eine helle Bluse, ihr lockiges Haar liegt offen auf ihrem Rücken. und öffnet einen gold-gelben Vorhang, welcher sich über das gesamte Cover zieht und rechts in eine Landkarte von Europa übergeht. Durch die kleine Öffnung des Vorhangs sieht man die Logen eines Theaters.
Der Prolog spielt ein paar Monate vor dem ersten Kapitel, welches am 03. September 1924 beginnt. Das 24. und letzte Kapitel setzt am 29. November 1924 an, mit dem Epilog endet das Buch dann zeitlich etwa zwei Wochen nach dem 24. Kapitel. Somit umfasst die Handlung etwas mehr als drei Monate. Mit dem ausführlichen Nachwort und der Danksagung wird das Buch sehr stimmig abgeschlossen.
In den einzelnen Kapitel spielen abwechselnd die unterschiedlichen Hauptfiguren eine tragende Rolle – wobei jedes Kapitel mit einem Gedanken der jeweiligen Figur beginnt. Somit kann der Leser/ die Leserin auch einen Blick ins Innenleben der Figuren werfen. Diese kurzen Gedankengänge über jedem Kapitel sind mittlerweile ein unverkennbares und von mir sehr geschätztes Markenzeichen der Autorin geworden.
Die Autorin versicherte mir, dass ich auch ohne Vorkenntnisse der „Hansen-Reihe“ mit dieser Buchreihe starten kann – und ja: Das hat ganz wunderbar funktioniert. Auch wenn ich immer wieder zum Stammbaum, welcher am Anfang des Buches seinen Platz gefunden hat, zurückgeblättert habe, da mir dann doch ab und zu während des Lesens die ein oder andere verwandtschaftliche Beziehung der Charaktere untereinander abhanden gekommen ist.
Auch in diesem Reihenauftakt überzeugt die Autorin mit ihrem temporeichen und vor allem bildhaften Sprachstil, der mich wieder auf eine gelungene Reise in die Vergangenheit mitgenommen hat. Ich war sehr schnell in der Geschichte angekommen und konnte mich in die vielen und vielfältigen Figuren einfühlen. Wichtige Ereignisse und Erlebnisse, welche in der Vergangenheit, also in der „Hansen-Reihe“ stattgefunden haben, erzählt Ellin Carsta so, dass man problemlos mit dieser Fortsetzungsreihe einsteigen kann und man bekommt trotzdem einen guten Überblick über die Figuren und ihre Hintergründe. Mich hat dieser Auftakt allerdings neugierig auf die gesamte Buchreihe gemacht und ich werde mir die Reihe um „Die Hansens“ nun auch zulegen.

„Sie spürte, dass für sie eine neue Zeit gekommen war, eine der Veränderungen und des Loslassens, so schwer es ihr auch fallen mochte. Doch sie sah darin auch eine Chance für sich, ihren eigenen Weg zu finden und damit einem Rat ihrer Eltern zu folgen. Schon als sie noch klein gewesen war, hatte ihre Mutter ihr erklärt, dass der Herrgott für jeden Menschen einen Lebensweg vorgezeichnet hatte. Manche Strecken würde dieser Weg ganz geradlinig und ohne Hindernisse verlaufen, dann wieder wegen einer Steigung oder so manchen Steinen und Löchern im Boden mühevoll sein. Doch es war wichtig, so hatte ihre Mutter immer wieder betont, diesen Weg zu gehen, denn er war für niemanden außer einem selbst bestimmt.“

[Seiten 101/102]

Im Mittelpunkt der Handlung steht Amala. Sie ist die Tochter von Luise Hansen, welche in den Bänden davor eine zentrale Rolle eingenommen hat. Auch wenn Luise nicht mehr da ist, lebt sie durch die vielen Erinnerungen, ihre Tochter und auch durch sehr interessante Briefe weiter. Sie ist sehr spürbar und eigentlich noch immer da.
Amala hat es von Beginn der Handlung an nicht leicht: Sie hat eine dunkle Hautfarbe und stößt damit bei vielen Menschen immer wieder auf Ablehnung und erlebt Ausgrenzung und Rassismus. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen und steht immer wieder auf – auch wenn der Fall noch so tief ist. Sie kämpft für ihre Träume und entwickelt sich sehr authentisch weiter. Ich bin sehr gespannt, wie es mit Amala in den nächsten Bänden weitergehen wird.
Einer der Amala nach jedem Fall die helfende Hand reicht, ist ihr sympathischer und gutmütiger Großonkel Georg. Mit seinen 76 Jahren hat er schon einige Menschen kommen und gehen sehen und hat damit eine untrügliche Menschenkenntnis. Ab der ersten Seite war mir dieser ganz besondere Charakter sympathisch und auch seine weitere Geschichte bleibt spannend.
In Wien treffen wir auf weitere Mitglieder der Familie Hansen: Da ist zum einen Therese, welche zweimal verheiratet war und beide Ehemänner zu früh verloren hat. Sie hat in der Vergangenheit ein Kaffeehaus gegründet, welches ihr Sohn Franz in zweiter Generation führt. Thereses taffe Tochter Helene vermietet in München Wohnungen. Doch um das Kaffeehaus steht es nicht gut, da immer weniger Gäste kommen. Mit schweren Herzen muss Franz seiner Mutter gestehen, dass sich eine Weiterführung des Betriebes nicht mehr rentiert. Außerdem möchte Franz einen neuen beruflichen Weg einschlagen – doch die Geister der Vergangenheit lassen ihn nicht mehr los. Franz hat ein Kriegstrauma erlitten und findet keinen Ausweg, dieses hinter sich zu lassen. Die Geschichte von Franz empfand ich als sehr intensiv und auch berührend. Anhand seines Schicksals wird gezeigt, wie sich der Krieg in die Seelen der Menschen gefressen hat. Nach außen hin waren diese Menschen unversehrt – doch im Inneren waren sie schwer gezeichnet.
Therese und ihre Tochter Helene sind Frauen, welche ‚ihren Mann stehen‘ und zupacken. Hier reiht sich auch Georgs Tochter Frederike ein. Die drei Frauen scheren sich nicht um Konventionen und nehmen ihr Leben in die Hände, auch wenn ihnen des Öfteren heftiger Gegenwind bekommen.
Neben all diesen sympathischen und starken Charakteren gibt es auch die etwas unliebsamen Figuren. Hier ist vor allem Martha zu nennen. Sie ist die Schwester von Luise und die beiden Schwestern könnten unterschiedlicher nicht sein. Während die Familienmitglieder Luise als warmherzige Frau beschreiben, welche ihren Weg gegangen ist, lernt der Leser/ die Leserin Martha als unsympathische und labile Persönlichkeit kennen. Von ihrem gutmütigen Sohn Eduard fordert sie ununterbrochen Aufmerksamkeit und Geld, gibt ihm selbst aber nichts zurück. Ich musste oft den Kopf über Martha schütteln, finde jedoch, dass eine gute Geschichte auch von solch unliebsamen Figuren lebt.
Die Autorin Ellin Carsta hat mit ihren vielfältigen und verschiedenen Figuren ein sehr gutes Bild der Gesellschaft der ‚Goldenen Zwanziger‘ gezeichnet. Dabei waren die die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen zwischen all den verschiedenen Figuren für mich im gesamten Handlungsverlauf immer fühl- und spürbar.

Den geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund bildet das Jahr 1924 und damit die ‚Goldenen Zwanziger‘: Diese Zeit war die Blütezeit der Weimarer Republik und begann 1924 mit der Einführung der Rentenmarkt und wurde nur fünf Jahre später mit der Weltwirtschaftskrise wieder beendet.
Nach der Einführung der Rentenmark wurde die Inflation gestoppt und es setzte ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. Im Vergleich zu den vorangegangenen Krisenzeiten ging es den Menschen so gut, dass sich die zweite Hälfte der Zwanziger Jahre für diese „golden“ anfühlte. Außerdem kam es in dieser relativ stabilen Situation in den Bereichen Wissenschaft, Kunst und Kultur zu einer Hochphase.
Und auch die Frau und das Frauenbild in der Gesellschaft wandelten sich: Immer mehr Frauen ergriffen die Chance zur Emanzipation: Sie verdienten ihr eigenes Geld, gingen ohne männliche Begleitung ins Café oder auch abends mit ihren Freundinnen tanzen. Die Mode wandelte sich, Korsetts sah man nur noch selten. Seit 1918 durften Frauen nun wählen und erkämpften sich so Stück für Stück ihre Rechte und ihre Freiheit.
Doch bei aller Aufbruchsstimmung klafften die Wunden des Ersten Weltkrieges noch immer im Leben vieler Menschen. Heimgekehrte und verstümmelte Soldaten prägten das Straßenbild in der Gesellschaft, viele Männer waren gefallen, andere waren tief an der Seele verletzt – sogenannte ‚Kriegszitterer‘.
Ein weiteres gesellschaftliches und Thema ist der Alltagsrassismus, welchem die Hauptfigur Amala immer wieder ausgesetzt ist. Dunkelhäutige Schauspieler und Schauspielerinnen hatten es zu dieser Zeit sehr schwer, eine Rolle zu bekommen. Auf diese Thematik geht die Autorin in ihrem Nachwort sehr gut ein.
All diese unterschiedlichen geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe und Themen hat Ellin Carsta akribisch recherchiert, stellt diese sehr anschaulich da und verbindet sie gekonnt mit den Lebensgeschichten ihrer fiktiven Charaktere. Auch wenn ich mittlerweile einige Romane gelesen habe, welche in den 1920er Jahren spielen, konnte mich dieser fesselnde Roman sehr begeistern und mich in die vergangenen Zeiten abtauchen lassen.

„»(…) Und ich glaube, es täte auch uns gut, ein wenig mehr Luises Denken zu verinnerlichen, nämlich, dass nichts unmöglich ist und ein Hindernis nicht bedeutet, dass der Weg zu Ende ist. Vielmehr besteht die Herausforderung darin, über das Hindernis hinweg- oder daran vorbeizugehen, oder es einfach aus dem Weg zu räumen.«

[Seiten 120/ 121]

Am Ende dieser Rezension möchte ich mich bei der Autorin ganz herzlich für diese wundervollen und lehrreichen Lesestunden bedanken. Ich werde im Anschluss direkt den zweiten Band lesen und bin voller Vorfreude darauf.

Fazit: Wer die Reihe um die Hansens noch nicht kennt, kann mit dieser Reihen-Fortsetzung sehr gut in das Reihen-Universum starten. Mit vielseitigen und verschiedenen Charakteren nimmt uns Ellin Carsta mit auf eine spannende und interessante Zeitreise, welche mit einem hohen Suchtfaktor besticht. Ich bin sehr gespannt auf die Fortsetzung und lege euch diese Buchreihe schon jetzt sehr ans Herz. Absolut lesenswert!

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung des Verlages in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Club Paradies – Im Licht der Freiheit“

von Caren Benedikt

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 13. September 2023
Verlag: Blanvalet
Ausgaben: Paperback, eBook & Hörbuch
ISBN: 978-3-7645-0773-2
Seitenanzahl: 480 Seiten
Preise: 16,00€ (Paperback), 12,99€ (eBook)
Reihe: „Club Paradies/ Band 02/ 02“

Homepage:
https://www.penguin.de/Paperback/Club-Paradies-Im-Licht-der-Freiheit/Caren-Benedikt/Blanvalet/e587861.rhd

Klappentext:
„Maria Borchardt ist nicht mehr dieselbe Frau seit diesem schrecklichen Weihnachten 1976. Seit die Polizei an der Tür der Villa Borchardt geklingelt und der Staatsanwalt ihr den Durchsuchungsbeschluss präsentiert hat. Und seit sie erfahren hat, dass ihr Mann Hanns Borchardt in betrügerische Machenschaften verwickelt war. Aber jetzt ist keine Zeit, sich selbst zu bemitleiden. Sie muss aus eigener Kraft ihr Leben wieder aufbauen. Und sie ist nicht allein. Klaus Schröder, der Familienanwalt, war schon immer auf ihrer Seite und auch jetzt tut er alles, um ihr zu helfen, während ihre Tochter Hanna ihren ganz eigenen Weg geht …“

Hinweise:
– Lest diese Rezension bitte nicht, wenn ihr den ersten Band „Club Paradies – Im Glanz der Macht“ noch nicht gelesen habt, diesen aber noch lesen möchtet – Spoilergefahr!
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Blanvalet Verlag als vorzeitiges Rezensionsexemplar über das ‚Bloggerportal‘ zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.
– Hier findet ihr meine ausführliche Rezension zum vorherigen Band:
„Club Paradies – Im Glanz der Macht“

Coverrechte: Blanvalet Verlag

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Das Buch „Club Paradies – Im Licht der Freiheit“ von Caren Benedikt ist der zweite und abschließende Teil einer Dilogie, die in den 1970er in Berlin spielt und zeigt, wie sich eine Frau nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemanns zurück ins Leben kämpft.

„»Doch es war eine Scheinwelt. Das alles war nichts als eine Scheinwelt.«“

[Seite 142]

Berlin im April 1977: Für Maria Borchardt ist nach dem Tod ihres Mannes Hanns nichts mehr so, wie es einmal war: Statt in ihrer herrschaftlichen Villa lebt sie nun zusammen mit ihrer Tochter Hanna in einer Drei-Zimmer-Wohnung, fernab von jeglichen Luxus und auch ihre ein Großteil ihrer damaligen Freunde haben sich von ihr abgewendet. Ihr Mann Hans war ein Betrüger und Lügner, nichts in seinem Leben war so, wie er es Maria jahrelang glaubhaft machte. Damit steht Maria vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens. Zusammen mit dem Familienanwalt Klaus versucht Maria aus diesen Scherben ein neues Leben aufzubauen.
Aber auch Hanna muss einen ganz eigenen Weg gehen, um ihren Platz im Leben zu finden. Mit Mut und Zuversicht bauen sich Mutter und Tochter etwas Neues auf.
Doch bei aller Freude über den Neuanfang bleibt die Sorge um Hannas Bruder Holger. Dieser ist nach wie vor bei seiner manipulativen Freundin Monika untergekommen – einer glühenden Anhängerin der RAF.

In den Jahren 2020, 2021 und 2022 habe ich mit größten Vergnügen die Familiensaga „Das Grand Hotel“ von Caren Benedikt gelesen. Nach dem dritten und letzten Band konnte ich nur schwer von den vielen liebgewonnen Charakteren Abschied nehmen.
Anfang des Jahres 2023 kündigte die Autorin ihre neue Dilogie an, welche ich unbedingt lesen wollte, da ich die 70er Jahre als eine sehr spannende Zeit empfinde, in der unheimlich viel in der zutiefst gespaltenen Gesellschaft im Umbruch war.
Innerhalb kürzester Zeit hatte ich im März 2023 den Auftakt „Club Paradies – Im Glanz der Macht“ gelesen, welcher mich sehr schnell gepackt hat. Deshalb wollte ich auch den zweiten und abschließenden Band unbedingt lesen und bekam diesen freundlicherweise vom Verlag über das ‚Bloggerportal‘ als Rezensionsexemplar, wofür ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte.

Das wunderschöne Cover, welches perfekt zum ersten Band der Reihe passt, und die wunderschön gestaltete Klappbroschur machen direkt große Lust auf die Geschichte.
Das Cover ist in schwarzen- und roségoldenen Farbtönen gehalten und zeigt eine junge Frau, welche mit einem offenen Blick über ihre Schulter hinweg in die Kamera schaut. Sie trägt ein ärmelloses gold- und rosaglänzendes Oberteil. Unterhalb ihres mittleren Rückens ist ein rosé-farbener und leicht durchsichtiger Flecken gelegt, auf welchem der Name der Autorin, der Buchtitel und der Untertitel stehen. Nach unten hin verläuft die Farbe in den Straßenzug des Kurfürstendamms (‚Ku‘damm’) in Berlin, welcher durch den Farbschimmer wie im Nebel zu liegen scheint.



Das Buch ist eine sehr schöne und hochwertig gestaltete Klappbroschur mit insgesamt 480 Seiten. Auf der vorderen Klappe wird mit einigen Sätzen die Handlung des Buches umrissen, in der Klappe befindet sich eine Übersicht zu der „Grand Hotel-Saga“. Auf der hinteren Klappe befindet sich ein Foto und eine kurze Biographie der Autorin, im inneren wird die zweiteilige Dilogie „Club Paradies“ vorgestellt.
Dem Prolog, welcher am 01. April 1977 ansetzt, schließt sich das erste Kapitel an, welches am 08. April 1977 beginnt. Das letzte der insgesamt 25 Kapitel setzt im Juni 1977 an, mit dem Epilog endet die Handlung dann im Mai 1978. Somit umfasst die gesamte und chronologisch erzählte Handlung des Buches inklusive des Prologs und des Epilogs etwa 14 Monate – wobei die Haupthandlung nur etwa zwei Monate umfasst und etwa vier Monate nach Ende des ersten Bandes ansetzt. Ein ausführliches Nachwort und die Danksagung der Autorin komplementieren das Buch.
Ich empfehle sehr, dass man die vorherigen Band gelesen hat, da immer wieder Bezug auf Geschehnisse in der Vergangenheit genommen wird und es ist auf jeden Fall ein größeres Lesevergnügen, da man dann auch die Entwicklungen und Entscheidungen der Figuren besser verstehen und nachvollziehen kann. Es ist im Prinzip eine Geschichte, aufgeteilt in zwei Bücher.
Auch wenn ich den ersten Band der Reihe bereits vor etwas mehr als einem halben Jahr gelesen habe, war ich sehr schnell wieder in der Handlung angekommen und fand mich gut zurecht – dazu führten auch die exakten Orts- und Zeitangaben über den Kapiteln.
In den einzelnen Kapitel spielen abwechselnd die unterschiedlichen Hauptfiguren eine tragende Rolle – wobei jedes Kapitel mit einem Gedanken der jeweiligen Figur beginnt. Somit kann der Leser/ die Leserin auch einen Blick ins Innenleben der Figuren werfen.
Ich war sehr gespannt, ob dieser zweite Band mit dem ersten Band in Sachen Tempo, Spannung und auch emotional mithalten kann. Und was soll ich sagen: Ja… und wie! Stellenweise habe ich alles um mich herum vergessen… blätterte aufgeregt auf die nächste Seite um, erlebte ein Wechselbad der Gefühle und wollte das Buch sowas von überhaupt nicht gerne aus den Händen legen. Gekonnt führt uns Caren Benedikt mit ihrem temporeichen und bildhaften Sprachstil durch ihre Geschichte. Es ist eine Geschichte, die mit viel Zeitkolorit in die 1970er entführt und, wie schon der erste Band, ab der ersten Seite eine immense Sogwirkung entfaltet.

„Maria hielt den Kopf gesengt, während sie durch die Straßen Berlins schritt. Der Schirm, den sie immer so hielt, dass sie knapp darunter auf den Gehweg sehen konnte, gab ihr ein gewisses Gefühl von Schutz. Denn es machte ihr zu schaffen, wenn die Leute ihr ins Gesicht sehen konnten, hatte sie doch immer den Eindruck, etwas Anklagendes in deren Blicken zu finden.“

[Seiten 16/17]

Während im ersten Band der Geschichte Hanns Borchardt im Mittelpunkt der Geschichte steht, ist es in diesem Band seine Frau Maria. Zu Beginn der ist sie eine gebrochene Frau, welche vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens steht und nicht weiß, wie es für sie weitergehen soll. Doch sie nimmt Hilfe von den Menschen an, welche an ihrer Seite stehen und kämpft sich auch mit ihrer eigenen Kraft zurück ins Leben. Auch wenn es ihr schwer fällt, Menschen zu vertrauen. Marias stets authentische Entwicklung ist enorm – gerade dann, wenn man noch die Maria vom Anfang des ersten Bandes im Kopf hat. Zu ihrer bereits volljährigen Tochter Hanna führt sie ein sehr offenes und meist ehrliches Verhältnis und Maria muss auch das ein oder andere Mal Mut beweisen und über ihren Schatten springen. Sie ist ein außergewöhnlicher, aber auch sehr inspirierender Charakter, welcher mir mit Sicherheit noch länger im Kopf und Herzen bleiben wird.

„Andererseits war sie so tief gefallen, hatte alles, aber auch wirklich alles verloren und dennoch das Gefühl, dass sie ihr Leben Stück für Stück wieder aufbauen konnte. Die Welt drehte sich noch immer, ob sie nun in Saus und Braus oder totaler Armut lebte. Und ob sie nun nun glücklich und euphorisch oder deprimiert und verzweifelt war – die Sonne würde auch morgen wieder auf- und am Abend wieder untergehen. Punkt. Das Leben war nicht vorbei, wenn man bankrott war.“

[Seite 118]


Auch Hanna entwickelt sich außerordentlich und sie konnte mich auch immer wieder mit ihren Stärke und ihren Ideen begeistern.

„»Weil du dir Gedanken um Dinge machst, die mir nie gekommen wäre. Du scherst dich nicht darum, was die anderen denken oder sagen, und machst das, was du für richtig hältst. Du stehst für eine Generation moderner Frauen, die nicht bereit ist, sich einem Mann unterzuordnen. Das bewundere ich sehr.«“

[Seite 209]


Neben Hanna spielt auch ihr Bruder Holger eine Rolle. Er ist nach wie vor mit Monika zusammen, welche eine glühende Anhängerin der RAF ist und Holger immer weiter und tiefer in die Sache hineinzieht und ihn massiv unter Druck setzt. Seine tragische Geschichte trieb mir immer wieder die Tränen in die Augen und wird mir bestimmt noch lange im Gedächtnis bleiben.
Klaus ist der Anwalt der Familie Borchardt, durch und durch eine gute Seele und ich mochte ihn schon im ersten Band der Geschichte sehr gerne. Er fängt Maria in ihrem tiefen Fall auf, gibt ihr die Sicherheit und den Glauben an sich selbst zurück.
Lea Stern, die Besitzerin des ‚Club Paradise‘ ist nach außen hin eine taffe und knallharte Geschäftsfrau. Doch auch sie hat mit Verlusten und Ängsten zu kämpfen. Mit ihr ehrlichen und direkten Art hat sie mich schon im ersten Band überzeugt.

„»[…] Wenn ich jemanden treu bin, dann nur deshalb, weil es mir im Moment das Richtige zu sein scheint. Doch wir verändern uns im Laufe des Lebens […]. Und ich kann niemanden ein Versprechen für die Zukunft geben. Das, was mir heute richtig erscheint, kann sich schon morgen als falsch herausstellen. […]«

[Seite 65]


Einige der Charaktere sind realen Personen nachempfunden, allerdings wurden die Geschichten und Ereignisse etwas verändert und angepasst – im Nachwort finden sich darüber einige Worte. Um nicht zu viel von der Handlung vorwegzunehmen, möchte ich nicht detaillierter auf diese Figuren eingehen.
Caren Benedikt hat sehr authentische Charaktere mit Ecken und Kanten geschaffen, welche mich mit ihren unterschiedlichen und packenden Geschichten schnell mit in die Handlung ziehen konnten und damit ein gutes Bild der Gesellschaft der 1970er Jahre abgeben. Die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen zwischen all den verschiedenen Figuren waren für mich im gesamten Handlungsverlauf immer fühlbar.

Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Themen und Hintergründe in „Club Paradies – Im Licht der Freiheit“ sind wieder sehr vielfältig und reichen über die gesellschaftliche und familiäre Stellung der Frau in den 1970er Jahren, den grausamen Machenschaften der Roten Armee Fraktion (RAF) bis hin zu der Pornofilm-Szene, welche sich in den 1970er entwickelte.
Bis 1977 war die Ehefrau verpflichtet den Haushalt zu führen. Erst eine Reform des Eherechts ermöglicht Frauen seitdem unter anderem auch ohne Zustimmung des Ehemannes zu arbeiten. Vor dieser Reform waren viele Frauen von ihren Ehemännern finanziell abhängig. Oft brachen sie ihre Berufsausbildungen zugunsten der Familienplanung ab, was eine zusätzliche Abhängigkeit an den Ehemann nach sich zog.
Als „Rote Armee Fraktion“ (RAF) benannte sich eine terroristische linksextremistische Vereinigung in Deutschland, die 1968 während der Studentenproteste gegründet wurde. 35 Menschen wurden bis in die 1990er Jahre durch die zahlreichen Anschläge dieser Gruppe ermordet. Begründet wurden die Anschläge damit, dass die kapitalistische Gesellschaftsordnung zerstört werden müsse.

„»Die benutzen uns nur! […] Wir werden versklavt in einem faschistischen System der Unterdrückung. Das, was wir machen, ist einfach nur Selbstverteidigung, wie Sklaven sich schon immer gegen die mächtigen aufgelehnt haben, um in Freiheit leben zu können. […]«

[Seite 182]


Ein großes gesellschaftliches Thema ist die Entwicklung der Pornofilm-Szene in der BRD: Erst 1975 wurde die Vorführung dieser Filme teilweise legalisiert. Der Entstehung von Sex Kinos folgten die Videoformate, welche den Heimvideokonsum ermöglichten. Doch auch die Pornofilm-Industrie musste sich weiterentwickeln und die gängigen Rollenklischees überdenken.
In ihrem ausführlichen Nachwort geht die Autorin auf die vielfältigen geschichtlichen und gesellschaftlichen Themen und Hintergründe sehr detailliert ein und man merkt, wie akribisch sie diese recherchiert hat und wie sehr sich in diese Zeit des Aufbruchs und Wandels eingearbeitet hat. Sie verwebt historische Begebenheiten gekonnt mit den Lebensläufen ihrer zahlreichen Figuren, von denen viele einen historischen Hintergrund haben.

Ich bin nach einer gelungenen Buchreihe immer sehr traurig, weil die Geschichte damit zu Ende ist, aber auch glücklich und dankbar, dass ich diese Geschichte lesen und unterhaltsame Lesestunden erleben durfte. Deshalb möchte ich mich ganz herzlich bei Caren Benedikt bedanken und ich bin schon sehr gespannt, mit was für einem Werk sie uns demnächst überraschen wird. Eines ist aber jetzt schon sicher: Auch dieses werde ich auf jeden Fall wieder lesen.

Fazit: Wie bereits der erste Band ist auch dieser zweite Band spannend, temporeich und emotional. Es ist eine Geschichte, bei der ich während des Lesens die Zeit vergessen habe und einige Male nicht schnell genug umblättern konnte.
Es ist eine sehr gelungene und unterhaltsame Zeitreise, welche ab der ersten Seite eine Sogwirkung entfaltet und einen so schnell nicht mehr loslässt. Sehr lesenswert!

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung des Verlages in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

 „Fräulein Gold – Die Lichter der Stadt“

von Anne Stern

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 12. September 2023
Verlag: Rowohlt
Ausgaben: Paperback & eBook
ISBN: 978-3-499-00918-1
Seitenanzahl: 464 Seiten
Preise: 18,00€ (Paperback), 12,99€ (eBook)
Reihe: „Hebamme Hulda Gold/ Band 06“

Homepage:
https://www.rowohlt.de/buch/anne-stern-fraeulein-gold-die-lichter-der-stadt-9783499009181

Klappentext:
„Berlin, 1929: Hulda Gold arbeitet als Hebamme in einer Mütterberatungsstelle in Schöneberg. Für ihre Schützlinge tut sie alles. Aber sie muss auch für sich und ihre kleine Tochter Meta kämpfen, denn das Leben als alleinerziehende, ledige Mutter ist selbst in ihrem Heimatkiez alles andere als leicht. Als sie eine junge Schauspielerin am berühmten Theater am Nollendorfplatz betreut, lernt sie eine neue Facette ihres Viertels kennen: die faszinierende Welt der Künstlerinnen und Bühnenstars, in der nichts ist, wie es scheint. Doch mit der beginnenden Weltwirtschaftskrise kämpft auch das Theater ums nackte Überleben. Als es zu einer seltsamen Einbruchsserie im Viertel kommt, ist Hulda alarmiert, denn nicht nur einer ihrer Freunde ist von der Gefahr direkt betroffen. Sie beginnt, Nachforschungen anzustellen, und muss all ihren Mut und ihren unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn unter Beweis stellen – nicht nur für sich selbst, sondern auch für Meta.“

Hinweise:
– Lest diese Rezension bitte nicht, wenn ihr die Bände 1 – 5 noch nicht gelesen habt, diese aber noch lesen möchtet – Spoilergefahr!
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Rowohlt Verlag und der Autorin als vorzeitiges Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.
– Hier findet ihr meine ausführliche Rezension zu den vorherigen Bänden:
– Band 1: „Fräulein Gold – Schatten und Licht“
– Band 2: „Fräulein Gold – Scheunenkinder“
– Band 3: „Fräulein Gold – Der Himmel über der Stadt“
– Band 4: „Fräulein Gold – Die Stunde der Frauen“
– Band 5: „Fräulein Gold – Die Rote Insel“

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Das Buch „Fräulein Gold – Die Lichter der Stadt“ ist der sechste Band um die Hebamme Hulda Gold und entführt in das Jahr 1929 – dem Schicksalsjahr der Weimarer Republik.

„Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Denn ihr ging auf, dass eigentlich nichts an ihrem Leben perfekt war. Nichts außer Meta.“

[Seite 16]

Drei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Meta muss sich Hulda Gold mit den Problemen und Sorgen einer (alleinerziehenden) Mutter herumschlagen und arrangieren.
Während ihre Tochter eine Kindertagesstätte besucht, arbeitet Hulda in einer Mütterberatungsstelle – eine Arbeit, welche ihr zwar Freude bereitet, sie aber nicht erfüllt. Zu gerne würde sie wieder Geburten begleiten und betreuen. Doch das scheint alles in weite Ferne gerückt, da die Arbeitszeiten als Hebamme nicht mit dem Leben als Mutter vereinbar sind.
Als Hulda in der Beratungsstelle die junge Schauspielerin Milli und deren Tochter kennenlernt, zeigt sich Hulda nochmal ein anderes Bild ihres Wohnviertels. Doch eine rätselhafte Einbruchsserie hält die Bewohner rund um den Winterfeldtplatz in Atem und auch Hulda beginnt mit ihren eigenen Ermittlungen. Diese Ermittlungen kosten Hulda viel Mut, denn als junge Mutter ist sie nicht mehr nur für sich verantwortlich.

Als Mitte des Jahres 2020 der Auftakt „Fräulein Gold – Schatten und Licht“ erschien, war ich von dieser Buchreihe sofort eingenommen. Ich schloss Hulda sofort in mein Herz und freute mich auf jeden neuen Band, welche 2020,2021 und 2022 erschienen sind. Ursprünglich war diese Buchreihe als Trilogie angekündigt. doch Hulda hat so viele Anhänger, dass ihre spannende Geschichte immer weiter erzählt werden muss. Ihr außerordentlicher Dickschädel und ihre untrügliche Spürnase für Ungerechtigkeiten und Straftaten in Kombination mit jeder Menge Zeitgeschichte, können mich immer wieder sehr begeistern. So war absolut klar, dass ich auch den hier vorliegenden sechsten Band unbedingt lesen musste, welchen ich freundlicherweise als kostenloses und vorzeitiges Rezensionsexemplar vom Verlag und der Autorin zur Verfügung gestellt bekommen habe – an dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön dafür.

Das Cover des Buches passt wunderbar zu den bereits erschienen Bänden – damit besitzt die Buchreihe einen gelungenen Wiedererkennungswert:

Dieser sechste Band ist in der Farbe lila gehalten. Zu sehen ist eine junge Frau, welche seitlich zum Betrachter/ zur Betrachterin steht, ihren Kopf aber zu diesem/ dieser dreht und mit einem durchdringende Blick in die Kamera schaut. Ihre dunklen Haare sind kinnlang geschnitten, ihre Arme ruhen vor ihr. Zu ihrer blusenähnlichen Oberteil trägt sie eine Perlenkette um den Hals. Die gesamte Szenerie ist in schwarz-weiß gehalten, der Haupttitel ist in lila-glänzenden Buchstaben aufgebracht. Der Untertitel steht in weißer Schrift darunter, der Name der Autorin befindet sich im mittleren linken Bereich. Das Cover und auch der Text auf der Rückseite des Buches werden von lila-glänzenden Linien eingerahmt. Der Buchrücken ist ebenfalls lila, der Name der Autorin, Titel und Untertitel sind hier in schwarz gehalten.
Das Buch ist eine sehr hochwertig gestaltete Klappbroschur mit insgesamt 464 Seiten. Auf der vorderen Klappe befindet sich ein kleiner Textausschnitt, in der Klappe ist eine wunderschöne Karte, welche einen Teil von Berlin im Jahr 1929 zeigt. Die hintere Klappe ziert ein Foto und eine kurze Biographie der sympathischen Autorin, im Inneren befindet sich eine Übersicht der bisher erschienen sechs Teile der Reihe.
Dem Impressum des Buches folgen zwei stimmungsvolle Zitate: Eines von Gabriele Tergit, eines von Berthold Brecht. Dann folgt der Prolog, welcher am 27. August 1927 ansetzt. Mit dem ersten Kapitel beginnt die Handlung dann zwei Jahre nach dem Prolog am 29. August 1929. Dem 36. Kapitel schließen sich der Epilog, welcher im Oktober 1929 spielt, das Nachwort und der Dank der Autorin sowie eine Leseprobe zum siebten Band (ET im Dezember 2024) an.
Somit umfasst die gesamte und chronologisch erzählte Handlung des Buches inklusive des Prologs und des Epilogs etwas mehr als zwei Jahre – wobei die Haupthandlung nur wenige Wochen umfasst und etwa zweieinhalb Jahre nach Ende des fünften Bandes ansetzt.
Ich empfehle sehr, dass man die vorherigen fünf Bände bereits gelesen hat, da immer wieder Bezug auf Geschehnisse in der Vergangenheit genommen wird und es ist auf jeden Fall ein größeres Lesevergnügen, da man dann auch die Entwicklungen und Entscheidungen der Figuren besser verstehen und nachvollziehen kann.
Wie bei den vorherigen Bänden konnte ich ab dem ersten Kapitel wieder schnell in die Geschichte abtauchen, auch wenn die Geschichte etwas gemächlicher beginnt. Mit ihrer wunderbaren, detaillierten, bildgewaltigen und flüssigen Sprache, lässt Anne Stern auf keiner Seite Langeweile aufkommen und sie entführte mich mit viel Ortskenntnis nach Berlin in das Jahr 1929.

„Wo war ihre Jugend hin, wo waren die Jahre geblieben, in denen sie die Nächte zum Tag gemacht und sich in allerlei Spelunken herumgetrieben hatte? Plötzlich war sie zu einer Mutter geworden, einer richtigen Matrone, die an den Abenden das Haus hütete und nur noch vom Sofa aus den Eskapaden der Romanfiguren folgte, deren Leben sie als Ersatz für eigene Abenteuer begierig Seite für Seite verschlang, während sie Schokoladenkekse in sich hineinstopfte.“

[Seite 93]

Auch in diesem Band steht die namensgebende Hulda Gold im Mittelpunkt der Geschichte. Ihr Leben und auch sie selbst haben sich sehr verändert. Als alleinerziehende und ledige Mutter einer dreijährigen Tochter hat sie es nicht immer leicht und stößt bei vielen Menschen oft auf Ablehnung und Abneigung. Außerdem kann sie ihren geliebten Beruf als Hebamme nicht mehr ausüben, da sich die Arbeitszeiten nicht mit einem Kleinkind vereinbaren lassen. Hulda arbeitet in einer Mütterberatungsstelle, eine Arbeit, die ihr zwar auf der einen Seite Freude bereitet, auf der anderen Seite jedoch alles andere als erfüllend ist. Ihre Welt ist nun, da sie Mutter ist, eine völlig andere geworden, in der sie zum ersten Mal nicht nur auf sich alleine aufpassen muss, sondern auch die Verantwortung gegenüber ihrer Tochter tragen muss. Oft plagen sie Selbstzweifel und Bedenken, ob sie als Mutter alles richtig macht. Sie ist innerlich zerrissen zwischen ihrem Beruf und ihrem Mutter-Dasein. Doch sie hat sich ihr stets gutes Gespür für die Menschen um sie herum behalten, sagt auch sehr oft direkt, was sie denkt und fühlt und lässt sich sehr oft von ihrem Bauchgefühl leiten. Ihrer untrüglichen Spürnase in Sachen Verbrechen kann sie stets vertrauen und sieht die Ungerechtigkeiten, gegen welche sie direkt vorgeht. Auch wenn es mittlerweile der sechste Band um und mit Hulda Gold ist, kann mich diese Hauptfigur immer wieder überraschen und ich habe das Gefühl. ihr mit jeden Band ein Stückchen näher zu kommen. Anne Stern hat mit Hulda Gold eine solch facettenreiche Protagonistin erschaffen, welche die Leserinnen und Leser in jedem Band dieser wunderbaren Reihe neu entdeckt. Ich bin so gespannt, wie es mit ihr und ihr wunderbaren Tochter Meta im nächsten Band weitergehen wird.

„Und obwohl Hulda wusste, dass sie in der Betreuung und Begleitung ihres eigenen Kindes wohl meistens tatsächlich recht gut abschnitt, kannte sie diesen Schmerz doch ganz genau. Jede Mutter kannte ihn. Jede Mutter hatte Angst davor, ihrem Kind nicht genug bieten zu können. Es nicht immer so lieben zu können, wie es das verdiente, oder die Liebe vielleicht nicht oft genug zu zeigen.“

[Seite 119]

Um Hulda Gold agieren wieder zum größten Teil die Charaktere, welche schon ab dem ersten Band dabei sind – mittlerweile fühlt es sich so an, wie auf liebgewonnene Freunde zu treffen – ein Gefühl. wie ein ’nach Hause kommen‘.
Es ist wunderschön, diese lebensechten Figuren wieder zu treffen und auch deren authentische Weiterentwicklung zu sehen. Hier ist vor allem der Kioskbesitzer Bert zu nennen, welcher noch immer Huldas Fels in der Brandung ist. Nach wie vor mit bringt er mit seiner wunderbaren und ehrlichen Art sehr viel Wärme und Geborgenheit in die Geschichte, bereitet Hulda, und damit auch dem Leser/ der Leserin, jedoch die ein oder andere Sorge.

„Er hatte es nicht gern, wenn er um Hilfe bitten musste, lieber war er derjenige, der anderen beisprang.“

[Seite 171]


Ganz besonders angetan hat es mir die dreijährige Meta – Huldas Tochter. Natürlich hat es Hulda nicht immer leicht mit ihr, doch mit ihrem kindlichen Blick auf die Dinge und ihren unvorhersehbaren Launen bringt sie einen ganz eigenen Zauber in die Geschichte.
Es kommen auch wieder einige neue Figuren hinzu, Figuren aus den bisherigen Bänden stehen teilweise etwas mehr am Rande. Doch sie alle, egal ob sie liebgewonnene Freunde oder neue Charaktere sind, sie im Zentrum oder am Rande der Geschichte eine Rolle spielen – sie alle sind von Anne Stern authentisch gezeichnet und entwickeln sich lebensecht weiter. Keine der Figuren ist perfekt und es wird mitunter auch immer mal wieder die ein oder andere Fehlentscheidung getroffen.
Auf einige der Charaktere möchte ich an dieser Stelle allerdings nicht detailliert eingehen, da ich sonst zu viel von der Handlung vorwegnehmen könnte.
Die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen zwischen den Figuren waren für mich stets fass- und fühlbar und zogen mich schnell in die spannende Geschichte hinein.
Nun bin ich sehr gespannt, wie es mit all den Figuren im siebten Band der Reihe weitergehen wird.

Das Jahr 1929, welches als Schicksalsjahr der Weimarer Republik eingehen sollte, bildet den historischen Hintergrund von „Fräulein Gold – Die Lichter der Stadt“.
Lange vor dem Schwarzen Freitag des Oktober 1929 und der damit ausgelösten Weltwirtschaftskrise, brodelte es in der Bevölkerung gehörig. Im langen und kalten Winter 1928/29 hatten sich die sozialen Konflikte angestaut und die immensen Wirtschaftsprobleme verstärkt: Die Hochkonjunktur flaute ab – fast drei Millionen Menschen waren ohne Arbeit. Zudem waren die die Kassen der Stadt Berlin und auch die Staatskassen leer und politische Zusammenstöße zwischen links und rechts häuften sich.
Im Mai 1929 kam es bei den Maifeiern in Berlin während einer kommunistischen Kundgebung zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und der Polizei. Diese Auseinandersetzung kostete sieben Menschen das Leben und es gab über 100 Verletzte. Der Monat ging als ‚Blutmai‘ in die Geschichte ein.
Im Juni 1929 unterzeichneten Delegierte den ‚Young-Plan‘, welcher im August 2029 von der deutschen Regierung ratifiziert wurde. Dieser Plan war eine Vereinbarung über die von Deutschland zu leistende Reparationszahlungen: Die Reparationssumme wurde auf 34,5 Milliarden Goldmark, zahlbar in 59 Jahresraten, herabgesetzt und es wurde die vorzeitige Räumung des Rheinlands zum 01. Juli 1930 vereinbart. Die Zahlungen wurden damit überschaubarer, außerdem erhielt die Weimarer Republik weitere internationale Kredite und profitierte so von den Vereinbarungen. Die politische Rechte setzte allerdings die Diffamierung der politisch Verantwortlichen fort und griff den Young-Plan in ihrem Wahlkampf auf .
Im Oktober 1929 starb der deutsche Außenminister Gustav Stresemann, kurz darauf kam es zu einem fatalen Kurssturz an der New Yorker Börse, worauf die Weltwirtschaftskrise ausgelöst wurde.
Die gesellschaftlichen Themen sind sehr mit den geschichtlichen Hintergründen verbunden und teilweise auch noch heute – fast 100 Jahre später – sehr aktuell. Als Beispiel sei hier die Probleme und Herausforderungen der alleinerziehenden Elternteile zu nennen – an erster Stelle die Vereinbarkeit der Elternschaft mit einem Beruf.
Ein weiteres gesellschaftliches Thema ist, wie schwer der Stand der Frau im Berufsleben allgemein war, vor allem dann, wenn es um ‚typische Männerberufe‘ ging. Die Arbeit der Frauen wurde, wie auch die Frau selbst, nicht ernst genommen und es wurde ihr jegliche Kompetenz abgesprochen. Exemplarisch wird dies an der Kommissarin Irma gezeigt.

„Und doch wurden ihre Leistungen nach wie vor nicht wahrgenommen, ja vielmehr öffentlich geschmäht. Wieso, in Gottes Namen, war dies im Jahr 1929 noch immer normal? Hatten die Frauen sich nicht längst ihre Rechte erkämpft? Das Wahlrecht, das Recht, zu studiere und den Beruf frei zu wählen?“

[Seite 247]


Diese vielen geschichtlichen und gesellschaftlichen Themen und Hintergründe hat Anne Stern wunderbar herausgearbeitet und stellt diese sehr verständlich in ihrem Roman da. Die vielen Ereignisse sind mit den Lebensgeschichten der größtenteils fiktiven Figuren verwoben und werden oft durch deren Augen beschrieben, wodurch die Historie sehr erleb- und greifbar wird.

Auch diesen Band stelle ich wieder rundum zufrieden ins Regal und bedanke mich bei Anne Stern für dieses wunderbare, mitreißende und emotionale Leseerlebnis.
Mögen Hulda, ihre zuverlässige Spürnase und ihr Gerechtigkeitsempfinden uns noch lange begleiten.

„… und Hulda hatte längst beschlossen, ihrem Gerechtigkeitsempfinden in diesem Fall die Oberhand zu lassen und nicht dem manchmal blinden Gesetz.“

[Seite 322]

Fazit: Die Handlung geht zwar etwas gemächlicher los als in den vorherigen Bänden und trotzdem konnte und wollte ich diesen grandiosen sechsten Teil der Reihe nur ungern aus den Händen legen. Ich bin der Hauptfigur Hulda Gold wieder ein Stückchen näher gekommen und litt und fieberte stellenweise sehr mit ihr mit.
Zusammen mit den wunderbar herausgearbeiteten geschichtlichen Hintergründen und dem wunderbar bildhaften Sprachstil liegt hier ein absolut lesenswerter sechster Band einer Buchreihe vor, welche sich von Band zu Band in ihrer Intensivität steigert.
Absolut lesenswert!

*Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung des Verlages in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Die Schwestern vom See – Neue Wege“

von Lilli Beck

[Werbung*]

Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 23. August 2023
Verlag: Blanvalet
Ausgaben: ebook & Taschenbuch
ISBN: 978-3-7341-1085-6
Seitenanzahl: 352 Seiten
Preis: 9,99€ (eBook), 11,00€ (Taschenbuch)
Reihe: „Die Schwestern vom See“ 02/03


Homepage:
https://www.penguin.de/Taschenbuch/Die-Schwestern-vom-See-Neue-Wege/Lilli-Beck/Blanvalet/e592014.rhd

Klappentext:
„Auerbach am Bodensee: Rose König steckt mitten in den Planungen für ihre Hochzeit. Doch ausgerechnet am Polterabend kommt ein Geheimnis ihres Verlobten Nico ans Licht, das Rose an dessen Ehrlichkeit zweifeln lässt. Auch zwischen ihrer Schwester Iris und deren Ehemann kriselt es gewaltig. Zudem hadert Iris mit ihrer neuen Rolle als Adoptivmutter.
Als wäre das nicht genug, steckt die familieneigene Pension in immer größeren finanziellen Schwierigkeiten. Neue Ideen sollen her, um das Unternehmen zu retten. Und einmal mehr müssen die Schwestern neue Wege gehen, um für ihr Erbe – und um die Menschen, die sie lieben – zu kämpfen.“

Hinweise:
– Lest diese Rezension bitte nicht, wenn ihr den ersten Band noch nicht gelesen habt, diesen aber noch lesen möchtet. Da die beiden Teile aufeinander aufbauen, könnte euch diese Rezension sonst spoilern.
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Blanvalet Verlag über das ‚Bloggerportal‘ als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.
– Hier findet ihr meine ausführliche Rezension zum ersten Band „Die Schwestern vom See“
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Das Buch „Die Schwestern vom See – Neue Wege“ von Lilli Beck ist der zweite Band einer Buchreihe, welche in der Gegenwart am Bodensee spielt und das turbulente Leben und den Pensionsalltag der Familie König zeigt.

„Sie dachte an den Schwur, den sich die Schwestern gegeben hatten, als Viola noch lebte. Sie wollten immer füreinander da sein und sich in allen Notlagen beistehen.“

[Seite 115]

Nach dem plötzlichen Tod ihrer Schwester Viola ist für die zwei verbliebenen Schwestern Iris und Rose nichts mehr so, wie es einmal war. Iris hat die Tochter von Viola adoptiert und lebt in Trennung von ihrem Noch-Ehemann Christian, hat aber mit Fritz einen neuen Mann an ihrer Seite. Rose König ist kurz davor ihren Verlobten Nico zu heiraten. Doch am Polterabend kommt ein Geheimnis ans Licht, welches Rose an der Aufrichtigkeit von Nico zweifeln lässt. Es folgt ein furchtbares Unglück, welches Rose alles abverlangt.
Und als wäre das noch nicht alles genug, steckt die Pension König in großen finanziellen Nöten. Rose und Iris müssen für die Pension, welche schon seit Generationen in Familienbesitz ist, aber auch für ihre Liebe und ihr privates Glück kämpfen.

„Seit drei Generationen war die jetzt im Dezember weihnachtlich geschmückte Pension in Familienbesitz, und alles Glück und Leid ihrer Familie, auch das ihres eigenen Lebens, war mit diesem Haus verbunden.“

[Seite 182]

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich den Auftakt der Reihe „Die Schwestern vom See“ mit großer Begeisterung gelesen und ich freute mich schon sehr auf die Fortsetzung dieser Geschichte, da ich unbedingt wissen wollte, wie es mit den Mitgliedern der Familie König weitergeht, welche ich alle sehr fest in mein Herz geschlossen habe.
Auch diesen Teil bekam ich freundlicherweise vom Blanvalet Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar über das ‚Bloggerportal‘ zugesendet, wofür ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte.
Das Cover des hier vorliegenden zweiten Bandes passt wunderbar zu dem ersten Band, was für einen gelungenen Wiedererkennungswert der Reihe sorgt:

Links: „Die Schwestern vom See“ – Band 1
Rechts: „Die Schwestern vom See – Neue Wege“ – Band 2

Das Cover von „Die Schwestern vom See – Neue Wege“ zeigt zwei junge Frauen, welche seitlich zum Betrachter auf einer hölzernen Plattform im See sitzen. Die hintere Frau trägt ein weißes T-Shirt und eine kurze Jeanshose, ihre dunkelblonden Haare sind schulterlang geschnitten und sie hat ihre Beine leicht angezogen. Die andere Frau trägt ein rotes Kleid mit weißen Punkten, auf ihren brustlangen blonden Haare sitzt ein weißer Hut, ihre Füße spielen im See. Beide Frauen sind auch auf dem Cover des ersten Bandes zu sehen. Der Blick der Beiden ist auf ein herrschaftliches Haus gerichtet, welches sich mittig am rechten Bildrand befindet und direkt am See liegt. Am Horizont ist eine Ortschaft mit einem Kirchturm in der Mitte zu sehen – über dieser steht die tiefstehende Sonne. Es erhebt sich ein blauer, jedoch leicht bewölkter Himmel über dem See.
Das Buch ist ein einfaches Taschenbuch ohne Klappen und hat 352 Seiten. Dem Impressum folgt ein kleiner, aber wunderschöner Einleitungssatz. Dann beginnt der erzählende Teil mit einem sehr stimmungsvollen Prolog: Dieser setzt im März 2023 in Auerbach an und fasst auch einige Geschehnisse aus dem ersten Band zusammen. Das erste Kapitel beginnt dann im November in Auerbach, die gesamte Handlung setzt sich aus 32 Kapiteln zusammen. Dem letzten Kapitel folgen ein kurzes Nachwort der Autorin und ein vielversprechendes Rezept für eine Malakofftorte an.
Da das Buch an die Handlung des ersten Bandes anknüpft, empfehle ich, dass ihr den ersten Band vorher gelesen habt. Im Prinzip geht es auch ohne diese Vorkenntnisse, allerdings fehlen dann einige wichtige Hintergründe zu den Figuren und der Handlung.

„»Lächle, wenn du traurig bist, dann lächelt dir die Welt entgegen.«“

[Seite 100]

Während im ersten Band noch die drei Schwestern im Mittelpunkt stehen, sind es in diesem Band nur noch die beiden Schwestern Rose und Iris. Viola, die jüngste der drei Schwestern, ist im ersten Band völlig überraschend verstorben und hat Iris ihre neugeborene Tochter Jasmin hinterlassen. Auch wenn Viola nicht mehr körperlich da ist, ist sie dank der vielen Erinnerungen ihrer Familie an sie und auch durch ihre Tochter, noch immer sehr präsent und vor allem spürbar in der Geschichte.
Nach einigen Jahren in Köln ist Iris, die älteste der Schwestern, wieder zurück zu ihrer Familie an den Bodensee gekommen und von ihrer Familie mit offenen Armen empfangen worden. Für sie ist klar, dass sie sich direkt auch wieder in die Familie einbringt. So wie sie sich auf ihre Familie verlassen kann, kann sich die Familie auch auf Iris verlassen. Während Iris in ihrer neuen Mutterrolle aufgeht und Jasmin alles gibt, muss sie sich eingestehen, dass ihre Ehe mit Christian gescheitert ist. Dieser lebt noch immer in Köln und weigert sich die Scheidungspapiere zu unterschreiben und verwehrt damit Iris und deren neuen Partner Fritz eine gemeinsame Zukunft. Ihr neuer und sympathischer Partner Fritz steht unerschütterlich und unverrückbar an ihrer Seite. Iris und Fritz bilden ein sehr harmonisches Paar, sie geben sich gegenseitigen Halt und spenden sich Zuversicht. Auch wenn ihre Familie stets hinter ihr steht, fühlt sie sich doch auch immer wieder in ihrer Freiheit etwas eingeengt.
Rose ist die mittlere der drei Schwestern und sie hat nach dem Tod des Großvaters und den gesundheitlichen Einschränkungen des Vaters die Leitung der Pension übernommen. Sie ist eine sehr zielstrebige und ehrliche Frau, welche für die Fortführung des Familienbetriebs alles gibt. Aber auch privat scheint sich endlich am Ziel ihrer Träume angekommen zu sein und mit Nico den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Doch als an ihrem Polterabend ein Geheimnis von Nico ans Licht kommt, handelt Rose völlig unkontrolliert.

Rose lächelte und wusste nicht erst jetzt, er würde ihr Fels in der Brandung sein. Ihr sicherer Hafen bei jedem Schicksalssturm. Wenn nötig, hätte er den Bodensee für sie ausgeschöpft (…).

[Seite 33]


Herbert und Florence sind die Eltern der drei Schwestern und sie mussten sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Leitung der Pension zurückziehen. Herbert hatte einen leichten Herzinfarkt und kümmert sich seit dem um den Garten, wo er die nötige Ruhe findet. Doch er hat immer ein offenes Ohr für die Sorgen seiner Töchter, kann aber oft mit seiner ehrlichen Meinung und spitzen Bemerkungen nicht immer hinterm Berg halten. Seine liebevolle Frau Florence ist stets an seiner Seite und die Beiden verbindet eine tiefe und von Respekt geprägte Liebe.
Die liebenswerte Tante Annemarie ist die Schwester von Herbert und stets an seiner Seite aber auch immer für ihre Nichten da. Als Inhaberin des ‚Tortenhimmels‘ hat sie sich einen langersehnten Traum erfüllt, in ihrem Privatleben scheint sie aber noch nicht richtig angekommen zu sein.
Wie im ersten Band hat mir die immense Vielfalt an unterschiedlichsten Charakteren in dieser Geschichte sehr gefallen. Sie alle führen ihre eigenen Leben, bilden aber doch eine wunderbare Einheit. Sie halten Familienrat, sie streiten sich, sie kloppen sich und sie vertragen sich wieder. Keine(r) von ihnen ist perfekt und sie treffen mitunter auch immer mal wieder die ein oder andere Fehlentscheidung. Lilli Beck hat Figuren geschaffen, welche mich, egal ob Haupt- oder Nebenfigur, mit ihrer Authentizität sehr begeistert haben und die sich alle sehr glaubhaft weiterentwickelt haben. Auch die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen zwischen einigen der Figuren war stets fassbar und zogen mich schnell in die emotionale Geschichte hinein.
Da bereits ein dritter Band der Reihe angekündigt ist, bin ich sehr gespannt, wie es mit all den liebgewonnen Charakteren weitergehen wird.

„»Das ist wie im Leben: Glück empfinden wir nur, wenn wir auch mal unglücklich waren (…)«“.

[Seite 167]

Die Haupthandlung des Buches spielt ab November 2023 und erzählt zeitlich aufeinanderfolgend über das weitere abwechslungsreiche und teils dramatische Leben der Familie König und ihrer Pension am Bodensee.
Auch wenn ich den ersten Band der Reihe vor etwa einem Jahr gelesen habe, war ich wieder sehr schnell in der Geschichte angekommen und konnte mich auch wieder gut in die Gefühlswelt und die Hintergründe der vielen Figuren einfühlen und einfinden.
Der bildhafte, detaillierte und unaufgeregte Sprachstil von Lilli Beck konnte mich wieder völlig in die Handlung mitnehmen und ich fühlte mich in der Geschichte sehr wohl – auch wenn es, wie bereits im ersten Band, einige Szenen gibt, bei denen ich sehr mit den Tränen kämpfen musste.

Danke liebe Lilli Beck für diese wunderbaren Lesestunden – ich freue mich schon sehr auf den dritten Band dieser Reihe.

Fazit: Das Buch „Die Schwestern vom See – Neue Wege“ ist eine schöne Geschichte und Fortsetzung, welche stellenweise doch sehr ans Herz geht und die ich unheimlich gerne gelesen habe und ich euch deshalb absolut empfehlen kann. Sehr lesenswert!

* Ich habe für diese Rezension von der Autorin und vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Bereitstellung eines kostenlosen Rezensionsexemplars durch den Verlag, der Titelbezeichnung/ Namensnennung und der Link zur Verlagshomepage muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Die Reporterin – Worte der Wahrheit“

von Teresa Simon

[Werbung*]

Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 16. August 2023
Verlag: Heyne
Ausgaben: ebook & Taschenbuch
ISBN: 978-3-453-42707-5
Seitenanzahl: 432 Seiten
Preis: 9,99€ (eBook), 12,00€ (Taschenbuch)
Reihe: „Die Reporterin/02“

Homepage:
https://www.penguin.de/Taschenbuch/Die-Reporterin-Worte-der-Wahrheit/Teresa-Simon/Heyne/e603918.rhd

Klappentext:
„September 1965: Malou Graf kämpft darum, in ihrem Beruf als Reporterin weiter Erfolg zu haben. Sie schreibt mit viel Feingefühl und Empathie, entlockt ihren Gesprächspartnern private Informationen, ohne sie bloßzustellen. Bald wird sie als »Gräfin der Gesellschaftskolumnen« bekannt. Romy Schneider, die Rolling Stones, Roy Black: Sie alle reißen sich förmlich darum, von ihr interviewt zu werden. Als sie Mutter wird und versucht, die angeschlagene Beziehung zu ihren Eltern zu kitten, erfährt Malou auf schmerzhafte Weise, wie schwierig es als Frau ist, Karriere und privates Glück zu vereinen. Muss sie eine Entscheidung fällen? Kann sie das überhaupt?“

Hinweise:
– Lest diese Rezension bitte nicht, wenn ihr den ersten Band noch nicht gelesen habt, diesen aber noch lesen möchtet. Da die beiden Teile direkt aufeinander aufbauen, könnte euch diese Rezension sonst spoilern.
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.
– Hier findet ihr meine ausführliche Rezension zum ersten Band „Die Reporterin – Zwischen den Zeilen“

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Das Buch „Die Reporterin – Worte der Wahrheit“ von Teresa Simon ist der zweite und abschließende Band der Buchreihe mit der jungen Malou, welche in den 1960er Jahren in München ihr berufliches Glück findet, in ihrem bewegten Privatleben aber ihren ganz eigenen Weg gehen muss.

„»(…) Aber ich spreche mit berühmten Menschen, oder sagen wir lieber: mit bekannten Menschen, und schreibe auf, was sie mir erzählen – und manchmal auch das, was ich zwischen den Zeilen so höre. Das kann richtig aufregend sein. Ich liebe meinen Job!« setzte sie emphatisch hinzu. »Der beste auf der ganzen Welt!«“

[Seiten 272 und 273]

Die junge Reporterin Marie-Louise Graf (von allen Malou genannt) ist beruflich endlich am Ziel ihrer Träume angekommen: Als ‚Gräfin der Gesellschaftskolumnen‘ hat sie sich einen Namen bei der Zeitung ‚Der Tag‘ gemacht und entlockt ihren bekannten Gesprächspartnern mit viel Empathie und Feingefühl das ein oder andere Geheimnis. Dabei können sich diese immer sicher sein, dass Malou sie niemals bloßstellen wird – es sind interessante Gespräche auf Augenhöhe.
Malous Privatleben würde selbst besten Stoff für ihre Gesellschaftskolumnen bieten: Nach dem ein wohlgehütetes Familiengeheimnis nach und nach ans Licht kommt, ist für Malou nichts mehr so, wie es einmal war. Als Malou selbst Mutter wird, erkennt sie, dass das Netz von Geheimnissen in ihrer Familie noch dichter ist, als sie angenommen hat und nicht nur sie alleine betrifft. Sie muss sie sich für einen Weg entscheiden. Doch dann ereilt sie ein folgenreicher Schicksalsschlag.

Hinter dem Pseudonym Teresa Simon steht meine Lieblingsautorin Brigitte Riebe, welche mich schon seit vielen Jahren mit ihren vielfältigen Geschichten begleitet und begeistert.
Ende 2022 kündigte sie in den Sozialen Medien ihre neue Dilogie „Die Reporterin“ an und mein Interesse war sehr schnell geweckt. Auch wenn es kein Roman ist, welcher auf zwei Zeitebenen spielt und zeitlich etwas später ansetzt, als die bisherigen Romane unter dem Namen Teresa Simon, musste ich diese neue Buchreihe lesen. Gerade die 1960er Jahre sind eine solch wichtige und ereignisreiche Zeit, von welcher ich immer wieder gerne lese. Es ist die Zeit, in der meine Eltern Jugendliche waren.
Das Buch habe ich vom Heyne Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen – ganz herzlichen Dank dafür an dieser Stelle.
Das Cover passt hervorragend zum ersten Band der Reihe, was zu einem gelungenen Wiedererkennungswert führt und auch direkt wieder meine Vorfreude auf die Geschichte weckte.

Bild links: Band 1 „Die Reporterin – Zwischen den Zeilen“,
Bild rechts: Band 2 „Die Reporterin – Worte der Wahrheit“


Zu sehen ist hier eine junge Frau, welche in die aufgeschlagene Zeitung „Der Tag“ vertieft ist. Dabei wirkt ihr Blick sehr aufmerksam und konzentriert. Hinter der Frau spielt sich eine lebendige Straßenszene ab: Hier flanieren links und rechts Menschen an Geschäften vorbei. Die komplette Szenerie ist in schwarz-weiß gehalten, darüber steht einem glänzenden türkisen Farbton der Name der Autorin und der Titel des Buches. Türkise Linien rahmen das Cover zusammen mit dem in weiß geschriebenen und türkis unterlegten Untertitel ein.
Bei dem Buch handelt es sich um ein hochwertig gestaltetes Taschenbuch mit Klappen. Auf und in der vorderen Klappe befinden sich schön inszenierte Textausschnitte, auf der hinteren Klappe wird die sympathische Autorin mit einem Foto einer Kurzbiographie vorstellt, in der Klappe werden die beiden Teile der Dilogie nebeneinander präsentiert.
Vor dem erzählenden Teil, welcher aus insgesamt 13 Kapiteln besteht, sind eine Widmung und eine Playlist vorangestellt – also eine Zusammenstellung von Liedern, welche in diesem Roman eine Rolle spielen. So hat man während der Lektüre den perfekten Soundtrack. Nach dem erzählenden Teil folgt die Danksagung der Autorin, die Zitatnachweise und zwei lyrische Texte.
Die Handlung des Buches beginnt im September 1965 und endet im Sommer 1969. Somit knüpft die Handlung direkt an das Ende des ersten Bandes an. Ich empfehle ausdrücklich, dass man den ersten Band vor dem zweiten Band gelesen haben sollte, da einem sonst vieles von der Handlung fehlt und man auch Begebenheiten und die Hintergründe der Figuren nicht richtig einordnen kann.

„»So wie du könnte ich nicht sein, so rational, immer vom Kopf beherrscht. (…)«“

[Seite 265]

Auch in diesem zweiten Band steht die junge Malou im Mittelpunkt der Geschichte. Allerdings ist aus der jungen Frau eine erwachsene Frau geworden, welche, zumindest beruflich, ihren Platz im Leben gefunden hat. Sie ist, allen Widrigkeiten zum Trotz, ihren Weg gegangen und ist nun eine erfolgreiche Reporterin, welche ihren Beruf mit Hingabe und Leidenschaft ausübt.
Privat dagegen hat das nun gelüftete Familiengeheimnis Malous Welt aus den Angeln gehoben. Alles, was sie ihr Leben geglaubt hat, entspricht nicht der Wahrheit – somit verändert sich ihr Leben grundlegend.
Ich mochte Malous liebenswerte Art ab der ersten Seite des ersten Bandes und hatte dann im weiteren Leseverlauf immer mehr das Gefühl, dass sie mir zu einer Freundin wurde. Sie ist nicht perfekt, denn sie macht Fehler und hat ihre Geheimnisse und Probleme. Sie hat ihr Herz aber am richtigen Fleck, sieht ihre Fehler ein, ist für andere Menschen da und stellt auch gerne mal ihre eigenen Bedürfnisse hinten an. Auch von Rück- und Schicksalsschlägen lässt sie sich nicht unterkriegen, steht immer wieder auf und denkt dabei immer vernünftig und rational. Als Malou dann Mutter wird, ist sie ab diesem Moment nicht mehr nur für sich verantwortlich. Diese immense Wandlung, von einer jungen Frau hin zu einer liebevollen Mutter, hat Teresa Simon sehr glaubwürdig dargestellt. Zudem kam ich Malou noch einmal sehr viel näher als im ersten Band, ich litt und fieberte mit ihr mit. Durch sie und ihre interessanten Interviews lernte ich einige Stars ‚hautnah‘ kennen, von denen mir viele durch meine Eltern ein Begriff sind.
Auch die anderen Figuren in Malous Umfeld haben sich authentisch weiterentwickelt und durchleben Höhen und Tiefen. Viele von ihnen sind bereits aus dem ersten Band bekannt, es kommen aber auch einige neue Charaktere hinzu. Teilweise wurden diese viele kleinen Geschichten so emotional und auch traurig, dass ich das Buch mit Tränen in den Augen aus den Händen legen musste.
Maries Eltern stehen für eine Generation, deren Leben vom Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg geprägt wurden. Die Mutter wurde aus ihrer alten Heimat Schlesien vertrieben, der Vater ist vom Krieg körperlich versehrt zurück gekehrt. Beide sind stets für ihre Tochter Malou da, auch wenn das Mutter-Tochter-Verhältnis nicht immer leicht ist.
Wie im ersten Band ist Onkel Julius für Malou der Fels in der Brandung. Auch wenn er körperlich sehr eingeschränkt ist, ist sein Geist wach und er hat stets ein offenes Ohr für seine Nichte. Ein Charakter, der mich mit seiner sympathischen Art sehr für sich einnehmen konnte.
Roxy ist nach wie vor Malous beste Freundin. Ihre Geschichte voller Wandlungen und Ereignissen konnte mich, wie schon im ersten Band sehr überzeugen. Zusammen mit Malous Arbeitskolleginnen Adrienne und Ella und dem liebenswerten Fotografen Samy stehen diese immer hinter Malou.
Auch wenn Malou mittlerweile in der Redaktion angekommen ist und sie sich als Reporterin einen Namen gemacht hat, meinen es noch immer einige Kollegen nicht gut mit ihr.
Ein sehr interessanter Charakter ist Chris, welcher ein turbulentes und ereignisvolles Leben lebt. Genauer möchte an dieser Stelle nicht auf diese Figur eingehen, da ich sonst zu viel von der Handlung vorwegnehme. Zusammen mit seinem Vater
Teresa Simon versteht es außerordentlich gut, ihre fiktiven Figuren mit den Geschichten der realen Persönlichkeiten zu verbinden und zu kombinieren und zeichnet mit ihnen ein sehr authentisches Bild der damaligen Gesellschaft und den Stars und Sternchen jener Zeit. Sie alle konnten mich mit ihren lebensechten Geschichten und Beschreibungen sehr überzeugen.

„»Unsere Marie-Louise hat ihren Platz gefunden. (…) Beruflich wie privat. Was könnten sich Eltern Schöneres für ihr Kind wünschen?«“

[Seite 66]

Wie auch in ihren bisherigen Büchern hat mich Teresa Simon mit ihrem bildhaften und detaillierten Sprachstil wieder schnell mit in die Geschichte genommen und mich darin abtauchen lassen. Der Roman erzählt eine wunderbare Geschichte über Träume, Selbstverwirklichung, Freundschaft und Liebe, die auf jeden Fall in meinem Kopf und Herz bleiben wird. Ich freute mich immer wieder aufs weiterlesen und die 432 Seiten flogen nur so dahin. Ich litt und fieberte mit all den liebgewonnen Charakteren, vor allem aber mit Malou, mit. Also Achtung: Diese Buchreihe macht süchtig.

Den geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund bilden die 1960er Jahre in München. Wie auch in anderen Teilen der BRD brodelte es in der jungen Generation gewaltig.
Der wirtschaftliche Aufschwung der BRD war zu dieser Zeit bereits vorbei und die Arbeitslosenzahlen stiegen.
Die Studentenvertretungen begannen, die alten Strukturen an den Universitäten scharf und öffentlich zu kritisieren. Sie forderten soziale Chancengleichheit im Bildungswesen, bessere Lernbedingungen, zeitgemäße Lerninhalte und die Entlassung von Lehrkräften mit Nazi-Vergangenheit.
Wie die Studenten in den USA forderten auch die deutschen Studenten ein Ende des Vietnamkriegs und den Stopp der atomaren Aufrüstung. Die erlassenen Notstandsgesetze schürten die Unruhe unter den Studenten noch mehr, da sie gravierende Einschränkungen der demokratischen Grundrechte befürchteten.
Nach der Gründung der APO (Außerparlamentarische Opposition), nahmen die Studentenbewegungen noch einmal ordentlich Fahrt auf, da die APO diese ab Mitte der 1960er-Jahre in weiten Teilen beeinflusste. Sie sah sich als einzige Gegenkraft zur herrschenden Regierung, denn durch die große Koalition gab es im Parlament praktisch keine Opposition mehr.
Als am 2. Juni 1967 der persische Schah Reza Pahlevi zum Staatsbesuch in der BRD eintraf, demonstrierten die jungen Menschen gegen den Besuch des Diktators. Dieser ließ in seiner Heimat Oppositionelle foltern und unternahm zudem nichts gegen die Verarmung der persischen Bevölkerung. Es wurde aber auch gegen die finanzielle und materielle Unterstützung protestiert, die der Schah vor allem von den USA und der Bundesrepublik erhielt. Während dieser Demonstration wurde der 26-jährige Student Benno Ohnesorg getötet. Bis dahin waren die Demonstrationen noch wenig radikal gewesen. Das änderte sich ab diesem Abend schlagartig: Die Protestaktionen wurden radikaler.
Mit dem Attentat auf Rudi Dutschke, der Galionsfigur der deutschen Studentenbewegung, im April 1968, gab es für die Proteste kein Halten mehr. Es entwickelte sich eine Studentenrevolte, welche sich in fast allen deutschen Universitätsstädten ausbreitete.
Insgesamt waren die Studentenbewegungen aber auch das Ventil eines großen Konflikt der Generationen. Die jüngere Generation warf ihren Eltern die Verbrechen im Dritten Reich vor, fragten nach deren Vergangenheit und ihren Taten. Die ältere Generation wollte einfach nur vergessen, während die jüngere Generation immer wieder den Finger in die noch offene Wunde legte.

„»Das Nazi-Regime mit seiner Rassenideologie ist erst seit einem guten Vierteljahrhundert beendet«, sagte Ella. »Das ist gerade mal eine Generation. So schnell funktioniert Umdenken leider nicht, nicht von Grund auf. (…)«

[Seite 307]


Ein weiteres gesellschaftliches und politisches Thema ist das sogenannte ‚Nichtehelichengesetz‘. Dieses Gesetz über die rechtliche Stellung der nichtehelichen Kinder trat am 01. Juli 1970 in Kraft und sollte die Ungleichheiten zwischen ehelichen und unehelichen Kindern beseitigen. Bis in Krafttreten dieses Gesetztes galt die seit 1900 gültige Regelung des BGB, wonach ein uneheliches Kind und dessen Vater als nicht verwandt galten. Auch wenn die die Verabschiedung dieses Gesetzes in dieser Dilogie nicht vorkommt , wird der große Wunsch nach einer Änderung des Gesetzes durch einige der Figuren deutlich.
All diese geschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Themen und Hintergründe stellt Teresa Simon sehr authentisch und nachvollziehbar mit ihren vielfältigen Figuren da. Sie verwebt deren Lebensgeschichten mit der großen Politik und dem Weltgeschehen dieser Zeit.
Wie auch schon beim ersten Band, empfinde ich es als sehr bemerkenswert und herausragend dass es nicht nur um Politik und das große Weltgeschichte geht, sondern es sich viel um die Kultur (Musik, Sänger/ Sängerinnen, Filme und Schauspieler/ Schauspielerinnen) dieser Zeit dreht. Damit kam mir das Lebensgefühl dieser besonderen Zeit sehr nahe.
Auch die spannenden Einblicke in die Arbeit in einer Zeitungsredaktion finde ich sehr gelungen, vor allem, wie Interviews geführt werden. Deutlich wird gezeigt, dass die Hauptfigur Marie eben nicht nur auf Effekthascherei aus ist, sondern die Menschen hinter den Prominenten sieht und es mit Leichtigkeit und ihrem untrüglichen Spürsinn schafft, Zugang zu diesen Menschen und ihren spannenden Geschichten zu erhalten.
Mit ihrem immensen Wissen, ihrer akribischen Recherche und ihren liebevoll gezeichneten Figuren hat Teresa Simon ein wunderbares und unvergessliches Reihen-Finale geschrieben – vielen Dank für dieses tolle und mitreißende Leseerlebnis.

„»Die Liebe kommt, wann sie will, und wenn man nicht aufpasst, fliegt sie auch wieder davon, wann sie will. Für mich ist Liebe ein Geheimnis, abgesehen vom Tod vielleicht das größte von allen …«

[Seite 117]

Fazit: Mit diesem zweiten und abschließenden Band ihrer äußerst interessanten Dilogie hat Teresa Simon sich noch einmal selbst übertroffen. Ein Roman, welcher seine Leser und Leserinnen mit unterschiedlichsten Emotionen und viel Zeitkolorit ab der ersten Seite in die wilden 1960er Jahre mitnimmt. Sehr lesenswert! Aber Vorsicht: Einmal angefangen, möchte man das Buch nicht mehr zur Seite legen.

* Ich habe für diese Rezension von der Autorin und vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Bereitstellung eines kostenlosen Rezensionsexemplars durch den Verlag, der Titelbezeichnung/ Namensnennung und der Link zur Verlagshomepage muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Gut Erlensee – Marillas Schicksal“

von Juliana Weinberg

[Werbung*]

Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 25. Juli 2023
Verlag: HarperCollins
Ausgaben: ebook & Taschenbuch
ISBN: 978-3-365-00061-8
Seitenanzahl: 400 Seiten
Preis: 8,99€ (eBook), 12,00€ (Taschenbuch)
Reihe: „Gut Erlensee/03“

Homepage:
https://www.harpercollins.de/products/gut-erlensee-marillas-schicksal-9783365000618

Klappentext:
„Juli 1924 bei Kiel. Marillas Welt liegt in Scherben. Als ihre große Liebe sie verlassen hat, hat die junge Frau auch ihren Lebensmut verloren. Am liebsten würde Marilla gar nicht mehr vor die Tür gehen, doch das lassen ihre Schwestern nicht zu. Marillas Hilfe wird auf dem Gut der Familie gebraucht. Sie beugt sich dem Druck der Familie und muss schon bald feststellen, dass ihr die frische Luft, die Nähe zu den Pferden und die Natur guttun. Besonders der nebenan lebende Leonhard ist ihr eine Stütze in dieser Zeit. Aber gerade als Marilla wieder Vertrauen in das Schicksal fasst, ereilt sie eine unheilvolle Nachricht …“

Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise von der Autorin als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.
– Hier findet ihr meine ausführliche Rezension zum ersten Band „Gut Erlensee – Margaretas Traum“ und zum zweiten Band 
„Gut Erlensee – Cäcilias Erbe“.

Das Buch „Gut Erlensee – Marillas Schicksal“ von Juliana Weinberg ist der dritte und abschließende Teil einer Buchreihe, welche in den frühen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg angesiedelt ist. Dieser Teil spielt 1923/ 1924 und beschreibt das Leben von Marilla, der mittleren Tochter der Familie Lamprecht, welche nach einem Schicksalsschlag wieder zurück ins Leben finden muss.

„Aber Emilie zuliebe musste sich sich zusammenreißen, musste ihrer Tochter ein halbwegs normales Leben ermöglichen, auch wenn ihre eigene Welt wie eine zerbrechliche Glaskugel zu tausend Splittern geborsten war, die sich nie wieder zusammenfügen ließen.“

[Seite 13]

Nach einem furchtbaren Verkehrsunfall ist im Leben von Marilla nichts mehr, wie es einmal war: Ihr Ehemann Eduard ist tot und sie lebt zusammen mit ihrer Tochter Emilie auf dem Gut ihrer Eltern am Erlensee. Wochen vergehen, bis Marilla sich dazu aufraffen kann, an die frische Luft zu gehen und auch andere Menschen in ihrem Leben zuzulassen. Sie trifft auf den Grafensohn Leonhard, welcher mit seinen Eltern am gegenüberliegenden Ufer des Sees lebt. Die Beiden fühlen sich schnell zueinander hingezogen und geben sich gegenseitig Halt und Mut. Doch ihre Verbindung sieht nicht jeder gerne.
Gerade als Marilla und Leonhard eine gemeinsame Zukunft planen und sich die dunklen Wolken etwas lichten, zeigt sich am Horizont ein erneutes Unwetter: Die Familie erhält eine Nachricht, welches alles verändern kann.

Nach den beiden Roman-Biographien „Audrey Hepburn und der Glanz der Sterne“ und
„Josephine Baker und der Tanz des Lebens“ gehört Juliana Weinberg zu meinen Lieblingsautorinnen. Ich mag ihren bildhaften, aber auch ruhigen und aufgeregten Schreibstil sehr gerne und auch ihre vielfältigen Geschichten wissen mich immer zu begeistern.
Als sie in den sozialen Medien ihre neue Trilogie „Gut Erlensee“ ankündigte, war mein Interesse sofort geweckt. Ich mag Buchreihen, die im 20. Jahrhundert spielen und zeigen, wie schwer der Weg der Frauen damals in Richtung Gleichberechtigung war.
Mit großer Begeisterung habe ich den Auftakt „Gut Erlensee – Margaretas Traum“ gelesen und auch der zweite Band „Gut Erlensee – Cäcilias Erbe“ konnte mich begeistern.
Diesen dritten Teil erhielt ich, wie auch den zweiten Band, freundlicherweise direkt von der Autorin als signiertes Rezensionsexemplar, wofür ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte. Auch für den stets freundlichen Kontakt in den Sozialen Medien möchte ich meinen großen Dank ausdrücken.

Der dritte Band passt optisch wunderbar zu den ersten beiden Bänden der Geschichte – damit hat die Reihe einen sehr gelungenen Wiedererkennungswert. Während der erste Band von außen in Türkis gehalten ist, erstrahlt der zweite Band in beige, der dritte Band besticht mit einem warmen rötlichen Ton.
Über dem in weiß geschriebenen Haupttitel „Gut Erlensee“, welcher mit einem Foto eines Guts hinterlegt ist und sehr dominant wirkt, steht ebenfalls in weißer Schrift der Name der Autorin. Unter dem Haupttitel befindet sich der Untertitel „Marillas Schicksal“ – dieser ist in roter Schrift gehalten.

Auf allen drei Covern nimmt der See eine zentrale Rolle ein. Während er auf den ersten beiden Bänden still und idyllisch da liegt, versinkt er bei diesem Cover in einem Meer aus Nebel und Wolken. Vor dem See steht leicht mittig eine Frau mit dem Rücken zum Betrachter auf einem schmalen Weg inmitten einer hochgewachsenen Wiese. Sie trägt ein langärmliges orangefarbenes Kleid, ihre blonden Haare sind am Hinterkopf zu einem leichten Knoten gebunden.

Das Foto des Guts, welches den Haupttitel hinterlegt, findet sich noch einmal auf der Rückseite des Buches, unterhalb des Klappentexts.
Es handelt sich, wie auch bei den ersten beiden Teilen um ein einfaches Taschenbuch mit genau 400 Seiten. Am Anfang des Buches befindet sich der Stammbaum der Familie Lamprecht – an diesen schließt sich der erzählende Teil des Buches an. Das erste Kapitel beginnt im Dezember 1923 – also etwa vier Monate nach Ende des zweiten Bandes. Durch diesen kurzen zeitlichen Abstand war ich wieder schnell in der Geschichte angekommen und fand mich direkt wieder zurecht.
Insgesamt beinhaltet das Buch 29 Kapitel und einen Epilog, welcher im Oktober 1924 endet. Somit umfasst die gesamte und chronologisch erzählte Handlung des Buches etwa 10 Monate.
Nach meiner Meinung lässt sich jeder Teil der Buchreihe eigenständig lesen, allerdings empfehle ich trotzdem, diese Buchreihe komplett und der Reihe nach zu lesen, da man dann Geschehnisse und Hintergründe besser ein- und zuordnen kann und vor allem die Entwicklung der einzelnen Figuren sieht und die zwischenmenschlichen Konflikte besser versteht. Und von diesen Konflikten gibt es so einige.

»Niemand versteht, dass einem die Kraft fehlt, mit anderen zu plaudern, dass einem die Belanglosigkeiten, mit denen andere beschäftigt sind, nicht im Geringsten interessieren.«

[Seite 34]

In diesem Band steht die titelgebende Marilla im Mittelpunkt der Geschichte. Sie ist die mittlere der drei Töchter der Familie Lamprecht und wusste schon immer genau, was sie will. Gegen den Willen ihrer Eltern heiratete sie ihren ehemaligen Musiklehrer Eduard, mit dem sie ihre Tochter Emilie bekam und nach Hamburg gezogen ist, wo sie sich ein gemeinsames Leben aufgebaut haben. Doch das Schicksal schlug erbarmungslos zu und nahm Marilla den Mann und damit ihre gesamte Zukunft. Nun lebt sie wieder auf dem elterlichen Gutshof und muss damit klarkommen, dass sich ihre Eltern, vor allem ihre Mutter, wieder in ihr Leben einmischen.
Marilla ist zu Beginn des Buches eine gebrochene Frau, welche jeglichen Lebensmut verloren hat. Sie weiß nicht, wie es mit ihr und ihrer kleinen Tochter weiter gehen soll und gibt sich ganz ihrer Trauer hin. Doch durch die Bekanntschaft mit dem sympathischen und empathischen Leonhard findet sie einen Ausweg aus der Trauer und lernt allmählich mit dem Verlust umzugehen.
Auch wenn Marillas Art nicht immer freundlich ist und sie in ihrer Trauer auch einigen ihrer Mitmenschen ordentlich vor den Kopf stößt, mochte ich sie sehr gerne. Während sie in den ersten beiden Teilen etwas überheblich wirkte, wird in diesem Band ihre tief verletzte Seite gezeigt.
Ich empfand Marillas Entwicklung sehr gelungen und auch, dass sie auch hin und wieder Fehler und Fehlentscheidungen begeht, macht sie zu einem sehr authentischen Charakter, welcher mir, zusammen mit ihrer hinreißenden Tochter Emilie, auf jeden Fall im Gedächtnis bleiben wird.
Neben ihr steht der Grafensohn Leonhard, welcher auch bereits aus den vorherigen Bänden bekannt ist. Auch er hat eine immense Entwicklung durchlaufen und wird hier schnell zu einem großen Sympathieträger, welcher Marilla viel Halt und auch Geborgenheit gibt.
Marillas Schwestern Margareta, Cäcilia und Carla rücken mit ihren Geschichten etwas in den Hintergrund, bilden aber zusammen mit ihrer famosen und unverwechselbaren Großmutter Ilsegard Lamprecht für Marilla den Fels in der Brandung. Diese Frauen halten auch in schwierigen Zeiten immer zusammen und sie alle verbindet ein inniges Band der Vertrautheit. 

„Die Arbeit in der Brennerei war ganz anders als alles, was sie bisher in ihrem Leben verrichtet hatte, aber sie war es gewöhnt, dass die Lamprecht-Frauen in Krisenzeiten zusammenhielten und tatkräftig mitanpackten.“

[Seite 146]

Während Margareta und Cäcilia ihren Platz im Leben gefunden haben, muss Carla als die Jüngste im Bunde noch ihren Platz erkämpfen. Sie zieht sich von ihrer Familie mehr und mehr zurück und versucht ihr ganz eigenes Leben zu leben. Carla ist ein sehr interessanter und vielschichtiger Charakter und ihre weitere Geschichte wäre eigentlich noch einen vierten Band wert.
Großmutter Ilsegard Lamprecht ist auch in diesem Band wieder sehr präsent. Sie hält sich selten mit ihren Ansichten und Meinungen zurück, legt sich gerne auch mit ihrer Schwiegertochter Adelheid an, welche im Gegensatz zu ihr in der Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

»Bei euch ist es immer so unterhaltsam. Dieser subtile Kleinkrieg zwischen deiner Mutter und deiner Großmutter, einfach köstlich. Deine Großmutter ist so jugendlich und modern eingestellt, während deine Mutter am alten Zopf hängt, das ist zum Schießen.«

[Seite 274]

Adelheid ist eine der wenigen Charaktere, welche sich über die gesamten drei Bände hinweg nicht verändert und weiterentwickelt. Ihr Auftreten gegenüber ihrer jüngsten Tochter Carla und deren Erziehung lässt ihre Sympathie nicht gerade steigen, ihre spitzen Bemerkungen und Ansichten gingen mir stellenweise so auf die Nerven. Adelheid ist, wie auch ihr Ehemann Hermann, in der Zeit stehen geblieben. Den Beiden ist gesellschaftliches Ansehen extrem wichtig und sie möchten für ihre Kinder nur die besten Verbindungen. Auch wenn Hermann sich im Gegensatz zu seiner Frau im zweiten Band etwas positiv weiterentwickelt hat, setzt Adelheid ihre wenig sympathische Gesinnung weiter fort. Auch in diesem Teil hätte ich sie gerne das ein oder andere Mal kräftig geschüttelt, so ungerecht empfand ich ihr Verhalten – vor allem gegenüber Carla.
Neben Adelheid gibt es noch eine weitere Figur, welche mich mit ihrem Verhalten regelrecht abgestoßen hat und, ähnlich wie Adelheid, einer anderen Zeit entsprungen ist und noch nicht in die moderne Gesellschaft nach Ende der Kaiserzeit hineingefunden hat. Aber auch solche unliebsamen Charaktere, die einen entsetzen, muss es meiner Meinung nach in Büchern geben.
Die dramatische Geschichte von Gregor Lamprecht konnte mich schon im ersten und zweiten Band mitreißen. Er ist der einzige Sohn von Hermann und Adelheid und hat, zusammen mit seinem Geschäftspartner und Freund Benno, seinen Lebenstraum eines eigenen Gestüts verwirklicht. Es könnte alles perfekt und er so glücklich sein. Als jedoch sein großes Geheimnis ans Licht kommt, erfährt er von seinen Eltern alles andere als Rückendeckung. Ich spürte seine große Verzweiflung und Traurigkeit – aber auch seine immensen Ängste.

„Sie wusste, wie unerträglich es für Gregor war, in der Luft zu hängen, ohne zu wissen, wann er vor Gericht erscheinen musste, um seine Strafe entgegenzunehmen. Strafe wofür? Dafür, dass er jemanden liebte, so wie sie Eduard geliebt hatte (…)“

[Seite 185]


Hier kommt dann eine Figur hinzu, welche sehr viel Bewegung, aber auch Wärme in die Geschichte bringt. Die Arzt-Nichte Konstanze fegt wie ein frischer Wind durch die Geschichte. Ich möchte nicht näher auf diesen interessanten Charakter eingehen, da ich sonst zu viel von der Geschichte vorweg nehme.
Auch wenn einige Figuren nicht mit Sympathien glänzen, konnten mich aber alle Charaktere in ihrer Gesamtheit sehr begeistern, da sie sehr facettenreich und ambivalent beschrieben sind und zusammen ein gutes und authentisches Bild der Gesellschaft abgeben.


Es war eine Gesellschaft, welche noch immer unter den Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges (1914 – 1918) litt und von starken Gegensätzen und auch einem Gefühl des Aufbruchs geprägt war.
In den Großstädten der Weimarer Republik pulsierte das Leben, die ‚Goldenen Zwanziger‘ waren im vollen Gange – die Menschen wollten den Krieg und die Hyperinflation im Jahre 1923 vergessen.
Von Beginn an stand die Weimarer Republik auf wackligen Füßen und verlor schon früh das Vertrauen der Menschen. Durch die Zuweisung der Alleinschuld am Ersten Weltkrieg und die daraus resultierenden hohen Reparationszahlungen, sowie die Arbeitslosigkeit nahmen den Menschen den Glauben an die Demokratie. Am Horizont bildeten sich zu dieser Zeit bereits die ersten dunklen Wolken, als die Nationalsozialisten mehr und mehr in der Politik auftauchten. Nach dem missglückten Putschversuch am 09. November 1923 wurde die NSDAP verboten und Adolf Hitler erhielt im Hochverratsprozess im Februar 1924 fünf Jahre Festungshaft.
Auch das Streben nach Gleichberechtigung spaltete die Gesellschaft. Die Verfassung der Weimarer Republik stellte Frauen dem Gesetz nach gleich, worauf Frauen zum Beispiel wählen durften. Viele Frauen zog es ins Studium, doch noch immer mussten vielen Frauen mit dem Argwohn der Bevölkerung und der männlichen Studenten kämpfen, welche diese Frauen gerne als „Blaustrümpfe“ bezeichnete – also Frauen, welche für ihre geistige Bildung und Arbeit ihre vermeintlich typische Aufgaben vernachlässigten. Vor allem die ältere Generationen, welche im Kaiserreich groß wurden, hatten mit diesen freiheitsliebenden jüngeren Frauen ihre Probleme und fanden schwer in die offenere und moderne Gesellschaft hinein.

»Ich finde, man sollte Frauen überhaupt nichts vorschreiben, sondern jede von uns frei entscheiden lassen, wie sie ihr Leben gestalten möchte. Sicherlich macht es die Mehrheit auch heute noch glücklich, sich darauf zu konzentrieren, eine Familie zu versorgen. Allerdings sollte man auch jenen Frauen, die anderes anstreben, die Türen dazu weit öffnen. Leider ist die Gesellschaft noch nicht so weit.«

[Seite 113]


Ein weiteres gesellschaftliches Thema ist der §175 des deutschen Strafgesetzbuches, welcher vom 1. Januar 1872 (Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbuches) bis zum 11. Juni 1994 existierte. Dieser Paragraf stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe und ermöglichte somit die Verfolgung Homosexueller. In den zwanziger Jahren gab es mehrere Vorschläge zur Reform des Paragrafen 175. Vor allem linke Parteien drängten auf seine Abschaffung, konnten sich aber nicht durchsetzen. Die von der Zentrumspartei geführte Mitte-rechts-Regierung strebte hingegen eine Verschärfung des Strafrechts an.
Während es im Jahr 1919 noch 89 Verurteilungen gab, waren es 1924 bereits 696 verurteilte Männer.
Dieses Thema erzählt Juliana Weinberg mit der ergreifenden Geschichte von Georg und seinem Geschäftspartner Benno.

» (…) Vielleicht ist das meine Art der stillen Revolte gegen das System. Gesetze, die Gefühle unter Strafen stellen, sind selbst Verbrechen.«

[Seite 352]

All diese gesellschaftlichen und geschichtlichen Hintergründe hat Juliana Weinberg akribisch recherchiert und in ihrer Romanreihe einen Platz gegeben und stellt diese mit ihren facettenreichen Charakteren und deren Lebensgeschichten sehr greif- und fühlbar da.

Wie in den ersten beiden Teilen konnte mich der ruhige, aber doch auch äußerst bildhafte Schreibstil der Autorin wieder sehr schnell in die Geschichte mitnehmen. Ich nahm das Buch immer wieder gerne in die Hände und freute mich sehr auf das weiterlesen.
Jeder Band dieser Buchreihe hat mich überzeugt und abgeholt. Dieser dritte und abschließende Band hat nochmal eine ganz eigene und sehr emotionale Grundstimmung. Eine Gänsehaut jagte die nächste, die Tränen standen mir in den Augen und ich wollte Marilla oft einfach nur ganz fest in den Arm nehmen.
Was ich zudem noch sehr beeindruckend fand, ist wie Juliana Weinberg das Wetter und die Jahreszeiten mit der Gefühlswelt von Marilla in Verbindung setzt. Als das Buch beginnt, herrscht tiefster Winter mit Nebel und Schnee. Auch in Marilla herrschen Dunkelheit und Tristesse, welche sich erst mit dem Frühjahr und der Beziehung zu Leonhard beginnen, sich etwas zu lösen. Marilla blüht auf – wie die Blumen durch die Frühlingssonne. Bedrohliche Gewitter finden nicht nur am Himmel statt, sondern auch in Marillas Leben.
Doch auch der Erlensee ist sehr präsent: Neben dem Gut der Familie ist dieser der Rückzugsort und die Konstante einzelnen Familienmitglieder. Auch wenn sich die Welt verändert, bleibt der See unveränderlich an Ort und Stelle.

„Die Gemeinschaft mit ihren Schwestern, Mutter und Großmutter war wider Erwarten wie ein kleines Trostpflaster; in schwierigen Zeiten hielten die Lamprechts zusammen, das war schon immer so gewesen und würde immer so sein, komme was da wolle.“

[Seite 305]


Nun heißt schweren Herzens Abschied zu nehmen.
Ich bin sehr dankbar, dass ich über drei Bände hinweg ein Teil dieser turbulenten Familie sein durfte, welche ich sehr liebgewonnen habe, auch wenn mich die ein oder andere Figur mit ihren Ansichten und Aussagen genervt hat. Vermissen werde ich sie alle.
Danke liebe Juliana Weinberg für dieses großartige, lehrreiche und unvergessliche Lese-Erlebnis.

Fazit: Voller verschiedener und breitgefächerten Emotionen bildet dieser Band einen gelungenen und wunderbaren Abschluss einer Buchreihe, die mich ab dem ersten Band mit jeder Figur und jeder Geschichte überzeugt hat. Absolut lesenswert und eine ganz große Empfehlung.

*Ich habe für diese Rezension vom Verlag oder von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Die Bodensee-Saga – Töchter eines neuen Morgens“

von Maria Nikolai

[Werbung*]

Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 01. August 2023 eBook, 30. August 2023 Taschenbuch
Verlag: Penguin
Ausgaben: ebook & Taschenbuch
ISBN: 978-3328107613
Seitenanzahl: 608 Seiten
Preis: 12,00€
Reihe: „Die Bodensee-Saga/03“

Homepage:
https://www.penguin.de/Taschenbuch/Toechter-eines-neuen-Morgens/Maria-Nikolai/Penguin/e586522.rhd (Homepage Verlag)
https://www.marianikolai.de/#bodenseesaga-1
(Homepage Autorin)

Klappentext:
„München und Meersburg 1927: Schon seit ihrer Kindheit am idyllischen Bodensee weiß Katharina, dass ihr Herz der Medizin gehört. Nachdem sie den ersehnten Studienplatz in München erhalten hat, widmet sie sich mit besonderer Hingabe der Frauenheilkunde. Doch als Frau hat sie es an der Universität nicht leicht und muss gegen die konservativen Widerstände und unerbittlichen Moralvorstellungen ihrer Zeit kämpfen. Bei ihrer Arbeit lernt Katharina den charmanten Arzt Thomas von Bogen kennen, der neben seiner angesehenen Privatpraxis auch eine Praxis für mittellose Patienten führt, und die beiden kommen sich näher. Als Katharina fälschlicherweise einer Straftat beschuldigt wird, hängt nicht nur ihre berufliche Zukunft am seidenen Faden, sondern auch ihre Liebe zu Thomas.“

Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Penguin Verlag als Rezensionsexemplar (eBook) zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.
– Hier findet ihr meine ausführliche Rezension zum ersten Band „Die Bodensee-Saga – Töchter der Hoffnung“ und zum zweiten Band „Die Bodensee-Saga – Töchter des Glücks“.

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Das Buch „Töchter eines neuen Morgens“ von Maria Nikolai ist der dritte und abschließende Band der Reihe „Die Bodensee-Saga“, welcher im von 1927 bis August 1928 zum größten Teil in München spielt und zeigt, wie Katharina während ihres Medizinstudiums gegen konservative Widerstände und eine bittere Intrige kämpft.

„» … Man verbietet uns den Mund, ich erlebe es täglich. Und warum? Weil es die Gleichstellung der Geschlechter nur auf dem Papier gibt. Wir dürfen wählen. Immerhin. Aber sonst? Uns gehört nichts. Nicht unser Vermögen, nicht unsere Kinder, nicht unser Körper, nicht unsere Zukunft. Alles wird von Männern beherrscht.«“

[Kapitel 54]

München im Oktober 1927, Katharina könnte nicht glücklicher sein: Sie studiert in der pulsierenden Stadt Medizin, ihre Leidenschaft ist die Frauenheilkunde. Sie erhält von ihrem Professor immer wieder Anerkennung für ihr Wissen und ihre Auffassungsgabe – damit zieht sie den Neid und den Missmut eines männlichen Kommilitonen auf sich. Doch auch in der Gesellschaft sieht man studierende Frauen nicht gerne und Katharina muss gegen die rückständigen Wertemaßstäbe ihrer Zeit kämpfen.
In ihrem aufregenden Leben hat ein Mann keinen Platz, doch dann lernt sie den Arzt Thomas von Bogen kennen, welcher sie bittet, in seiner Armenpraxis mitzuarbeiten. Die Beiden kommen sich näher, doch dann ist Katharina einer Intrige ausgesetzt, welche ihre gesamte berufliche Zukunft und die Liebe zu Thomas gefährdet.

Seit ihrem Buch „Die Schokoladenvilla“, welches im Jahr 2018 erschienen ist, begleitet mich Maria Nikolai mit ihren wundervollen und zauberhaften Buchreihen. Nach „Die Schokoladen-Villa – Goldene Jahre“ (2019) und „Die Schokoladen-Villa – Zeit des Schicksals“ (2020) erschien 2021 der Auftakt ihrer ‚Bodensee-Saga‘: „Töchter der Hoffnung“. Dieser und auch der zweite Band „Töchter des Glücks“ (2022), konnten mich voll und ganz begeistern und bestens unterhalten. Die Bodensee-Region übt auf mich schon immer einen ganz besonderen Reiz aus und ich verbrachte dort schon einige unvergessliche Urlaube.
Mit großer Vorfreude und auch einem Stück Ungeduld fieberte ich dem finalen Band „Töchter eines neuen Morgens“ entgegen und freute mich sehr, als ich diesen als Rezensionsexemplar (eBook) vom Penguin Verlag zugesendet bekommen habe. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an den Verlag und an Maria Nikolai.

Das Cover des dritten Bandes passt hervorragend zu den vorherigen zwei Bänden:
Es zeigt eine junge Frau, bekleidet mit einem hellblauen gemusterten Rock und einer weißen Bluse. Über ihre Unterarme hat sie ein oranges Tuch geschlungen, zudem trägt sie eine braune Tasche, welche an eine Arzttasche erinnert. Sie steht am linken Bildrand und mit dem Rücken zum Betrachter, ihr Blick geht über einen See, hin zu einem herrschaftlichen Gebäude, welches sich hinter dem See erhebt. Der See und auch das Gebäude sind bereits bekannte Elemente von den Covern des ersten und zweiten Bandes.

Während das Cover des ersten Bandes sehr frühlings- und sommerhaft daher kommt, zeigt das Cover des zweiten Bandes den See als Winterlandschaft. Der dritte Band wirkt von den Farben der Bäume im Hintergrund und auch durch die Kleidung der jungen Frau sehr herbstlich.
Die in geprägter und goldfarbener Schrift aufgetragenen Titel und der darüber stehende Name der Autorin sorgen für einen gelungenen Wiedererkennungswert der Buchreihe.
Da ich das Buch als eBook gelesen habe, kann ich an dieser Stelle nicht die Ausstattung des Taschenbuchs beschreiben. Diese Beschreibungen füge ich nachträglich ein, sobald das Taschenbuch bei mir eingezogen ist.

Der erzählende Teil des Buches gliedert sich in 62 Kapitel und in diese vier Teile auf:

  • „Teil 1: Hohe Erwartungen“
  • „Teil 2: Verhängnisvoller Mut“
  • „Teil 3: Gebrochene Flügel“
  • „Teil 4: Ein neuer Morgen“

Nach einem Zitat von Rainer Maria Rilke beginnt die Handlung mit einem Prolog, welcher in Meersburg im April 1911 spielt. Durch diesen sehr rührenden Prolog, bei dem mir direkt die Tränen in den Augen standen, lernt der Leser/ die Leserin Katharina als junges Mädchen kennen und es wird klar, dass sie dafür geboren wurde, anderen Lebewesen zu helfen. Das erste Kapitel setzt dann 16 Jahre nach dem Prolog, also im Oktober 1927 an. Aus Katharina und ihren beiden Schwestern sind junge Frauen geworden, welche ihren Platz im Leben gefunden haben.
Das 62. und damit letzte Kapitel spielt im August 1928, somit umfasst die gesamte Handlung des Buches (ohne Prolog und Epilog) etwas weniger als ein Jahr. Der Epilog fasst dann einige der Ereignisse, welche nach Ende der Handlung passieren, kurz und bündig zusammen.
Dem erzählenden Teil folgt der Anhang: Hier findet sich das ausführliche Personenverzeichnis, die historischen Romanhintergründe, das Glossar und der Dank der Autorin. Vor allem die ausführlich aufbereitenden historischen Romanhintergründe fand ich sehr interessant.
Die Handlung des Buches setzt etwa sieben Jahre nach dem Ende des zweiten Bandes an. Trotz dieses Zeitsprungs fand ich mich schnell wieder in der Geschichte zurecht und konnte auch den vielen Figuren wieder gut folgen. Meiner Meinung nach ist es nicht unbedingt erforderlich, dass man die ersten beiden Bände vorher gelesen hat. Allerdings empfehle ich trotzdem, dass man diese gelesen hat, da man die Begebenheiten, die Figuren und ihr Verhalten/ ihre Entwicklung besser zuordnen und verstehen kann.

„Aber Hilfe zu suchen und anzunehmen war Katharina schon immer schwergefallen. Sie regelte die Dinge lieber selbst.“

[Kapitel 41]

Der Blick in das Personenregister zeigt, dass auch in diesem Band wieder einige Figuren mitspielen. Viele von ihnen sind aus dem ersten und zweiten Band bekannt, es kommen aber auch einige neue Figuren hinzu. Neben den fiktiven Figuren haben auch einige historische Persönlichkeiten den Weg in die Geschichte gefunden.
Im Mittelpunkt der Handlung steht die 26 jährige Katharina. Sie ist die jüngste der drei Lindner-Schwestern und ihre große Leidenschaft ist die Medizin – für sie gibt es nichts Schöneres, als anderen zu helfen. Doch so gerne sie anderen Menschen hilft, umso schwerer fällt es ihr Hilfe anzunehmen.
Katharina besitzt einen sehr sanftmütigen und ruhigen, aber auch entschlossenen und starken Charakter. Sie erkennt Unrecht und versucht gegen dieses vorzugehen, dabei verliert sie aber niemals ihr Ziel aus den Augen: Sie möchte Ärztin werden. Eine Beziehung mit einem Mann, eine eigene Familie und Kinder haben in ihren Plänen keinen Platz. Mit dem bedingungslosen Rückhalt ihrer Familie in Meersburg und ihren Freundinnen Lola, Zara und Eva, findet sie sich schnell in München und in ihrem Studium ein. Neben ihren Freundinnen, welche alle künstlerisch aktiv sind und auch das Nachtleben von München genießen, wirkt Katharina oft sehr diszipliniert und streng mit sich selbst. Katharina ist eine Figur, die ich schon in den ersten beiden Bänden sehr gerne mochte. Ihre Entwicklung von einem jungen Mädchen zu einer erwachsenen Frau ist sehr authentisch dargestellt und ihre mitreißende Geschichte wird mir mit Sicherheit noch lange im Gedächtnis bleiben.
Katharinas Schwestern Helena und Lily und deren Familien, ihr Vater Gustav spielen etwas am Rande der Geschichte mit und trotzdem sind diese liebgewonnen Figuren in der Geschichte sehr gegenwärtig und immer für Katharina da.
Auch meine Lieblingsfigur Pater Fidelis ist wieder ein Teil dieser Geschichte. Wie schon in den ersten beiden Teilen bringt er mit seiner lockeren Art und seinen Sprüchen viel Leichtigkeit, aber auch Tiefgründigkeit – vor allem aber Wärme in die Geschichte.
Zu den bereits bekannten Figuren kommt unter anderen Thomas von Bogen neu hinzu. Von Beginn umweht ihn etwas geheimnisvolles – dadurch wirkt er sehr undurchsichtig. Er hat das Herz am richtigen Fleck und kümmert sich in zwei Praxen um die gesundheitlichen Belange der Menschen: In einer Privatpraxis für die reichen Menschen und in einer Armenpraxis. Die Liebesgeschichte zwischen Katharina und Thomas darf sich langsam entwickeln, damit wurde dieser genügend Zeit und Raum gegeben, sich zu entfalten und kommt dadurch sehr authentisch rüber, ohne kitschig zu wirken.
Ich möchte noch kurz auf eine weitere Figur eingehen, welche mir mit ihrer hilfsbereiten und herzensguten Art und ihrem fortschrittlichen Denken sehr positiv im Gedächtnis bleiben wird: Rosina Gruber. Sie ist eine vermögende Witwe und die Zimmerwirtin von Eva und Zara. Ein ganz wunderbarer und unvergesslicher Charakter.
Auch die vielen weiteren fiktiven Figuren konnten mich mit ihren unterschiedlichen Lebensgeschichten sehr begeistern. Sie alle haben ihre Gründe, wie und warum sie zu den Menschen geworden sind, die sie sind – auch die weniger sympathischen Charaktere unter ihnen.
Neben diesen fiktiven Figuren hat Maria Nikolai auch einige historische Figuren in ihre Geschichte eingebaut. Gekonnt verbindet sie diese mit ihren fiktiven Figuren und deren Schicksalen. All diese fiktiven und historischen Figuren haben ihre Ecken und Kanten, agieren mitunter unvorhergesehen und wirken sie sehr authentisch und auf keiner Seite überzeichnet. Zudem waren die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen zwischen einigen der Figuren stets fassbar, vor allem aber fühl- und spürbar.
Zusammen geben all diese Figuren ein gutes und stimmiges Bild der Gesellschaft der 1920er Jahre ab.

„Ein Jammer, wie vielen jungen Männern der Krieg die Zukunft gestohlen hatte. Eine ganze Generation war ausgedünnt. Diejenigen, die überlebt hatten, schleppten Wunden und Traumata mit sich und fanden nicht mehr zurück ins Leben.“

[Kapitel 16]

Es war eine Gesellschaft, welche noch immer vom Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) geprägt war, aber auch von heftigen Gegensätzen und Aufbruchstimmung:
Während ehemalige und versehrte Soldaten versuchten zurück ins Leben zu finden, pulsierte in den Großstädten der Weimarer Republik das Leben. Die ‚Goldenen Zwanziger‘ waren im vollen Gange – die Menschen wollten den Krieg und die Hyperinflation im Jahre 1923 vergessen. Doch die Weimarer Republik stand von Beginn auf wackligen Füßen und hatte schon früh das Vertrauen der Menschen verloren. Durch die Zuweisung der Alleinschuld am Ersten Weltkrieg und die daraus resultierenden hohen Reparationszahlungen, sowie die Arbeitslosigkeit und die bittere Armut in vielen Vierteln großer Städte nahmen den Menschen den Glauben an die Demokratie.

„»Frauen, die studieren, werden heute noch schief angesehen. Damals sprengten sie jede Vorstellung. Und auch für uns ist es fraglich, ob wir einmal in unserem Beruf werden arbeiten können. Oder als studierte Mutter und Hausfrau enden.«“

[Kapitel 12]

Gespalten wurde die Gesellschaft auch von den Gleichberechtigung-Bestrebungen der Frauen. Zwar stellte die Verfassung der Weimarer Republik Frauen und Männer dem Gesetz nach gleich – dennoch war die Zeit aus frauenhistorischer Sicht eher durch Kontinuitäten als durch Brüche und Neuanfänge gekennzeichnet. 
Zwar konnten viele Frauen einerseits ein freieres Leben führen, zum Beispiel Berufe ergreifen, lockere Kleidung tragen, wählen gehen und auch Freizeitaktivitäten nachgehen, vieles wurde aber noch immer unterdrückt. Wenn eine Frau heiratete, war sie ihrem Ehemann unterstellt. Bis 1958 konnte ein Ehemann über das Dienstverhältnis seiner Frau entscheiden – das heißt, es lag bei ihm, ob sie arbeiten durfte und wenn er seine Meinung ändern sollte, konnte er auch jederzeit das Arbeitsverhältnis seiner Frau kündigen. Auch das änderte sich erst mit dem Gleichberechtigungsgesetz von 1958. Aber: Noch bis 1977 durfte eine Frau in Westdeutschland nur dann berufstätig sein, wenn das “mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar” war. Aufgaben im Haushalt und in der Kindererziehung waren also klar der Frau zugeordnet.
In Bayern durften Frauen ab dem Jahr 1903 studieren – allerdings waren diese oft dem Unmut der männlichen Kommilitonen und Professoren ausgesetzt. Oft wurde Frauen ein Studium geistig nicht zugetraut. Doch die Zahlen der studierenden Frauen in Deutschland nahm kontinuierlich zu: Waren es im Jahr 1909 insgesamt 1.477 studierende Frauen, waren es im Jahr 1927 bereits 10.336 Frauen.
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Frauenstudium_im_deutschen_Sprachraum#Deutsches_Reich)

„»Diese ganze Thematik ist vielschichtig. (…) Das ist mir in den letzten Wochen klar geworden. Es geht um Pfründe, es geht um Macht, es geht um den Erhalt einer überkommenen Ordnung. In der Verfassung sind wir den Männern seit neunzehnneunzehn gleichgestellt, aber sonst? Man muss nur einmal das Familienrecht anschauen. Meine Schwester Lilly hat am eigenen Leib erlebt, was es heißt, dass der Mann vollkommene Verfügungsgewalt besitzt.«“

[Kapitel 12]


Eine weitere Thematik in „Die Bodensee-Saga – Töchter eines neuen Morgens“ sind die Schwangerschaftsabbrüche. Die Paragrafen 218 und 219 des Preußischen Reichsparagrafengesetzbuch von 1871 legte die Strafen für vorsätzliche Abtreibungen fest. Erst 1926 wurde der als Verbrechen geahndete Abbruch zu einem Vergehen abgemildert. Das hieß, dass die bis dahin geltende Zuchthausstrafe durch eine Gefängnisstrafe ersetzt wurde.
Noch heute tobt die Diskussion und der Kampf der Abtreibungsgegner und der Befürworter. Es ist ein sehr sensibles Thema, welches Maria Nikolai sehr behutsam darstellt und von verschiedenen Standpunkten aus beleuchtet, ohne dem Leser/ der Leserin in eine Richtung zu weisen.

„Hart war dagegen die Erkenntnis, welch festen Platz Abtreibungen in der Geburtenregelung einnahmen. Und dass gegen die Verzweiflung der Frauen kein Strafgesetzbuch ankam.“

[Kapitel 8]

All diese vielen gesellschaftlichen und historischen Hintergründe stellt Maria Nikolai anhand ihrer vielfältigen Figuren und deren Schicksalen und Handlungen sehr anschaulich da. So wird große Geschichte spür- und greifbar. Maria Nikolai hat diese Hintergründe sehr akribisch recherchiert und vermittelt diese mit viel Kenntnis und großer Leidenschaft. Durch die Zusammenstellung der historischen Romanhintergründe am Ende des Buches wird ersichtlich, was Maria Nikolai alles recherchiert hat.
Das Buch spielt zum größten Teil in München, dadurch rückt die Bodenseeregion und die Stadt Meersburg etwas in den Hintergrund. Für Katharina, deren gesamte Familie nach wie vor in Meersburg lebt, bedeutet der Bodensee aber auch immer Heimat und bietet ihr ein Stück Geborgenheit und einen Rückzugsort.

„Dann ging sie ins Wasser und überließ sich den Wellen. Nichts denken, nichts fühlen.
Nur sie und der See.“

[Kapitel 53]

Die Handlung des Buches, welche chronologisch erzählt wird, umspannt insgesamt etwas weniger als ein Jahr. Teilweise wurde es so spannend und dramatisch, dass ich den eBook-Reader nur noch ungern aus den Händen gelegt habe und die über 600 Seiten nur so dahin flogen. Es ist eine Geschichte, in der ich mich wohl gefühlt habe.
Auch der sehr gefühlvolle, emotionale und bildgewaltige Sprachstil der Autorin sorgten für pures Kopfkino und beste Unterhaltung und es kam auf keiner Seite Langeweile auf.

Mit diesem Band endet eine Buchreihe, welche mich seit zwei Jahren begleitet hat. Es schwingt natürlich auch Wehmut mit, die Tür hinter sich zu schließen und damit die Geschichte und die wundervollen Charaktere zurückzulassen, jedoch bin ich dankbar, dass ich diese Geschichte lesen durfte und die Figuren kennengelernt habe, welche für immer in meinem Leseherz bleiben werden. Ich bin gespannt, zu welchen neuen Abenteuern uns Maria Nikolai wieder mitnehmen wird.
Danke liebe Maria Nikolai für das erneute gefühlvolle, spannungsgeladene und vollkommene Lesevergnügen.
Beschließen möchte ich diese Rezension mit einem Zitat von Pater Fidelis:

„»So wollen wir alles, das was gewesen ist, als Erinnerung stehen lassen. Des Schöne, des Schlechte. Und das, was kommt mit Freude erwarten.«“

[Kapitel 15]

Fazit: Das Buch „Die Bodensee-Saga – Töchter eines neuen Morgens“ von Maria Nikolai ist der spannungsgeladene Abschluss einer wunderbaren Buchreihe, welche mit authentischen Charakteren, dem bildhaften Sprachstil und den vielen Emotionen sehr berührt und bewegt hat.
Es ist eine Geschichte, die ich eingeatmet habe und somit ist dieses Buch ein perfektes Leseerlebnis der Super-Klasse.

*Ich habe für diese Rezension vom Verlag oder von der Autorin keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Die Köchin – Alte Hoffnung, neue Wege“

von Petra Durst-Benning

[Werbung*]

Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 20. September 2023
Verlag: Blanvalet
Ausgaben: Hardcover
ISBN: 978-3-7645-0788-6
Seitenanzahl: 544 Seiten
Preis: 22,00€
Reihe: „Die Köchin 02/03“

Homepage:
https://www.penguin.de/Buch/Alte-Hoffnung-neue-Wege/Petra-Durst-Benning/Blanvalet/e593841.rhd

Klappentext:
„Südfrankreich 1888. Fabienne Durant glaubt an sich und ihren großen Traum. Schon bald will sie im eigenen Restaurant für anspruchsvolle Gäste kochen. Und so kämpft sie entschlossen um ihren Platz in der von Männern beherrschten Spitzengastronomie. In dem begabten Koch Noé findet sie einen wichtigen Mentor, der sie zu immer neuen Höchstleistungen anspornt. Doch obwohl sich alles zum Besten zu entwickeln scheint, kann Fabienne eins nicht vergessen: die Sehnsucht nach ihrem Sohn, der als Baby spurlos verschwand. Noch ahnt sie nicht, wie nah ihr das geliebte Kind ist – und welchen Preis das Schicksal von ihr für die Chance auf ein Wiedersehen fordern wird …

Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Blanvalet Verlag als vorzeitiges und persönliches Leseexemplar in unkorrigierter Fassung zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.
Hier findet ihr meine ausführliche Rezension zum ersten Band „Die Köchin – Lebe deinen Traum“.
– Solltet ihr den ersten Band noch nicht gelesen haben, wollt diesen aber lesen, dann diese Rezension bitte nicht lesen, da ihr euch sonst spoilern könntet.

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Das Buch „Die Köchin – Alte Hoffnung, neue Wege“ ist der zweite Band der Reihe um die junge Fabienne, welche im ausgehenden 19. Jahrhundert in Südfrankreich versucht, sich ihren Traum eines eigenen Restaurants zu verwirklichen und auch um ihr privates Glück kämpfen muss.

„»Mir macht die Arbeit einfach Spaß! Köchin in einem Restaurant zu sein war mein großer Traum, das weißt du ganz genau.«“

[Seite 183]

Narbonne in Südfrankreich im Januar 1888: Nach der Hochzeit mit Yves scheint Fabienne endlich auch ihr privates Glück gefunden zu haben. Die beiden richten sich ihr Leben ein und finden Arbeit in einem Restaurant. Während Yves im Service seine Erfüllung findet, muss Fabienne sich als Küchenmädchen den arroganten Köchen in der Restaurantküche stellen – eine Arbeit, welche sie immer unglücklicher macht und auch unterfordert. Durch einen Zufall entdeckt sie in einem anderen Restaurant, welches etwas weiter von ihrer Wohnung entfernt liegt, eine Stellenausschreibung, in der ein Koch gesucht wird. Fabienne nimmt allen ihren Mut zusammen und lässt sich auf einen Einstellungstest ein.
Der dortige Küchenchef Noé Sousa kommt ihr bekannt vor und schon bald steht Fabiennes Leben völlig auf dem Kopf. Für welchen Weg wird sich Fabienne entscheiden?

Petra Durst-Benning und ihre einzigartigen Bücher begleiten mich mittlerweile schon seit fast 15 Jahren und haben mich als Leserin in dieser Zeit sehr geprägt. Immer wieder schafft sie es, mich mit interessanten Themen, historischen Figuren/ Hintergründen und wunderbaren Schauplätzen zu begeistern und mich auf wundervolle Reisen zwischen zwei Buchdeckeln mitzunehmen.
Ich habe jeden ihrer Romane mit großer Begeisterung gelesen und freute mich schon sehr, als sie Anfang des Jahres 2022 ihr neues Buch „Die Köchin – Lebe deinen Traum“ ankündigte. Nicht nur die Handlung und das interessante Thema weckten mein Interesse, sondern auch der Handlungsort Canal du Midi – an diesem magischen Ort verbrachte ich als Kind und Jugendliche einige unvergessliche Urlaube mit meiner Familie.
Bereits nach Beendigung des ersten Bandes freute ich mich schon auf den zweiten Band der Reihe, welcher für den Herbst 2023 angekündigt wurde. Freundlicherweise bekam ich das Buch als vorzeitiges und persönliches Leseexemplar in unkorrigierter Fassung zugesendet und konnte so schon früher auf die gedankliche Reise gehen und Fabienne wieder treffen – an dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an den Blanvalet Verlag und an die Autorin.

Das Cover des hier vorliegenden zweiten Bandes passt sehr gut zum ersten Band, auch wenn das Cover und der Titel an die Taschenbuchausgabe des ersten Bandes, welche im August 2023 erscheinen wird, angepasst wurden.

Im Vordergrund steht eine junge Frau, welche zum Betrachter steht und eine gelbe Bluse und einen blauen Rock trägt. Ihr versonnener Blick geht nach links, ihre beiden Hände liegen vorne am Körper und berühren sich leicht. Im Hintergrund erhebt sich eine typische südfranzösische Stadt: Zwei- bis dreigeschossige sandfarbene Steinhäuser mit flachen Dächern und hellblauen Fensterläden, viele Pflanzen dazwischen und das Spiel des Sonnenlichts sorgen für den unverwechselbaren südfranzösischen Flair. Die Frau scheint auf einem Platz oder einem Hof zu stehen, hinter ihr ist ein Brunnen zu sehen.
Der abgesetzte Titel und Untertitel des Buches stehen über dieser Szenerie, darüber der Name der Autorin.

Da ich das Buch als Leseexemplar in unkorrigierter Fassung bekommen habe, und dieses nicht der endgültigen Fassung entspricht, kann ich diese nicht beschreiben. Klar ist aber, dass auch dieser Band wieder als hochwertiges Hardcover auf den Markt kommen wird.
Nach einem Zitat von Leonardo da Vinci, beginnt das Buch mit einem Vorwort der Autorin, in welchem sie auf die Handlung und die Figuren des vorherigen Bandes eingeht. Dieses Vorwort weckt direkt die Lust und die Spannung auf die Geschichte und ich fühlte mich direkt wieder in der Geschichte angekommen.
Nach diesem stimmungsvollen Vorwort beginnt die chronologisch erzählte Handlung, welche mit dem ersten Kapitel im Januar 1888 in der südfranzösischen Stadt Narbonne ansetzt. An das 48. und letzte Kapitel schließen sich die ‚Anmerkungen‘ der Autorin und ein Rezepte-Teil an, welcher mit liebevoll ausgewählten Rezepten zum genussvollen Nachkochen einlädt.

„»(…) Wen interessiert es, wo ein Mensch herkommt? (…) Liegt es nicht an jedem selbst, etwas aus seinem Leben zu machen?«“

[Seite 159]

Wie bereits im ersten Band steht auch in diesem zweiten Band die Köchin Fabienne im Mittelpunkt der Geschichte. Während sie zu Beginn des ersten Bandes ein junges und stellenweise etwas leichtgläubiges Mädchen ist, ist sie in diesem Band eine junge erwachsene Frau, die genau weiß, was sie beruflich erreichen möchte: Sie will als Köchin in einer Restaurantküche arbeiten – für die Erfüllung dieses Lebensziels ist sie bereit, alles zu geben.
Fabienne erfährt auf ihrem Weg immer wieder herbe Rückschläge, wodurch sie ins Straucheln gerät, doch sie gibt sich und ihr großes Ziel nicht auf.
Privat ist Fabienne von einem schweren Verlust gezeichnet, welchen sie noch immer nicht überwunden hat und auch die Hoffnung nicht aufgeben möchte.
Mit ihrer offenen, warmherzigen, zurücknehmenden und gleichzeitig kämpferischen Art konnte mich Fabienne schnell wieder für sich gewinnen, auch wenn Fabienne vieles mit sich selbst aus macht.

„Und so tat Fabie, was sie ihr Leben lang getan hatte: Sie machte die Dinge mit sich selbst aus.“

[Seite 223]

Fabiennes Freundin Stéphanie steht auch in diesem Band der Geschichte neben Fabienne. Diese undurchsichtige, rätselhafte Figur, machte es mir bereits im ersten Band nicht sehr leicht, sie zu mögen und als sympathisch zu empfinden. Auch wenn sie ihre Gründe hat, warum sie zu solch einer Frau geworden ist, konnte ich mich sehr schwer mit ihrer teils sehr egoistischen Art identifizieren. Trotzdem lebt diese Geschichte auch mit ihr und ihrer äußerst ambivalenten Art – auch wenn ich das ein oder andere mal wegen ihren Verhaltens den Kopf schütteln musste.
An Fabiennes direkter Seite ist Yves – der Mann, mit dem Fabienne endlich ihr privates Glück gefunden zu haben scheint. Er ist ein freundlicher und liebevoller Charakter, welchen ich bereits im ersten Band sehr ins Herz geschlossen habe.
Neben diesen drei Figuren spielen noch eine Vielzahl an weiteren Charakteren große und kleine Rollen. Auf diese möchte ich nicht zu detailliert eingehen, da ich sonst zu viel von der Handlung vorwegnehme.
Vor allem Fabiennes Familie, hauptsächlich ihre Schwestern und auch Fabiennes Sohn, stehen im Vordergrund. All diese Charaktere haben Ecken und Kanten und agieren auch unvorhergesehen und von außen betrachtet ungerecht – dadurch wirken sie sehr authentisch und lebensecht und auf keiner Seite überzeichnet. Auch die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse und Differenzen zwischen einigen der Figuren waren stets fassbar, vor allem aber fühlbar.
Petra Durst-Benning schafft mit ihren vielen und vielfältigen Figuren ein sehr lebhaftes und stimmiges Bild der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

„»(…) Manchmal muss man einfach beweisen, dass das vermeintlich Unmögliche doch möglich ist! Und ich wollte allen beweisen , dass ich als Frau genauso gut kochen kann wie ein Mann.«“

[Seiten 300/ 301]

Den geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund von „Die Köchin – Alte Hoffnung, neue Wege“ bildet das ausgehende 19. Jahrhundert in Südfrankreich:
Frauen haben in dieser Gesellschaft noch immer nicht viel zu sagen. Zwar dürfen Frauen in den Küchen der Herrenhäusern als Köchinnen arbeiten, in Restaurants wird ihnen dieser Beruf aber nicht zugetraut. In den Restaurantküchen regieren, wie in vielen anderen Bereichen auch, die Männer. Doch auch hier gab es Ausnahmen: Einzig in Lyon gab es ‚Les mères lyonnaises – Die Mütter Lyons‘. Dies waren Frauen, welche sich aus ihrer finanziellen Not mit der Eröffnung eines eigenen Restaurants befreit und sich gegenseitig unterstützt und geholfen haben. Mit diesen mutigen und kämpferischen Frauen kam Fabienne im ersten Band in Kontakt – Verbindungen welche noch immer da sind und Fabienne nach wie vor prägen.
Mitunter machten mich die Bemerkungen und auch das ungerechte Verhalten der Männer gegenüber Fabienne fassungslos und auch ein Stück weit wütend.

„»Eine Köchin? Gibt es so was überhaupt?« fragte einer der Herren.“

[Seite 195]

Ein weiteres Thema, welches am Rande erscheint, aber wahrscheinlich im dritten Band noch ausgebaut wird, ist die Entstehung der Restaurant-Führer (Restaurant-Bewertungen) und damit auch die Sterne-Küche.
Auch die wechselvolle Geschichte des Canal du Midi (‚Kanal des Südens‘) spielt in diesem Band wieder eine große Rolle. Als im 17. Jahrhundert mit dem Bau begonnen wurde, verband er das Mittelmeer mit der Stadt Toulouse und sorgte dafür, dass frische und verderbliche Waren schneller ans Ziel kamen. Zu Beginn des ersten Bandes hat der Canal du Midi bereits vieles von seinem eigentlichen Nutzen verloren – eine Entwicklung, welche sich auch im zweiten Band fortsetzt. Die Waren werden nun häufig mit der Eisenbahn durchs Land geschickt, was schneller geht, jedoch auch die Arbeitsplätze der ‚gens de l‘eau’ – den Wassermenschen‘ gefährdet.
In der heutigen Zeit ist der Canal du Midi eine touristische Attraktion und Sehenswürdigkeit und fördert damit die Wirtschaft der Region. Er wird mit Sport- und Hausbooten befahren und gehört seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Aus persönlicher Erfahrung kann ich euch diesen magischen Kanal und die malerische Umgebung dort sehr empfehlen. Unzählige Urlaube verbrachte ich dort und spazierte immer an den Ufern des Kanals entlang. Es ist ein Ort, an dem man die Zeit und alle Sorgen und Nöte vergessen kann.
Mit absoluter Leichtigkeit vermittelt Petra Durst-Benning historische Daten und Fakten über die Regionen am Canal du Midi, über Narbonne und Marseille und erzählt von den Bewohnern und deren vielfältigen Lebensweisen.
Auch die gesellschaftlichen und geschichtlichen Hintergründe hat Petra Durst-Benning wunderbar recherchiert und verwebt diese Fakten gekonnt mit den Lebensgeschichten ihrer fiktiven Figuren.
Mit ihrem wunderbar leichten und bildhaften Sprachstil konnte mich Petra Durst-Benning ab der ersten Seite wieder mit in die Geschichte nehmen und mich bis zum Ende festhalten.
Zum Beispiel wird der Besuch an einem Strand am französischen Mittelmeer so wunderschön beschrieben, dass ich direkt großes Fernweh nach diesem Ort verspürte.

„Das beruhigende und gleichzeitig so belebende Geräusch der Brandung klang wie die schönste Musik in Fabiennes Ohren. Der würzige Geruch von Meersalz, Tang und angeschwemmtem Treibholz – das war für sie Fabienne der Duft der Freiheit.“

[Seite 260]

Die Handlung knüpft ziemlich direkt an das Ende des ersten Bandes an. Meiner Meinung nach ist es nicht unbedingt erforderlich, dass man den ersten Band kennt, allerdings empfehle ich trotzdem, dass man den ersten Band bereits gelesen hat, da man die Begebenheiten, Figuren und ihr Verhalten/ ihre Entwicklung besser zuordnen und verstehen kann.
Wunderbar und sehr genussvoll sind die vielen Szenen, in denen gekocht wird. Hier merkt man einfach, wie sehr Petra Durst-Benning die französische Küche liebt und auch, wie leidenschaftlich und akribisch sie recherchiert hat. Es ist eine Geschichte, bei der man während des Lesens einen ständigen Appetit verspürt und die mit Liebe und Herzblut geschrieben wurde.

Danke liebe Petra Durst-Benning für dieses energiereiche und wunderschöne Lese-Erlebnis. Auch wenn den Reise von Fabienne noch nicht abgeschlossen ist, klappe ich das Buch mit einem guten Gefühl zu und freue mich auf ein Wiedersehen mit den liebgewonnen Charakteren im Sommer 2024 und bin so gespannt, wie sich dann im finalen Band alles finden wird.

„»Im tiefsten Inneren ist jede eine Rebellin, auch wenn nicht alle das, was in ihnen steckt, ausleben dürfen.«“

[Seite 370]

Fazit: Das Buch „Die Köchin – Alte Hoffnung, neue Wege“ ist der sehr gelungene und lesenswerte zweite Teil der Trilogie um die Köchin Fabienne.
Mit viel Flair, geschichtlichen Wissen und interessanten Einblicken in die Welt des Kochens nimmt uns Petra Durst-Benning mit auf eine gedankliche kulinarische Urlaubsreise.
Ich freue mich schon so sehr auf den nächsten Besuch bei Fabienne im Sommer 2024.

* Ich habe für diese Rezension von der Autorin und vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Bereitstellung eines kostenlosen Rezensionsexemplars durch den Verlag, der Titelbezeichnung/ Namensnennung und der Link zur Verlagshomepage muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

„Die Schwarzen Musketiere – Das Buch der Nacht“

von Oliver Pötzsch

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Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 23. Mai 2023
Verlag: Lago
Ausgaben: Hardcover
ISBN: 978-3-95761-227-4
Seitenanzahl: 320 Seiten
Preis: 14,00€

Homepage:
https://www.m-vg.de/lago/shop/article/24082-die-schwarzen-musketiere/

Klappentext:
„Als Lukas’ Mutter als Hexe angeklagt wird und sein Vater beim Versuch, sie zu retten, stirbt, ändert sich alles. Während Lukas vor dem Inquisitor Waldemar von Schönborn fliehen kann, bleibt seine kleine Schwester Elsa zurück. Auf sich allein gestellt, hat der junge Grafensohn nur noch ein Ziel: seine Schwester zu finden und Schönborn zur Rechenschaft zu ziehen.
Doch was kann ein einzelner Junge gegen einen mächtigen Inquisitor ausrichten?
Auf dem Weg durch das vom Dreißigjährigen Krieg zerstörte Deutschland findet Lukas gute Freunde und ein neues Ziel: Vielleicht kann ihm die sagenhafte Fechttruppe seines Vaters helfen – die Schwarzen Musketiere. Doch um die mutigste Kampftruppe Wallensteins zu finden, müssen sie direkt an die vorderste Kriegslinie …“

Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Lago Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension vom Autor und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.

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Das Buch „Die Schwarzen Musketiere – Das Buch der Nacht“ ist ein Fantasyroman mit historischen Hintergrund, spielt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges und ist der Auftakt einer dreibändigen Buchreihe.

Eigentlich sollte sein Geburtstag ein schöner und unbeschwerter Tag werden, doch es kommt alles anders und das Schicksal schlägt erbarmungslos zu und verändert das Leben des 13 jährigen Lukas für immer:
Seine Mutter wird vom Inquisitor Waldemar von Schönborn als Hexe angeklagt und verhaftet. Bei dem Versuch, ihr zur Seite zu stehen, stirbt der Vater. Lukas kann im letzten Augenblick fliehen, seine Schwester hingegen nicht – sie verbleibt beim Inquisitor.
Völlig auf sich alleine gestellt, muss Lukas schauen, wie er in einer Welt zurecht kommt, welche durch den Dreißigjährigen Krieg komplett aus den Fugen geraten ist.
Doch er findet Freunde, und auch eine Spur, welche zu einer ehemaligen Fechtgruppe seines Vaters führt: Die Schwarzen Musketiere. Doch der Weg zu dieser Gruppe führt in mitten ins Kriegsgetümmel.

„Einer für alle, alle für einen.“

Oliver Pötzsch und seine Bücher sind schon seit vielen Jahren ein fester Bestandteil in meiner Büchersammlung. Mit seiner Reihe um „Die Henkerstochter“ hat er sich zu einer festen Größe im Genre des Historischen Romans gemacht und begeistert mit seinen Büchern viele Leser und Leserinnen.
Seine Jugendbuchreihe „Die Schwarzen Musketiere“ hatte ich immer mal wieder gesehen, ich schaffte es aber nicht, diese zu lesen.
Im Mai 2023 erschien der hier vorliegende erste Teil in neuem Gewand im Lago Verlag. Dieser fragte an, ob ich dieses Buch gerne lesen und rezensieren möchte. Das war die Gelegenheit, mich mit dieser Reihe näher zu befassen – also sagte ich zu.
Das Buch erreichte mich mit einer „Ballade der Schwarzen Musketiere“, einer Autogrammkarte und einer Kette mit drei Pentagramm-Anhängern. An dieser Stelle bedanke ich mich ganz herzlich dafür.

Das Buch ist ein schön gestaltetes Hardcover und überzeugt mit einem schlichten und doch sehr eindrucksvollen Cover. Über zwei gekreuzten Degen steht in weißer Schrift der Name des Autoren, darunter in goldglänzender Schrift der Haupttitel des Buches, der Untertitel ist in weißen Buchstaben gehalten. Der dunkle Hintergrund wird von schemenhaften Pflanzenblättern aufgelockert, in der oberen linken Ecke und in der unteren rechten Ecke befinden sich rote Ornamente.
Direkt am Anfang des Buches ist ein Landkartenausschnitt des Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation um das Jahr 1633 zu sehen, auf welcher Lukas‘ Reise nachvollziehbar wird. Diese Karte befindet sich auch am Ende des Buches.
Nach der Widmung („Für den Jungen, der ich einmal war. Ich glaube, diese Geschichte hätte ihm gefallen.“) beginnt die Geschichte mit einem Prolog, welcher am 08. November 1620 nahe Prag beginnt. Dieser spannende Prolog öffnet die Tür zur Geschichte, hinterlässt auch viele Fragen und macht dementsprechend große Lust auf die Geschichte und darauf, diese Fragen zu lösen. Das erste Kapitel setzt dann im elf Jahre später, im September 1631 an. Wir befinden uns nun auf Burg Lohenstein, in der Nähe von Heidelberg.
Nach dem ersten Kapitel wird die Handlung chronologisch weitererzählt und umfasst hierbei in insgesamt 27 Kapiteln etwas mehr als ein Jahr. Angehängt sind ein Epilog, ein Lexikon, ein „kleines Wörterbuch der Fechtkunde“ und „Von der Kunst zu kämpfen“. Mit dem „Dank“ des Autoren endet das Buch.
Ein Personenregister gibt es nicht, welches ich aber auch zu keiner Zeit vermisst habe – ich konnte den vielfältigen Figuren und ihren Geschichten immer gut folgen.

„Lukas zitterte, er schloss die Augen und versuchte, seine Angst wenigstens für einige Minuten zu vergessen. Doch es gelang ihm nicht. Er fühlte sich so einsam, als wäre er der letzte Mensch auf der Welt. Sein Vater war tot, die Mutter und die Schwester gefangen und er selbst ein namenloser Flüchtling, ohne Heim und Zukunft.“

[Seite 33]

Der dreizehnjährige Lukas steht im Mittelpunkt der Geschichte. Von einer Sekunde auf die andere verändert sich sein bis dahin behütetes und sorgloses Leben und er muss erwachsen werden.
Lukas ist ein sensibler und doch auch gleichzeitig sehr selbstsicherer und freundlicher Junge. Er fasst schnell Vertrauen zu anderen Menschen, hat aber auch einen großen Gerechtigkeitssinn und erkennt Unrecht. Er fällt oft – anfangs auch sehr tief – doch er gibt sich nicht auf. Ich fühlte von Beginn an eine starke Verbundenheit zu Lukas und schloss ihn sehr schnell in mein Herz.
Ähnlich ging es mir mit Lukas‘ kleiner Schwester Elsa. Auch wenn sie selbst nicht so häufig direkt in der Handlung vor kommt, ist sie mit ihrer Geschichte immer sehr präsent und bildet für Lukas den Antrieb, weiter zu machen und immer wieder aufzustehen.
Ähnlich ging es mir mit Lukas Eltern, welche der Leser/ die Leserin nach wenigen Seiten gehen lassen muss – auch ihre Geschichten werden weiter fortgeführt und wirken auf die Handlung und auf Lukas ein. Auch wenn sie nicht mehr da sind, sind sie es irgendwie doch.
Neben Lukas und seiner Familie stehen noch weitere fiktive Charaktere im Zentrum der Geschichte. Auf diese möchte ich nicht detailliert eingehen, da ich sonst zu viel von der Geschichte vorwegnehme. An einigen Charakteren sieht man, wie wichtig, wahre Freundschaft ist und wie diese einen leiten und führen kann.

„Der kurze Wortwechsel (…) hatte ihm klargemacht, dass er trotz aller Beschwernisse über ein wertvolles Gut verfügte. Freundschaft.
Seine Reise war doch nicht ganz umsonst gewesen.“

[Seite 199]

Die Erwachsenen in diesem Jugendroman sind rau, von Krieg, Neid, Missgunst und vom Leben gezeichnet. In diese grobe Welt gerät Lukas und ab sofort sind er und seine Freunde eines nicht mehr: Kinder. Sie sehen schreckliche Gräueltaten und begehen auch Dinge, die heute unvorstellbar sind.
Zwischen all den fiktiven Charakteren spielen auch einige sehr bekannte historische Persönlichkeiten in dieser Geschichte eine Rolle: So machen die Jungen beispielsweise mit Wallenstein Bekanntschaft und auch der schwedische König Gustav II. Adolf kommt in dieser Geschichte vor.
Alle Figuren, egal ob fiktiv oder historisch sind durch ihre Schicksale und Lebensgeschichten miteinander verwoben und verbinden sich zu der großen, spannenden Geschichte. Auch die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse, Differenzen zwischen den Figuren waren für mich fühl- und spürbar und zogen mich schnell in die Geschichte hinein. Es bleibt spannend, wie sich einige der Charaktere in den Folgebänden entwickeln werden und welchen Weg sie einschlagen.
Die sehr gelungene Mischung aus historischen und fiktiven Figuren zeigt einen Querschnitt der damaligen Gesellschaft, welche nach wie vor nach Ständen gegliedert war. Zu den drei Ständen gehörten der Klerus, Adel und Bürger/Bauern.
Außerdem ist diese Gesellschaft vom Dreißigjährigen Krieg beherrscht worden. Dieser Krieg dauerte von 1618 bis 1648 und war ein Konflikt um die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich und in Europa. Was als Religionskrieg begann, endete als Territorialkrieg: In diesem Krieg entluden sich auf Reichsebene der Gegensatz zwischen dem Kaiser und der Katholischen Liga einerseits und der Protestantischen Union andererseits. Gemeinsam mit ihren jeweiligen Verbündeten trugen die habsburgischen Mächte Österreich und Spanien neben ihren territorialen auch ihre dynastischen Interessenkonflikte mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden vorwiegend auf dem Boden des Reiches aus.
Die Zahl der Toten des Dreißigjährigen Krieges schwankt in der Forschung zwischen drei bis neun Millionen, bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von 15 bis 20 Millionen Menschen.

„Oben zwischen den Glocken blickten die Freunde über ein verheertes Land, die Felder niedergetrampelt, die Bäume gefällt und als Brennholz mitgenommen, Rauchsäulen standen über den vereinzelten Weilern. Hier gab es kein Leben mehr, nicht mal ein Vogel zwitscherte.“

[Seite 115]

„» Ich stimme Lukas zu. Das ist ein Krieg der Mächtigen, und die Bauern müssen ihn ausbaden. Auch ich bin es leid, den Ärmsten den letzten Pfennig abzupressen, damit unser Tross sich weiter durch die Lande frisst. Wenn wir so weitermachen, wird der Krieg nie enden.«“

[Seite 225]

Ein weiterer geschichtlicher Hintergrund ist die Hexenverfolgung. Dieses Thema und den Hintergrund hat Oliver Pötzsch einerseits realistisch heraus gearbeitet, fügt diesen aber auch eine Prise an Fantasie und Mystik hinzu. Es wird deutlich, wie der Glaube an Hexen über Jahrhunderte in der Gesellschaft weitergetragen wurde und wo dieser seinen Ursprung hat. Auf diesen Teil der Fantasie muss man sich als Leser/in einlassen können. Ich fand das alles sehr stimmig … und vor allem spannend.
Noch etwas zum geschichtlichen Hintergrund: Die Hexenverfolgungen in Europa fanden überwiegend in der Frühen Neuzeit statt – also von 1450 bis 1750. Ihre Höhepunkte erreichten die Verfolgungen zwischen 1550 und 1650, in Österreich bis 1680. Die heutige Forschung, die auf breit angelegten Auswertungen der Gerichtsakten basiert, geht davon aus, dass die Verfolgung in ganz Europa etwa 40.000 bis 60.000 Todesopfer forderte.

Das Buch „Die Schwarzen Musketiere – Das Buch der Nacht“ von Oliver Pötzsch ist eine Geschichte, in der es um das klassische Gut gegen Böse geht. Allerdings machen die akribisch recherchierten Hintergründe und Themen den starken Reiz dieser Geschichte aus. Hier sind auch die vielen interessanten Einblicke in die Kunst des Fechten und Kämpfen zu erwähnen.
Mit viel Gespür für die damalige Zeit, den mitunter drastischen Beschreibungen und dem detaillierten Sprachstil nahm mich Oliver Pötzsch schnell mit in die mitreißende Geschichte. Stellenweise wurde es so spannend, dass ich das Buch nicht mehr aus den schweißnassen Händen legen konnte und wollte und innerhalb von zwei Tagen war die Geschichte ausgelesen.
Die chronologisch erzählte Handlung des Buches wirkt zu keiner Zeit überlastet – alles und jede/r hat seinen/ihren Platz in der Geschichte. Ich konnte der Handlung, den Hintergründen und den vielfältigen Figuren immer gut folgen.
Das Buch hat eine Altersfreigabe ab 13 Jahren, ich würde das Buch aber erst ab 14 Jahren aufwärts empfehlen, denn es ist keine leichte Kost ist: Viele Szenen spielen direkt auf den Schlachtfeldern, einige andere Szenen beschreiben die Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung und auch die Folter und die Hinrichtungen von Hexen werden sehr drastisch beschrieben.

Am Ende dieser Rezension möchte ich mich ganz herzlich bei Oliver Pötzsch für dieses gelungene Leseerlebnis bedanken.

Fazit: Oliver Pötzsch hat mit „Die Schwarzen Musketiere – Das Buch der Nacht“ einen spannenden Reihenauftakt geschrieben. Gekonnt würzt er die historischen Hintergründe mit einer Prise Fantasie und Mystik und lässt seine interessanten Charaktere eine tolle Entwicklung durchleben. Am Ende möchte man sofort wissen, wie es weitergeht und sich den zweiten Teil der Reihe „Die Schwarzen Musketiere – Das Schwert der Macht“ schnappen und weiterlesen. Dieser wird demnächst definitiv hier einziehen.

* Ich habe für diese Rezension vom Autor und/ oder vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Bereitstellung eines kostenlosen Rezensionsexemplars durch den Verlag, der Titelbezeichnung/ Namensnennung und der Link zur Verlagshomepage muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.



„Kornblumenzeit – Eine ostpreußische Familiengeschichte“

von Simona Wernicke

[Werbung*]

Bibliografische Angaben:
Erscheinungsdatum: 12. Juli 2023
Verlag: Gmeiner
Ausgaben: Paperback & eBook
ISBN: 978-3-8392-0488-7
Seitenanzahl: 508 Seiten
Preis: Paperback 18,00€

Homepage:
https://www.gmeiner-verlag.de/buecher/titel/kornblumenzeit.html

Klappentext:
Ostpreußen 1928. Die junge Käthe verliebt sich in Carl, einen angehenden Bäckermeister mit eigenem Geschäft. Nach der Hochzeit werden ihre Kinder geboren, es folgen arbeitsame und glückliche Jahre in Locken. Doch im Januar 1945 nimmt das Schicksal der Familie eine dramatische Wendung, als sie ihre geliebte Heimat Masuren verlassen müssen. Ist die gesundheitlich stark angeschlagene Käthe den Strapazen der Flucht gewachsen, und was wird aus den fünf Kindern, als Carl in Gefangenschaft gerät?

Hinweise:
– Das Buch habe ich freundlicherweise vom Gmeiner Verlag, vermittelt durch die Autorin Simona Wernicke, als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, ganz herzlichen Dank!
– Ich habe für diese Rezension von der Autorin und vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder.
– Aufgrund der Gegenleistung in Form eines kostenlosen Rezensionsexemplars muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.
– Das Copyright der verwendeten Fotos liegt ausschließlich bei Familie Kühnapfel. Diese Fotos dürfen ohne deren Einverständnis nicht kopiert und weiterverwendet werden. Danke an Simona Wernicke für die Möglichkeit, diese Fotos zu nutzen.

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Das Buch „Kornblumenzeit – Eine ostpreußische Familiengeschichte“ von Simona Wernicke ist die als Roman verfasste Familiengeschichte der Autorin und spielt ab dem Jahr 1928 bis 1949 in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, vorwiegend Ostpreußen.

1928 in Ostpreußen: Als die junge Käthe und Carl aufeinandertreffen, wissen die Beiden schnell, dass sie füreinander bestimmt sind. Carl, der angehende Bäckermeister soll nach seiner Prüfung den familieneigenen Betrieb im Dorf Locken übernehmen und bietet Käthe nach ihrer Hochzeit ein sicheres – jedoch arbeitsames Leben. Die Familie wächst schnell und es folgen meist glückliche Jahre, welche jedoch von der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überschattet werden.
Doch im Januar 1945 verändert sich das Leben der Familie. Die russische Armee steht an der Grenze und es bleibt ihnen nur die Flucht. Vieles muss die Familie zurücklassen und Käthe kämpft zudem mit ihrer äußerst instabilen Gesundheit.
Es werden katastrophale Wochen und Monate, welche der Familie alles abverlangen und nach denen nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Ende April 2023 machte mich die mir zu dieser Zeit noch nicht bekannte Autorin Simona Wernicke auf ihren Debütroman „Kornblumenzeit – Eine ostpreußische Familiengeschichte“ aufmerksam. Das wunderschöne Cover und auch der Klappentext weckten sehr schnell mein Interesse an der Geschichte und ich schrieb mir das Buch auf meine Merkliste. Da ein Teil meiner eigenen Familiengeschichte von Flucht und Vertreibung aus dem ehemaligen deutschen Ostgebieten geprägt ist, sind Romane und Geschichten darüber immer von großer Bedeutung für mich. Meine Großmutter selbst konnte und wollte zeitlebens nicht viel darüber erzählen – sie behielt leider vieles, was damals passiert ist, für sich.
Ende Mai fragte die Autorin an, ob ich ihren Roman lesen und rezensieren möchte – natürlich wollte ich das sehr gerne. Am 11. Juli erreichte mich das Buch als Rezensionsexemplar über den Gmeiner Verlag, wofür ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanke.

„Er ging hinüber zum Feld, das nicht bestellt worden war. Nur Mohn- und Kornblumen blühten wie immer.“

[Seite 439]

Das Buch ist eine sehr schön gestaltete Klappbroschur mit 508 Seiten (laut Homepage sind 537 Seiten). Das Cover zeigt eine üppige Blumenwiese mit Mohn und Kornblumen, Blickfang ist ein prächtiger grüner Baum, an dem ein Feldweg vorbeiführt. Hinter der Blumenwiese fließt ein Fluss, dahinter erheben sich grüne Hügel und treffen am Horizont auf einen bewölkten Himmel. Während der blaue Himmel im Vordergrund noch leicht bewölkt wirkt, sammeln sich weiter hinten die Wolken. Der Name der Autorin und der Titel und Untertitel des Buches stehen in passenden Farben auf der vorderen Wolke und es scheint, als schweben diese in den Wolken über die Landschaft.
Das Motiv des Covers wird auf dem Buchrücken und auf der Rückseite aufgenommen und fortgesetzt.
Auf der vorderen Klappe wird der Inhalt des Buches beschrieben. Während das Innere der vorderen Klappe leer geblieben ist, findet sich im Inneren der hinteren Klappe eine Karte des ostpreußischen Gebiets. Leider ist diese etwas unübersichtlich gehalten. Auf der hinteren Klappe wird die Autorin mit einer kurzen Biografie und einem Foto vorgestellt.
Nach der Widmung des Buches („Für meinen Vater und Käthe“) beginnt Teil 1 des Buches „Gute Jahre“, welcher im April 1928 ansetzt, im Januar 1945 endet und aus insgesamt 22 Kapiteln besteht. Auf Seite 334 beginnt dann der zweite Teil „Abschied und Ankunft“, welcher direkt an das letzte Kapitel des ersten Teils ansetzt und insgesamt 11 Kapitel beinhaltet. Das letzte Kapitel gibt die Jahre 1947 bis 1949 wieder – somit umfasst die gesamte und chronologisch erzählte Handlung des Buches etwa 21 sehr bewegte Jahre.
Mit dem sehr interessanten Epilog („Wie es weiterging“) und dem Dank der Autorin endet das Buch.
Ein Personenregister gibt es nicht, welches mir persönlich auch nicht gefehlt hat, da alle Figuren und ihre Geschichten und Hintergründe sehr behutsam eingeführt und beschrieben werden.

„» … Ei, ich wünsche mir die gute alte Zeit zurück. Irgendwie nimmt das alles kein gutes Ende, ich habe so ein mulmiges Gefühl.«“

[Seite 122]

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Käthe und Carl, ihre Kinder und die vielen weiteren realen Familienmitglieder.
Käthe ist zu Beginn der Handlung 21 Jahre alt. Sie und der 25 Jahre alte Carl sind sich schon länger durch die Freundschaft ihrer Väter bekannt, sehen sich aber nur in unregelmäßigen Zeitabständen. Beide erkennen im Jahr 1928, dass aus dem einstigen Kindern anziehende Erwachsene geworden sind.

Hochzeitsbild von Käthe und Carl

„Er war ein kräftiger, gut aussehender junger Mann von 25 Jahren, gut gebaut mit einem glatt rasierten Gesicht, Lachfältchen um die Augen. Das blonde Haar trug er nach der neusten Mode an den Seiten raspelkurz und oben zu einer kurzen Tolle seitwärts glatt gekämmt. Carl hatte freundliche, gütige Augen und einen schmallippigen Mund. Sein Gesicht drückte Forschheit und Willensstärke aus.
(…)
War das das kleine Käthchen, das vor fünf Jahren noch ein Backfisch mit streng gescheiteltem Haar und langen geflochtenen Zöpfen war? Diese schöne junge Frau mit dem verschmitzten und doch so bescheidenen Lächeln?“

[Seiten 17/ 18 und 19]

Von Beginn an spürte ich die tiefe Verbundenheit zwischen Käthe und Carl. Was mit einem leichten Knistern zwischen den Beiden beginnt, endet in einer Ehe, welche von einer tiefen Liebe zueinander und großen Respekt voreinander geprägt ist. Ich schloss die beiden Charaktere sehr schnell in mein Herz und werde deren mitreißende und ergreifende Geschichte nicht mehr vergessen.
Käthe ist eine bescheidene und gutherzige Frau. Ihr ergeht es so, wie es in diesen Zeiten vielen Frauen erging: Sie gebärt ein Kind nach dem anderen, ihre eigene Gesundheit und ihr Befinden stehen immer hinten an. Ihr Leben ist von Haushalt, Kindererziehung und viel Arbeit geprägt, es gibt nur selten eine Atempause für sie. Auch wenn Carl vieles in Sachen Kinder und Erziehung Käthe überlässt, unterstützt er sie trotzdem so gut es geht und auch von Carls liebenswerter Mutter Ida erhält Käthe immer wieder Rückendeckung.


„Sie war eine Frau, aber ihr Bauch gehörte ihr nicht. Er war als Gebärmaschine gedacht. Und Carl wollte offenbar eine ganze Fußballmannschaft.“

[Seite 122]

Familie Kühnapfel

Carl ist ein sehr aufmerksamer und hilfsbereiter Mann. Mit der Übernahme der elterlichen Bäckerei und als leidenschaftlicher Bäcker hat er seinen Platz im Leben gefunden.
Um Käthe und Carl spielen eine Vielzahl weiterer Figuren mit, welche alle einen realen Hintergrund haben. Viele der Figuren kommen im Laufe der Handlung hinzu, von einigen muss man sich jedoch auch verabschieden.
Aus völlig unbedarften und ehrlichen Menschen, welche sich ihr Leben eingerichtet haben, entwickeln sich Menschen, die von Krieg, Flucht und Vertreibung schwer gezeichnet werden und deren Schicksale noch die nachfolgenden Generationen berühren.
Alle Figuren, ihre Schicksale und Lebensgeschichten sind miteinander verwoben und verbinden sich zu der großen, spannenden, tragischen und wahren Familiengeschichte von Simona Wernicke.
Auch die Tragik, die Spannungen, Zerwürfnisse, Differenzen aber auch die Anziehung zwischen den Figuren waren für mich fühl- und spürbar und zogen mich schnell in die unvergessliche Geschichte hinein. Es sind Figuren, die ich nach Ende des Buches nicht gerne loslasse und deren Schicksale und Geschichten mich mit Sicherheit noch länger beschäftigen werden.
Es ist die wahre Geschichte einer Familie aus vergangenen Zeiten.

Zwei Bilder aus glücklichen Tagen

Mit viel Gespür für die damalige Zeit, den wunderschönen Beschreibungen der Landschaft und des Ortes und ihrem detaillierten Sprachstil nahm mich Simona Wernicke schnell mit in die Geschichte.
Während es im ersten Teil der Geschichte noch sehr gemächlich und ruhig zugeht, man aber bereits die dunklen Vorboten des kommenden Unheils am Horizont erkennen kann, überschlagen sich im zweiten Teil die Ereignisse. Es wird so dramatisch, emotional und mitreißend, dass ich während des Lesens die ein oder andere Träne vergoss und eine Gänsehaut meinen Körper überzog.
Die Seiten flogen nur so dahin und innerhalb von wenigen Tage waren die etwa 500 Seiten gelesen. Nur äußerst ungern legte ich das Buch – vor allem zum Ende hin – aus den Händen.
Die chronologisch erzählte Handlung des Buches wirkt zu keiner Zeit überlastet oder gar unlogisch – alles und jede/r hat seinen/ihren Platz in der Geschichte. Ich konnte der Handlung und den vielfältigen Figuren immer gut folgen. Diese Geschichte riss mich buchstäblich mit sich und ließ mich nicht mehr los.

„Doch von nun an waren sie an keinem sicheren Ort mehr. Vorher hatte der Krieg überwiegend im Radio stattgefunden, jetzt war er bittere Realität geworden.“

[Seite 299]

Den geschichtlichen Hintergrund des Buches bilden die Jahre 1928 bis 1949. Diese Jahre wurden durch das Dritte Reich, den Zweiten Weltkrieg, Flucht und Vertreibung und der unmittelbaren Nachkriegszeit geprägt.
Während der Hitler-Zeit fanden ungefähr 17 Millionen Menschen den Tod: Juden, Kriegsgefangene, Homosexuelle, körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen, Sinti und Roma und sowjetische, polnische und serbische Zivilisten wurden ermordet.

„»Das geht doch nicht. Die müssen sich doch wieder besinnen. Wieso sind Juden Menschen minderen Rechts? Nur wegen ihrem Glauben? Was soll das mit dem Blut. Wir sind doch alle deutsch! Wir sind doch alle Menschen!«

[Seite 127]

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs (1939 – 1945) starben weltweit über 60 Millionen Menschen und der Krieg brachte unvorstellbare Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Vorschein.
Aber auch kurz vor und nach Kriegsende nahm das Grauen kein Ende: Vor dem Krieg lebten mehr 18 Millionen Deutsche in den Ostprovinzen sowie in Polen, den baltischen Staaten, Danzig, Ungarn, Jugoslawien und Rumänien. Als der Krieg 1945 mit der Kapitulation Deutschlands endete, waren zwischen 1944/45 und 1950 zwölf bis 16 Millionen Deutsche von Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen Ostgebieten betroffen – genaue Zahlen gibt es hierzu nicht. Sie mussten vieles zurücklassen und konnten nur das Nötigste mitnehmen. Die flüchtenden Menschen waren eiskalten Temperaturen ausgesetzt und wurden auch aus der Luft angegriffen. Bis zu 600.000 Menschen verloren auf der Flucht ihr Leben. Kinder, die ihre Eltern auf der Flucht verloren hatten, mussten sich alleine durchschlagen und völlig auf sich alleine gestellt um ihr Überleben kämpfen – die sogenannten Wolfskinder.
Diese geschichtlichen Themen und Hintergründe (allen voran die Flucht aus Ostpreußen) stellt Simona Wernicke in ihrem Roman sehr nachvollziehbar, aber auch sehr mitreißend da. Es ist die wahre Geschichte ihrer Familie – und der Gedanke, dass das alles genau so passiert ist, macht es für mich noch emotionaler und mitreißender.

„Und langsam ging es weiter, immer weiter. Wagen an Wagen. Die Dörfer, die sie durchfuhren, waren wie ausgestorben. Leer standen die Häuser . Tote Fensteröffnungen, alles zerstört, geplündert. Kein Hahn krähte mehr, keine Kuh blökte. Kein Kind lachte.“

[Seite 354]

Simona Wernicke hat mit diesem Buch ihrer Familie ein großes und unvergessliches Denkmal gesetzt. Sie zeigt, wie unsagbar schwer und entbehrungsreich diese Zeiten waren, zeigt aber auch eindrucksvoll, dass sich diese starke Familie trotz des erfahrenen Leids und der vielen unfassbaren Schicksalsschläge nicht hat unterkriegen lassen.
Danke liebe Simone Wernicke für dieses bemerkenswerte und bewegende Lese-Erlebnis und den netten Kontakt auf Instagram.

Bild 1: Das Wohn- und Geschäftshaus in Locken, Bild 2: Käthe als junge Mutter, Bild 3: Carl und Käthe jung verheiratet mit Alwine und Hans sowie deren Söhne Walter und Hans im Seebad Cranz

Fazit: „Kornblumenzeit – Eine preußische Familiengeschichte“ von Simona Wernicke ist eine starke und unvergessliche Geschichte, welche auf wahren Begebenheiten beruht und oft zu Tränen rührt. Während der erste Teil der Geschichte noch ruhig und gemächlich daher kommt, überschlagen sich im zweiten Teil die Ereignisse. Eine Geschichte, die mich buchstäblich mit sich gerissen und nicht mehr losgelassen hat. Sehr lesenswert.

* Ich habe für diese Rezension von der Autorin und vom Verlag keinerlei finanzielle Gegenleistung bekommen, sie spiegelt mein persönliches Leseempfinden wieder. Aufgrund der Bereitstellung eines kostenlosen Rezensionsexemplars durch den Verlag, der Titelbezeichnung/ Namensnennung und der Link zur Verlagshomepage muss diese Rezension als Werbung gekennzeichnet sein.